Am Morgen vorgelesen (Forts.)

Für viele Mitglieder der gebildeten Mittelschicht gehörte die Sendung zum gehobenen Tagesbeginn. Er brachte seinen Hörern Effi und vielleicht auch noch Stine nahe, den alten Stechlin und den jungen Törleß. Tonio Kröger und Settembrini und Mijnheer Peeperkorn gingen alle natürlich auf Rechnung Gert Westphals. Ein ganz kleines Bisschen gab es auch von Heinrich Heine und ein bisschen mehr vom Prosaisten Heinrich von Kleist, von Goethe und Schiller sowieso, von Lenz nix. Aus Russland war wenig zu vernehmen. Weder den rührenden Myschkin, noch die traurige Anna Karenina, weder den Stillen Don, noch Welterfolge wie der Meister und Margarita wollte man uns zumuten. Die USA erschienen in Hemmingway, in Scott Fitzgerald, nicht in John Dos Passos, nicht in Herman Melville, der große Name des Iren Joyce kam leider nur in der Lesung eines Romans von Joyce Carol Oates vor. Auch nach Gesine Cresspahl geb. Papenbrock suchte man vergebens, Figuren aus der Bargfelder Dichterküche oder das Kirchlein Maria Schnee in der Oberpfalz tauchten schon gar nicht auf, von der Strudelhofstiege zu schweigen. So hatte die Lebensleistung Hanjo Kestings ihre bemerkenswerten Meriten und ihre landestypischen Grenzen. Wie’s heute aussieht, mag jedes probieren. Ich halte mich heraus, ich bin nicht mehr dabei am Morgen, wenn im Radio vorgelesen wird. Ich bin meist im Internet.

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