Mozart.Entführung.Jacobs.Akamu.

Wenn sich irgendwo einer der maßgeblichen Maestri wieder einmal einer der Opern des reifen Mozart annimmt, wird der Idomeneo zu Unrecht oft immer noch nicht mitgezählt. Aber den Idomeneo hat Renée Jacobs in seiner reichhaltigen Mozart-Diskographie bereits hinter sich. Er springt in der Chronologie hin und her: Zauberflöte und Clemenza di Tito sind bewältigt, alle drei da Ponte-Opern auch; sogar La finta giardiniera, eine Oper des 19-jährigen Mozart, liegt als CD-Box vor.

Nur die Entführung fehlte. Der geniale Wechselbalg aus den angesagten Nationalstilen und Genres der Mozartzeit, obendrein ein Deutsch gesungenes Singspiel mit gesprochenen, oft recht papiernen Dialogen, macht vielen Interpreten Probleme. Jetzt ist Jacobs’ Entführung da.

Zehn Takte Ouvertüre und man weiß: Da prallen Fortissimo und Piano aufeinander wie die üppige Kraft und die kindliche Zartheit der Jugend. Carl Maria von Weber meinte, Mozart habe nur eine einzige solche Oper schreiben können, unwiederholbar jünglingshaft blühend wie die Entführung. Die Akademie für Alte Musik Berlin stellt genau das mit viel Verve, Explosivität und Spielfreude dar. Wobei es üblich zu werden beginnt, dass der Geist des am Hammerflügel leitenden, spontan seine Kommentare einstreuenden Mozart sowohl zum geläufigen Teil des Ripieno wird, als auch zum sprechenden Continuo; so etwa begleitet der Hammerflügel bei Jacobs einen Dialog Bassa/Konstanze stimmig mit einigen Takten der c-moll Fantasie, er wirkt in der Dramatik der Leiter-Szene dann allerdings auch mal eher leicht überflüssig.

 Konstanzes Arie „Martern aller Arten“, jene wg. ihrer vielen Koloraturen und anderer Längen bisher stets zu schluckende Kröte der Entführung, hat bei Jacobs so viel Tempo und dynamische Kontraste, ihre Concertini sind so spannungsvoll eingebunden, Teile des Bassa-Dialogs konzertant über die Arie verteilt, was dito den Zeiteindruck verkürzt, und Robin Johannsen singt in der oft abnormen Höhe, die ihr Mozart abverlangt, derart sicher und sauber – dass die Arie glatt von der Marter zum Genuss wird. Der seinem Vater an Stimme und Textverständlichkeit vergleichbare Julian Prégardien hat leider nur die kleinere Rolle des Pedrillo. Er folgt allerdings wie alle anderen als Dialogsprecher einer Regie ohne Idee von den Absichten des Komponisten. Von den in Mozarts Musik entworfenen – und von Jacobs durchweg erfassten – Charakteren findet sich in den Dialogen nur ein alberner Abklatsch.  

René Jacobs

Nichtsdestoweniger ist das Wiederaufmachen fast aller Dialog-Striche aus 230 Jahren Entführungs-Tradition ein Plus: So wird klar, Mozart hat in seinen Opern nicht erst ab Figaro die aktuelle Politik kommentiert. Allein in der Wahl der Sprache – der aufgeklärte Despot Joseph II. hatte den allerdings längst überzeugten Mozart zum Deutschen gedrängt – lag ein Affront gegen den in der Oper ans Italienische und Französische gewohnten Adel. Keine sechs Jahre nach der Entführungs-Premiere begann 1788 der zur Zeit der Uraufführung bereits in der Luft liegende Türkenkrieg. Vertreter des Humanen, der Toleranz und Gesittung in der Entführung ist gleichwohl der muslimische Bassa Selim (er war in seinem früheren Leben Christ und Spanier). Die jungen Herrschaften aus Europa dagegen spielen samt Dienerschaft von Anfang bis Ende falsch; selbstherrlich stoßen sie eine chauvinistische Beleidigung nach der anderen aus. Vor allem der kindlich offene und heftige, pflichttreue und herzensgute Haremswächter Osmin fällt in seiner Gutgläubigkeit der christlichen Durchtriebenheit zum Opfer. Der Bassa aber, der durch den Vater seines europäischen Gefangenen vor langer Zeit alles verlor, „rächt“ sich an den Zumutungen des Abendlands wie Nathan: durch großmütiges Verzeihen. Er lässt die Christen ziehen (dort zu leben, wo sie herkommen, ist Strafe genug).

Mozart und mit ihm Jacobs und seine Musiker feiern in der Entführung solch aufgeklärt weises Verhalten eines zum Islam Konvertierten mit dem burlesken Lärm türkischer Musik (im Wien dieser Jahre grassierte eine der Kleidung, dem Kaffee und der Tonkunst des prospektiven Feindes nacheifernde Türkenmode). Im vielsagenden Kontrast zu den glanzvoll leierigen Koloraturen der herrschenden Klasse durchzieht das kraftvolle Alla turca die zu seinen Lebzeiten erfolgreichste aller Opern Mozarts wie ein frischer roter Faden.  Junge Welt, Oktober 2015

Mozart: Die Entführung aus dem Serail K. 384 – Johannsen/Eriksmoen/Schmitt/Prégardien/Ivashchenko/Obonya/Akademie für Alte Musik/Jacobs (Harmonia Mundi France).  

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