BEETHOVEN.TRIPLE CONCERTO AUS FREIBURG.

Beethovens Triple Concerto op. 56 gehörte bislang nicht zu den Beethovenwerken, die das Publikum von den Sitzen reißen. Zu Beethovens Zeit stand diese Konzertform, in der nicht ein, sondern mehrere Solisten zugleich vorm Orchester hervortreten, in Blüte, bevor sie urplötzlich – Ausnahme Brahms‘ Doppelkonzert – totalverwelkte. An den Solisten, die sich an dem Stück versuchten, lag es gewiss nicht. Die Oistrakhs und Menuhins, die Casals‘ und Rostropowitschs, Barenboims und Swjatoslaw Richters unter der Ägide aller Karajane der Vergangenheit versuchten es – vergeblich. In einer Neuproduktion unternehmen die Geigerin Isabel Faust, der Cellist Jean Guyen Queiras und am Fortpiano Alexander Melnikov einen weiteren Versuch.

Dreierlei Zutaten hat sich Beethoven für dieses Werk ausgedacht: Eine Solisten-Trias, die zweitens zugleich ein Klaviertrio bildet, sowie ein Orchester. Er halste sich auf diese Weise das Problem der Integration dreier dynamisch und räumlich extrem unterschiedlicher Erscheinungsformen der Musik auf: Instrumentalsolo, Kammermusik und Sinfonie, eine Quadratur des Kreises.

Bisher galt: der große Beethoven – leider gescheitert. Der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado führt nun aber das Freiburger Barockorchester (FBO) auf der neuen CD auf eine Weise mit den, mal einzeln, mal als Trio auftauchenden, Solisten zusammen, dass man den Eindruck haben kann, Beethoven vergriff sich auch in Opus 56 durchaus nicht.

Für Georg Lukács in seiner Ästhetik muss jedem, über seine Zeit hinaus wirksamen Kunstwerk sein „hic et nunc“ eingeschrieben sein – das Hier und Jetzt Beethovens im Moment der Arbeit in diesem Moment seines Lebens plus sein geschichtlicher Hintergrund müssen mitschwingen, wenn die Mondscheinsonate, die Neunte oder eben das Triplekonzert ertönen. Dazu, was im Musikerlebnis an, den ästhetischen Eindruck beeinflussenden, Momenten alles zusammenkommt, gehört über Jahrhunderte hinweg auch das Hier und Jetzt der Rezipienten,  die Wachheit und psychische wie soziale Verfassung jedes Einzelnen in ihrem und seinem privaten wie geschichtlichen Moment. Und es gehört dazu die Größe und Atmosphäre des Aufführungsraums, mit der der Komponist bei der Arbeit zu rechnen und auf den sich sein Publikum einzustellen hatte.

1803 ist das Werk entstanden. Der 33-jährige Beethoven befand sich im Anflug auf die Eroica, die Apassionata, Scheitelpunkte im Schaffen des sich auf der Höhe seiner Ideale bewegenden Komponisten (ein Jahr später wird sich zu seinem großen Ärger Napoleon die Kaiserkrone aufs Haupt drücken). Das Triplekonzert ist voller Schwung und Entschiedenheit. Auch der langsame Satz kein Bruch, mehr Idyll. Der letzte Satz bietet, ungewöhnlich für ein Finale, einen heroisch aufgeputzten Volkstanz á la Polacca.

Dass das Stück bei der Uraufführung in Leipzig 1808 wenig zu gefallen wusste, könnte an der Größe des Gewandhauses gelegen haben. Kammermusik war damals eine gänzlich private, in kleinen Salons stattfindende Sache, ein Trio – auch als Bestandteil der Konzertform – hatte in einem Sinfoniekonzert schon aus Gründen der Saalgröße weder ästhetisch noch akustisch etwas zu suchen. Die aus Gründen konkurrenzgetriebener Akkumulation immer größer werdenden Säle verlangten immer lautstärkere Instrumente, immer größere Klangkörper. Aus zarten Barockgeigen, Holzflöten und mit Kalbfell bespannten, mit Holzschlägeln traktierten Pauken wurden Instrumente, die noch in japanischen Dreitausendplätze-Hallen beeindrucken. Auf Kosten der Charakteristik, der Aura und – beim Triplekonzert besonders wichtig – der Balance und klanglichen Trennung zwischen Orchestergruppen und Solo-Instrumenten.

Wie das funktionieren kann, führen Heras-Casado, die drei Solisten und das wie immer fabelhafte, klein dimensionierte FBO vor. Queiras hat am Cello noch die meisten Gelegenheiten, seine auch auf dem Barockcello immer sensibler genutzten solistischen Fähigkeiten zur Geltung zu bringen. Ansonsten sind sich die drei Stars an den Soloinstrumenten nicht zu schade, zusammen mit dem Orchester auf dieser Aufnahme nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ein dynamisch und strukturell beglückend „natürliches“ Klanggefüge herzustellen. Vermutlich, wäre zu ergänzen, hat auch der Tonmeister dieser Produktion, Martin Sauer, delikateste Arbeit geleistet; er stellt mit seinen Mikrofonen einen imaginären Saal von genau der richtigen Größe dar und steuert die Disproportionalitäten des Triplekonzerts in ein ungekünsteltes Klangbild aus.

So fließt das friedvoll schöne Largo des mittleren Satzes in ein von Skalen von unten nach oben präludierendes Aufzählen gebrochener Akkorde aus, Klavier, Geige und Cello sind allein; sie wechseln sich als Klaviertrio, immer leiser und deutlicher werdend, ab, man vergisst indes darüber das pausierende Orchester nicht, der große musikalische Zusammenhang dieses besonders leichten und duftigen Beethoven-Werks bleibt auch atmosphärisch gewahrt. In der Exposition des ersten Satzes dagegen spielt das Orchester nicht, wie sonst in Solisten-Konzerten üblich, auf den Beginn des ersten Solo zu. Als wären keine Solisten da, tritt das FBO – für mein Ohr sinnvoll – vollrohr sinfonisch auf. Das Largo endet Attacca in der Quinte über dem Grundton C des vom Cello mit dem, in höchsten Lagen und vogelgleich unbeschwert vorgetragenen, Thema des folgenden Rondo alla Polacca. Flageolettefahl und frisch scheint da ein junger Frühlingsmorgen zu erwachen, bevor es losgeht mit dem finalen Volkstanz-Rausschmeißer.

Das Triplekonzert als Hörvergnügen! Es geht immer weiter nicht nur mit der Musik. Je vertrauter sich die Musiker mit der Vergangenheit machen, desto mehr Zukunft haben sie. Und je mehr Zukunft wir alle hätten, gehörte die Welt erst denen, die sie (sich) erarbeiten, je mehr Big Data wir – nicht die Internetkonzerne und imperialen Geheimdienste – zur Verfügung hätten, desto gründlicher könnten wir am Ende zurückschauen, entdecken und nutzen, was die Menschheit an lebenswertem, menschengerechtem Wissen bereits angehäuft und genossen hat. Junge Welt, April 2021

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