Mordor Country.Lisa Neugebauers & Rezos Podcast

„Heimat ist da, wo die Rechnungen ankommen“, zitiert Heiner Müller seine Frau. Ein guter linker Witz über einen in der Linken höchst umstrittenen Begriff. Er kommt in der gerade online gegangenen neuen Folge von Lisa Neubauers Podcast hegemonial oft vor. Lisa Neubauer, deutsche Frontfrau von Frydays for Future (FFF), fast ein Kind aus Sicht eines älteren Menschen, eine junge Frau, deren Zukunftshorizont unendlich weiter ist als der meine und die dafür auf eine Art kämpft, die mich beeindruckt und zuhören lässt.

Für die neueste Folge ist sie mit dem Influencer Rezo 45 Autominuten von dessen Zuhause nach Mordor gefahren, wo sich apokalyptisch weit und tief der Riesenkrater des Tagebau Garzweiler 2 in die schöne Landschaft bohrt. Rezo war zum ersten Mal dort. Neubauer, von Musik und dramatischen Baggergeräuschen unterlegt, klärt ihn und die Podcast-Gemeinde auf. Das Braunkohlerevier in Nordrhein-Westfalen ist die größte CO2-Schleuder Europas, ihre Auswirkungen aufs Klima sind global. Nach dem Weltkrieg, sagt sie auf Rezos Frage, war die Enteignung ganzer Dörfer gesetzlich geboten, weil objektiv ein allgemeiner Energiebedarf zunächst nicht anders gedeckt werden konnte. Das ist, wissenschaftlich belegt, längst anders. Neubauer und Rezo benutzen das Wort Heimat auf die einzig legitime Weise: sie stellen es in Zusammenhang mit dem Eigentum. So wird einer sechsstelligen Zahl von Bewohnern unfassbar vieler Dörfer, acht davon liegen buchstäblich immer noch direkt am Abgrund, die Heimaterde allein aus Profitgier von Riesenkonzernen wie in diesem Fall RWE direkt unterm oft seit Generationen bewohnten Heim weggebaggert. Wenn wir, schlussfolgern die beiden in dem mit 67 Minuten recht langen Stück, eine Demokratie wären, müsste es aufseiten der Politik irgendwo institutionelle Kräfte geben, die sich dagegen wehren. Es gibt sie nicht. Es gibt eloquent geldstrotzende Lobby-Netzwerke, die für die Zerstörung unserer Heimat und damit für die Zerstörung der sich aus vielen Heimaten vieler verschiedener Völker und Menschen zusammenfügenden Welt sorgen. Die beiden lassen mit Barbara eine junge Mutter zu Wort kommen. Als Mitglied der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ kämpft sie zum Wohl ihrer Kinder für den Erhalt ihrer Heimat als dem Ort der eigenen Geschichte. Denn Heimat, das ist nichts anderes als die sozial, historisch und politisch zu ende gedachte, auf die eigne Biografie heruntergerechnete Umwelt. Ziviler Ungehorsam, so Neugebauer, wird zur ersten Staatsbürgerpflicht.

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Das in Deutschland so hochwertige Wort „konservativ“ erweist sich – „konservare“ bedeutet schließlich „bewahren“ – angesichts der extrem egoistischen Umweltignoranz sogenannter „Konservativer“ als komplett hohl. Das Wort „christlich“ gibt sich angesichts der realen Untätigkeit der Kirchen als frömmelnde Phrase zu erkennen. Und wenn die alten und die neuen Nazis von „Heimat“ reden, riecht es nach Blut und Boden, nach Osterweiterung. Gewalt ist der Urschleim dieser Dumpfbacken, Gewalt gegen Natur – uns Menschen eingeschlossen – und Heimat. Die alten Nazis legten unsere Welt in Schutt und Asche. Die neuen machen wieder mit beim globalen Krieg gegen Menschheit und Natur, sie werden finanziert von exakt denen, die diesen Krieg renditehalber entfesseln.

Das alles, im Wortgebrauch der jungen Leute: krass ungerecht und falsch. Sie beginnen sich zu wehren, sie lernen, wie man das organisiert machen muss. Sie benutzen und nutzen dabei betont das alte, mit so widersprüchlichen Inhalten aufgeladene, von den Faschisten global misshandelte und besudelte und gleichwohl unzähligen Menschen unermüdbar höchst Wertvolles bedeutende Wort Heimat. Neubauer und Rezo knüpfen daran positiv an auf eine Weise, die zum Missbrauch nicht taugt, weil sie die Frage aufwirft, wem allein die Heimat am Ende einzig gehört. Der großen Mehrheit derer, die drin wohnen, wie Brecht sagt. Neugebauer und Rezo wissen, wie nötig wir Ermutigung haben. Sie besetzen den Heimatbegriff wie sie Wälder und Tagebaue besetzen. Sie überlassen die Welt nicht den Kriegern. Sie übernehmen die Sache selbst, das macht Mut für alles, was jetzt kommt. Junge Welt 2020

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