Historische Aufführungspraxis Ende 2018

Vieles in der Welt, das wir lichterloh brennen und hoffnungsfroh weiterlodern sahen, fiel bald in sich zusammen. „Da hat sich“,  sagt der Volksmund, „wieder einmal etwas tot gesiegt“. So schien es Anfang der 2000er Jahre in der Klassik auch der historischen Aufführungspraxis zu gehen. Das Musizieren mit vom Aufkommen eines Musikmarkts nach der Französischen Revolution noch unberührten Barockinstrumenten hatte, vor allem auf Tonträgern, einen beeindruckenden Triumphzug hinter sich. Aber von etwa der Jahrtausendwende  an schien es damit vorbei. Das Publikum war mit CDs seiner Lieblingswerke auf Barockinstrumenten versorgt. Und die Veranstalter laden bis heute „Originalklangensembles“ nicht gern ein, denn sie sind in den für sie meist zu großen Sälen zu leise. Säle und Zuhörerinnenzahl müssten kleiner sein. Das schafft eine der Musik und den Menschen entgegenkommende Nähe – eine freilich auch Shareholdern unerträgliche Rentabilitätsschwäche. Etwas so Wundervolles, wie eine wirklich intime, die musikinternen Zusammenhänge öffnende Kommunikation zwischen Musikern, Instrumenten und Zuhörern wird es erst geben, wenn wir die Shareholder vom Hals haben.

Solange sie noch da sind, tröstet die Feststellung, dass immer mehr moderne Orchester sich, angeleitet von Dirigenten der historischen Aufführungspraxis, einer Haltung zuwenden, die alte Instrumente nahelegen und erleichtern: Die Streicher verzichten aufs kurrente Dauervibrato und setzen sich damit der Notwendigkeit aus, etwas Neues an dessen Stelle zu setzen. Der Klang wird durchsichtiger, interessanter und lebendiger. Die musikalische Form erschließt sich qua Klanggestalt, unverkleistert auch durch allzu aufdringliche Absichten eines eitlen Dirigenten, unverstellt, logisch, unbemüht.

Adam Fischer

Zwei Beispiele. Der in Deutschland lebende ungarische Dirigent Adam Fischer hat, soweit ich sehe, bisher kaum Aufnahmen mit Barockorchestern vorgelegt. Die Begegnung mit der Philosophie und Praxis Nikolaus Harnoncourts hinterließ gleichwohl tiefe Spuren in ihm. Jetzt beschäftigte er sich auf einer neuen CD mit Gustav Mahlers 3. Sinfonie, und das Ergebnis macht staunen. Gerade bestritt Teodor Currentzis mit demselben Werk beim SWR-Orchester auf Atem beraubende, im abschließenden Adagio magische Weise sein Antrittskonzert (ausführlich darüber Berthold Seliger in jW, 6./7. 10. 2018). Mahlers Werke sind „Kapellmeistermusik“ im besten Sinn. Mahler kannte sich als berufslebenslanger Dirigent mit den Klangnuancen großer Orchester besser aus als je ein Beethoven oder ein Brahms. So ist in seiner Musik für ähnlich begabte Interpreten allein aus dem Klang einzelner Instrumente und Instrumentalgruppen eine Fülle von Anregungen für Ausdruck und Gestalt zu gewinnen. Statt, wie Currentzis bei Mahler auf konzentriert orgiastisch gesteuerte Masse und Magie, setzt Fischer auf durch wenig Vibrato geklärte, kammermusikalische Übersicht; noch im Gewaltigen ist bei ihm alles einzeln erkennbar. Currentzis ordnet bei Mahler der Wirkung alles unter. Fischer bedient den empfindenden Kopf. Auf eigenen Wegen erreichen beide Mahler. Zwei großartige Aufführungen.

Andrew Manze

Dafür, wie sich die Idee der historischen Aufführungspraxis immer erfolgreicher auch in modernen Orchestern materialisiert, liefert aktuell auch der frühere Barockgeiger und jetzige Orchesterleiter Andrew Manze mit der NDR Radio Philharmonie Hannover ein ragendes Beispiel. Verglichen mit Beethoven als dem für’s 19. Jahrhundert geltenden Maß aller Dinge, erscheint Felix Mendelssohn Teilen der Fachwelt immer noch – abwertend gemeint – als Klassizist. Manze korrigiert den dahinter stehenden Klassizismus-Begriff, indem er etwa den Beginn von Mendelssohns beliebter 4. Sinfonie („Italienische“) von brav jauchzender Marmor-Romantik befreit. Bei ihm klingt dasselbe einfach nach heller Lebenslust. Auch Mendelssohns Schmerzenskind, die „Reformations-Sinfonie“ Nr. 5 – bei Manze klar und kraftvoll wie der gegenwärtige Herbst, in den sich der von der Sonne versengte Sommer verspätet mit frischem Grün noch einmal einmischt.

Es war offenbar nicht vor allem die, sich mangels weiterer Gegenstände langsam erschöpfende, Folge begeisternd neuer Sichtweisen auf altbekanntes Repertoire, das die historische Aufführungspraxis so erfolgreich werden ließ. Teodor Currentzis hat nicht nur mit Mozarts Opern und Rameaus Orchestermusik auf den alten Instrumenten seines Ensemble MusicAeterna Aufsehen erregt. Er hat sich auch Strawinskys „Sacre“ radikal neu erarbeitet, life habe ich ihn in Hamburg mit einer grandiosen Aufführung von Berios „Coro“ erlebt. Und Adam Fischer reüssierte nicht nur mit den Aufnahmen seiner deutlich historisierenden Haydn-Sinfonien. Er ist auch ein außergewöhnlicher Wagner-Dirigent in Bayreuth, ein in Mailand und anderswo immer wieder eingeladener Verdi- und Puccini-Interpret.

Jede Epoche schafft sich in ihrer Zeit überraschend ungewöhnliche, dem Zeitgeist auf unterschiedliche Weise entsprechende Sichtweisen auf alte und nicht ganz so alte Werke. Was sich indes derzeit in bedeutenden Teilen der Klassikszene tut, ist nach meinem Eindruck keine Frage nur des Stils oder gar eines vermeintlichen „Originalklang“. Unabhängig von den verwendeten Instrumenten, unabhängig auch vom Repertoire, kommt da etwas zu sich, ein auch theoretisch gründlich vorbereitetes, diszipliniertes, dabei form- und farbverliebtes, leidenschaftliches und so verantwortungs- wie geschichtsbewusstes Musizieren, die Metamorphose einer lang entbehrten Eigentlichkeit der Musikinterpretation; man könnte sie, da sie dem Zeitgeist kritisch gegenübersteht, mit Hegel keck die historisch-dialektische Aufführungspraxis nennen. Das Schöne an ihr: Auch die Grenzen zwischen alter, neuer und überhaupt guter Musik entlarvt sie als konventionellen Unsinn. Also weg mit den Grenzen.

Als CD-Tipp in  Junge Welt, Oktober 2018

Mein Internview-Porträt von Adam Fischer im Onlinemagazin VAN

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