„Unvorstellbar, wie dumm die Welt heutzutage geworden ist. Nikolai Gogol, 1843

Screenshot Wikipedia
Der russische Dichter Nikolai Gogol, gemalt vom Kronstädter Meister Friedrich Theodor von Möller (1812 – 18xx). So interessant die in der St. Petersburger Tretjakow-Galerie hängende Kopie des Bilds ästhetisch ist, sie bleibt bedauerlicherweise ein Eye Catcher. Denn es geht – bevor es um die deutsche Ostpolitik geht – zunächst um den Text, den Wikipedia unter das Bild gesetzt hat, die kurze Provenienzgeschichte des bis heute verschwundenen Originals. Sie endet 1941 in einem Museum in Poltawa, ein Ort in der sowjetischen Zentralukraine, „wo es sich befand. Während des Zweiten Weltkriegs ging das Original verloren.“ So zusammenhängend das Zitat. Aber was geschah mit dem Bild nach 1941? Enzyklopädische Leere. Es ging verloren.
Mehr als 80 Jahre danach löst dieser Bildtext mit der Floskel „während des 2. Weltkriegs“ alles in Luft auf, was zwischen 1941 und 1945 auf russischem Boden geschah. Das englische Wikipedia ringt sich immerhin zur Formulierung durch, das Originalbild „was lost during the german occupation of Ukraine“. Aber in Deutschland sitzen 80 Jahre nach dem „2. Weltkrieg“ immer noch Leute an Wikipedia-Computern und sorgen redigierend dafür, dass über diesen Teil der deutschen Vergangenheit nur mitgeteilt wird, was in die gegenwärtige politische Erzählung passt. Also nichts. Insoweit haben die Wikipedia-Redakteure recht: es war halt der „2. Weltkrieg“, schlimm, aber das war’s.
Aber was ist zeitgleich los mit der deutschen Ostpolitik? Sie glaubt offensichtlich, dafür sorgen zu müssen, dass über den Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion so wenig wie möglich geredet wird. Die geschichtlichen Tatsachen passen ganz offensichtlich nicht zum Bild des aggressiven kriegslüsternen Russland, das den Bundesbürgern gebetsmühlenhaft eingebläut wird. Russland hat schließlich einen brutalen, völkerrechtswidrigen Krieg gegen die wehrlose Ukraine begonnen. Punkt. Wird Putin nicht Einhalt geboten, marschiert er durch bis zum Ärmelkanal. Ich habe Ähnliches in den 1960er Jahren auf den Wahlplakaten schon einmal gesehen: der düstere Schatten eines schwarzroten sprungbereiten sowjetischen Tataren fiel da von hinterm Horizont bedrohlich auf Europa. Im Finstern unten, in weißen Versalien: die CDU als Retterin der Stunde. Konrad Adenauer setzte mit solch einer Ostpolitik nur die Richtung seines Vorgängers im Amt eines deutschen Kanzlers fort. Die „Zoffjätz“, das war für den rheinischen Kapitalisten wie für den niederösterreichischen Passdeutschen aus sehr ähnlichem ökonomischen Hintergründen heraus der Inbegriff alles Bösen.
Die aggressive Variante deutscher Ostpolitik kulminiererte von der Idee her im Vernichtungsfeldzug Adolf Hitlers gegen die Sowjetunion, aus der Nummer kommt kein Merz, kein Kiesewetter raus. Es war Joseph Goebbels, der in der Sportpalastrede vom 23. Februar 1943 die Vorstellung entwarf, Deutschland sei dazu berufen, Europa zu retten, indem es den Osten („die Steppe“) unterwirft; seinem Kopf entstammt bekanntlich auch der Begriff „kriegstüchtig“, Goebbels Geist hat einen langen Atem.
Aber es gibt aufseiten deutscher Eliten auch noch den friedlichen Teil. Bevor die Zeiten begannen, gewendet zu werden, gab es eine Ostpolitik in Deutschland, die damit übereinstimmte, dass über die ungeheuren Verbrechen nicht länger geschwiegen wird, welche deutsche Männer aller Dienstgrade zwischen 1941 und 1945 in Russland begangen haben. Diese Zeit der Diplomatie und des friedlichen Umgangs miteinander, verband sich mit den Namen Willy Brandt und Egon Bahr.
Bismarck war der eiserne Kanzler nur bis zur Reichsgründung 1871. Danach hat er es durch kluge Diplomatie verstanden, die durch Deutschlands Aufstieg zur Großmacht beunruhigten anderen Großmächte Europas in ein sicherheitspolitisches Gleichgewicht zu bringen. Nachdem der selten dumme Kaiser Wilhelm II. anno 1893 den Lotsen Bismarck ausgebootet hatte, dauerte es keine dreißig Jahre, da
