Enno Poppe.Filz

Reden wir einmal nicht von Beethoven. Reden wir von Enno Poppe. 199 Jahre nach Beethoven geboren, macht er nicht mehr, aber auch nicht weniger, als Beethoven machte: Er verlässt gebahnte Wege. Und findet neue. Er fordert sein Publikum heraus, indem er ihm etwas, zwei Jahrhunderte nach Beethoven, offenbar schier Äußerstes zumutet, etwas, das er selbst dem Vernehmen nach seit frühester Jugend kennt: sich auf radikal Neues einzulassen.

Für Beethoven ergab sich das Neue in frühester Jugend aus der Bekanntschaft mit dem „Wohltemperierten Clavier“. Bachs schöpferische Erforschung der Polyphonie und der harmonischen Wirkungen und Entwicklungsmöglichkeiten des Quintenzirkels bildeten im Schaffen Beethovens die Grundlage für, aus dem Neuen entstehende, neue Triebe mit immer neuen Abzweigungen und Knospen.

Die Pflanzenmetaphorik schlägt den Bogen erneut zu Poppe. Der liebt es, sich, wenn von seiner Musik die Rede ist, in naturwissenschaftlicher Idiomatik zu bewegen. Als jemand, der ein langes Musikstudium, unter anderem bei Gösta Neuwirth, hinter sich hat, kennt er sich natürlich auch im Quintenzirkel aus und ist problemlos in der Lage, eine Fuge zu komponieren. Er geht allerdings fundamental andere Wege – nicht ohne etwa im Mittelsatz des Titelstücks der neuen CD mit dem Ensemble Resonanz und Tabea Zimmermann auch eine in die neue Welt seines Komponierens übersetzte Fuge hören zu lassen.

Der Vater des 1969 im sauerländischen Hemer geborenen Komponisten war Lehrer für Musik und Mathematik. Poppe sei, liest man, schon in der Jugend auf Forschungsprojekte gestoßen, in denen versucht wird, das Wachsen und Verzweigen in der Pflanzenwelt in mathematischen Modellen zu erfassen. Am Beginn von „Filz“ jedenfalls, dem Titel- und Hauptstück der neuen CD mit drei Werken für Kammerorchester stellt das Ohr verblüfft fest: mit der Logik, der Art von Hören und Denken europäischer Musiktradition öffnen sich keine Türen zu Poppes Musik.

Das Bratschenkonzert „Filz“ beginnt mit einem Solo Tabea Zimmermanns. Der Ton schlingert – eine Reminiszenz an Arabien? – melismatisch durch die Luft. Das Ganze verwandelt sich in ständigen Wiederholungen, bleibt dabei in einer durch Dehnungen, Stauchungen, jähen Veränderungen der Lautstärke figurierten, glissando-artig durchgehenden Bewegung, die in ihrem Schlingern und Gleiten auch alles andere erfasst – Tonalität, Farben, Dynamik. Einzigartig, wie viele wie spontan erfundene Ausdrucksnuancen Tabea Zimmermann einem konzertanten Mauerblümchen wie der Bratsche zu entlocken vermag. Man muss diese Musik unbedingt mehrmals hören, auch schwierige Texte erschließen sich nicht beim ersten Lesen. Zum Lohn wird in den wilden Crescendi und Decrescendi, im jäh hingefetzten Abreißen und immer neuen Ansetzen mit jedem Mal deutlicher die Form auch in Poppes Komponieren.

 Wie in der Natur wächst sich auch in ihm das Einfachste und Kleinste, sagen wir: Atome, Einzeller, Grashalme, zu großformatigen Molekülbildungen mit „Akkorden“ aus mathematisch errechneter Mikrotonalität, zu Klangtumulten und orchestralen Wirbelstürmen aus. Anders als bei Beethoven tritt in der Wahrnehmung von Kraft, Energie, Lyrik oder Depression aus dieser Musik allerdings kein diskursiv erfasstes Gesellschaftlich-Historisches oder intim Biografisches hervor. Aus Triumph oder Sieg, Anbetung, Tragödie, Katastrophe oder Paradies wird bei Poppe – naturhaft Elementares. Es bedeutet nichts, es ist, was es ist. Auch der Anblick keimender, wachsender, zerberstender oder in unerforschlichem Sog in ein Unendliches hinaufschießender Natur bedeutet nichts und löst doch spürbar vieles in uns aus.

Wer in all dem nur Kopfmusik vermutet, geht in die Irre. Spätestens beim ersten Erklingen der vier, in kontratiefer Schwärze auftretenden Klarinetten bemerkt das Ohr: in Poppes Musik gibt es Sinnlichkeit, Hördelikatessen. So sind die Klarinetten in all ihrer Klangschönheit in langanhaltenden Liegetönen die Unterlage, Poppe nennt sie im Interview scherzend die „Fußbodenheizung“ von „Filz“. Im Verlauf umschlängeln sie in hinreißendem Klangduett die hohe Bratsche, Poppe baut ins Denken seiner Musik umgerechnete Reminiszenzen an die Tradition in seine Musik ein, eins muss nur dranbleiben und zuhören.

Unglaublich, was er mit dem Streicherklang anstellt. Wie er Bratsche und „Tutti“ sich mutuell durchdringen lässt, sie im nächsten Augenblick in schneidende Klarheit entwirrt, wie sich die hohen Streicher am Ende des schnellen „Filz“-Mittelsatzes zum klanglichen Lazerstrahl aus fräsend-gleißenden Einzellinien vereinen, im nächsten Moment bilden sie nebelhafte Klangschleier aus irrwitzig fein gemischten Tonschichtungen. In Augenblicken oder länger, mutiert die Musik klanglich und auratisch, von der intimen, kaum kammermusikalischen Einzelheit zum kosmisch-orchestralen Ganzen und wieder zurück. Es ist unbeschreibbar viel, was da in einer, auch so etwas wie die Zeit noch relativierenden, Gedrängtheit vor sich geht. Ein Hörvergnügen eigentlich in allem, was Musik zu bieten hat. Es kommt dem gleich, was schon das Publikum der alten Musik hinriss und verzauberte. Nur entstammt es naturwissenschaftlich inspiriertem Denken, und auch in dieser Erscheinungsform wird großartige Musik daraus.

Mit dem Komponisten am Pult, dem Ensemble auf der Stuhlkante, für das die drei Werke der CD geschrieben wurden, und der wie immer einzigartig einfühlsamen, unendlich ausdrucksvariablen Tabea Zimmermann als Solistin hat diese Neuerscheinung die denkbar idealen Interpreten.  Junge Welt, Juni 2021

Enno Poppe: Filz. Stoff. Wald – Tabea Zimmermann, Ensemble Resonanz / Enno Poppe (wergo / Naxos)

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