Die Antiautoritäten.Der Westen will es wissen.

Ein Gespenst geht um in der Welt, das Gespenst der „autoritären Regime“. Der Westen hat seit kurzem einen wahren Rochus aufs Autoritäre. Haben wir 68er, Erfinder und erste Aktivisten des Anti-Autoritären, Nachwuchs bekommen? Die neuen „Anti-Autoritären“ kämpfen freilich nicht gegen Ordinarienuniversität, Notstandsgesetze, Springer, Vietnamkrieg. Überhaupt war ihnen ein Widerwillen gegen den seit Jahrhunderten in ihrer eignen Sphäre bis in die kleinste Familie, den größten Betrieb wirkenden, heute als „Top-Down-Management“ auftretenden, Autoritarismus nie anzumerken.

Es muss eine ganz besondere Art von Autoritarismus sein, die sie in Rage bringt. Denn an Regimen wie dem der Apartheid in Südafrika oder in Israel, an den Militärdiktaturen Südamerikas und Asiens, den Despotien des Nahen Ostens haben sie sich nie gestört; sie haben die meisten davon ja selbst ins Leben gerufen, sie nach Kräften unterstützt und in jedem Fall gut an ihnen verdient. Sie verdienen bis heute an Legionen korrupter und oder auch despotischer Regime der kapitalistischen Marktwirtschaft in aller Welt, ohne eine Sekunde die Elle des Autoritarismus daranzulegen.

Was die Sache wirklich problematisch macht: Sie bedienen sich in ihrem Kampf gegen von ihnen global verteufelte „Autoritäre“ nicht der von uns Anti-Autoritären der ersten Stunde bevorzugten Go-Ins und Teach-Ins, Rektoratsbesetzungen und Straßen-Demonstrationen, nein: Es sind Flugzeugträger und Raketenkreuzer, mit denen sie im südchinesischen Meer aufmarschieren, Panzer und Mittelstreckenraketen, mit denen sie Russland umzingeln, Wirtschaftssanktionen und Drohnen, mit denen sie Millionen Unschuldiger in aller Welt töten. Wo sie hinlangen in ihrem Kampf gegen das Autoritäre, wächst kein Staat mehr, bleibt kein Stein auf dem anderen, füllen sich Massengräber bis an den Horizont.

Der Autoritätsbegriff der 68er ging nach allem, was wir in unseren Familien erlebt hatten, von Adornos „autoritärem Charakter“ aus. Im Anti-Autoritären war nach 1945 gleichsam naturwüchsig der Antifaschismus angelegt. Schaut man sich die „autoritären Regime“ an, gegen die die neuen „Anti-Autoritären“ mobil machen, fällt allerdings das Fehlen eines faschistischen Regimes auf. China, Russland, Nordkorea oder dem Iran kann man alles Mögliche nachsagen, keinen Faschismus. Der gute alte „Kommunismus“ als westliches Dauerfeindbild des 20. Jahrhunderts war mit Beginn der 1990er Jahre aussortiert, vorschnell, wie es scheint. Der ihm folgende „Terrorismus“ ist, seit sich seiner selbst Leute wie Erdogan ganz offen sowohl aktiv, als auch propagandistisch bedienen, definitiv auf dem Hund.

Etwas Neues, das sich zudem auf alles und jedes anwenden lässt, musste her. Im Anti-Autoritären steckt der attraktive Widerwillen gegen Herrschaft. Herrschaft ist seit Jahrtausenden mit Ausbeutung verbunden, auch sie, zumindest bei den Ausgebeuteten, nicht eben beliebt. Warum also nicht – egal ob Volksrepublik, Oligarchie oder Mullahdiktatur – solch fast archaische Aversionen geschickt gegen die jeweils aktuellen Feinde richten?

Scheiß auf Evidenz und Empirie, sagen sich dabei sinngemäß die westlichen Eliten und greifen sich die Wörter heraus, wie sie sie brauchen. Wer gerade herrscht und wie autoritär oder liberal, das ging ihnen schon immer am Arsch vorbei. Hauptsache sie haben die Macht. Wird ihnen die streitig gemacht, ist Schluss mit Toleranz und Freiheit and Democracy. Wer’s trotzdem wagt – fällt unter „autoritär“. Und wird im Namen der Freiheit von Sanktionen gewürgt, mit Vernichtungswaffen umstellt – und als Kriegstreiber modelliert. Junge Welt, Juli 20121

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