Opi Bobby

Die zweite der Großvatergeschichten

In meiner Altersgruppe, als wir Kinder waren, hatten nicht wenige keinen Großvater. Die meisten haben zwei, so ist es vorgesehen. Aber die Großväter meiner Generation, wenn sie, wie dieser eine meiner drei Großväter, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geboren wurden, hatten in zwei Weltkriegen und in der Weimarer Gewaltperiode dazwischen reichlich Gelegenheit, umzukommen.

Für die Familie meiner Mutter trifft das in besonderem Maß zu. Denn der Vater meines Hamburger Großvaters, ein im westpreußischen Bromberg geborener Getreidehändler, hatte den schönen Vornamen Israel. Sein Sohn – er wurde Robert Friedrich getauft, wir nannten ihn „Opi Bobby“ – hätte die sich daraus im Lauf seines Lebens ergebenden Schwierigkeiten auch gehabt, wäre die Familie in Westpreußen geblieben. Da sie aber, wie man mir erzählte, 1870/71 im Krieg gegen Frankreich durch die Belieferung des preußischen Heers mit größeren Mengen westpreußischen Weizens, unverhältnismäßig wohlhabend geworden war, packte Urgroßvater Israel seine Sachen und zog noch in den 1870er Jahren mit Kind und Kegel  nach Hamburg. Dort ließ er sich mitten im vornehmen Pöseldorf eine dreigeschossige Villa bauen. In ihrem Hintergarten, der zu meiner Zeit infolge der Umwandlung des für Pferde und Equipagen vorgesehenen Gebäudes in eine Garage mehr und mehr zum Hinterhof wurde, stand ein schlanker schöner Pflaumenbaum. Nach vorn hinaus, vor der verglasten Holzveranda, prunkte der Stolz meiner Großmutter, eine Nadelholzhecke mit einem kleinen, eckigen Springbrunnen aus Granit in der Mitte, davor ein Rosenbeet mit weißen Rosenstöcken, davor ein Stück Rasen auf dem – wir Kind liebten sie – im Frühling eine Unzahl lustiger Gänseblümchen blühte.

Der Ort meiner Kindheit. Ich war mütterlicherseits Teil einer bürgerlichen Großfamilie, die aus unerfindlichen Gründen, denn sie war gut assimiliert, in der deutschen Gesellschaft als „jüdisch“ galt. Sie wohnte, als ich mit meiner Wiege dort einzog, seit siebzig Jahren in dem dunklen alten Gründerzeithaus, unangefochten, weil steinreich, aber nie wirklich aufgenommen in Hamburgs Oberschicht.

Ich erzähle die Geschichte des zweiten meiner drei Großväter, weil sie von einem Teil des Bürgertums handelt, der sich von dem des an anderer Stelle beschriebenen Bremer Großvaters deutlich unterscheidet. Opi Bobby gehörte nicht wie jener zu den Tätern. Er war eines der Opfer. Aber es half ihm am Ende, wie sich zeigen sollte, dann doch, dass er als erfolgreicher Unternehmer unterm Strich doch auch zu den Tätern zählte.

Wie an der Mutter meines Vaters, erlebte ich auch an Opi Bobby, dass Großeltern, zumindest im Bürgertum, einen Hang zu haben scheinen, ihren Enkel*innen sich und ihr Leben zu offenbaren. Er hatte sich in den 1950ern nach dreißig Jahren Ehe von meiner Großmutter getrennt und eine seiner Angestellten geheiratet. An einem Sonntagvormittag bat er mich während eines unserer Besuche in seiner neuen Familie im Prachtneubau am grünen Rand der Stadt ganz unvermittelt in sein Arbeitszimmer. Im Kern dessen, was er mir erzählte, ging es um den Moment, als sein geliebter älterer Bruder während eines Familienurlaubs in den Südtiroler Bergen auf einer Klettertour der beiden abstürzte; Bobby war hinuntergestiegen und hatte, auf einem Felsvorsprung neben ihm hockend, das Sterben des Bruders erlebt. „Meine Jugend war beendet“, sagte er, mir unvergesslich, in einem seltsam tonlosen Ton. Er war dreiundzwanzig, als er in Chemie promovierte, danach gleich noch der Diplomingenieur. In der Familie war seine Intelligenz legendär. In dem Betrieb, der ihn nach Kanada holte, wurde der junge Mann aus Deutschland, ein brillanter Techniker, anstelle eines nichtvorhandenen Sohns in die Eigentümerfamilie aufgenommen. Im August 1914 landete er gleichwohl über Nacht als feindlicher Ausländer hinterm Stacheldraht eines kanadischen Holzfällerlagers. Zu den vielen, über ihn in der Familie kursierenden Legenden gehört die nicht gar so unwahrscheinliche, dass er, ein eher kleiner Mann, von massigeren Männern mehrfach missbraucht wurde.

Zurück in Deutschland, verdiente er mit der trickreichen Verwertung der Eingeweide toter Kriegsgeräte ein Vermögen. Er heiratete die Mutter künftiger Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, reiste mit seiner jungen Frau auf Luxusdampfern bis nach Guatemala und vergaß darüber keinen Tag, den Reizen der in seiner Firma beschäftigten Frauen nachzugehen, Näheres darüber erfuhr ich viel später überraschend aus den Akten der Gestapo. Der Großvater wollte nach all den Schrecken offenbar endlich aufholen und wahr machen, was unaufholbar ist, weil es seine eigene Wahrheit hat.

 Die Zerrissenheit infolge seines tiefen Verlustschmerzes, auch das gehört wohl zum gesellschaftlichen Sein des Menschen, wirkte auf je verschiedene Weise bis in die Seelen und Biografien seiner Nachkommen, mich eingeschlossen. Besonders betraf das seinen Sohn, meinen Onkel, und es betraf seine beiden Töchter, von denen er der jüngeren, meiner Mutter, so hat sie es der Frau meines Bruders anvertraut, irgendwann tatsächlich dasselbe antat, was man ihm in den kanadischen Wäldern angetan hatte.

Am Ende der 1920er Jahre mochte er endlich das Gefühl gehabt haben, er könne auf seine Art das Lebendigsein vielleicht doch noch irgendwie herbeizwingen – da griff die Zeitgeschichte in Gestalt des Hitler-Faschismus zum zweiten Mal in sein Leben ein, er hatte sich auf die „Rassentheorie“ der Nazis einzustellen, die Anführungszeichen doppelt bedeutsam, denn es gibt unter den Menschen weder Rassen, noch haben die Nazis je so etwas wie eine Theorie gehabt.

Von seiner in den USA lebenden Schwester besorgte er sich für viel Geld gefälschte Papiere, die ihn als „Halbjuden“ auswiesen. Seine Kinder, da meine Großmutter in der Vulgärzoologie der Rassisten „arischer“ Abstammung war, wurden mithin zu „Vierteljuden“ (ich selbst wäre – frei nach Hans Globke – gegebenenfalls als „Achteljude“ eingruppiert worden).

Als der Großvater 1938 denunziert, am 21. April ins Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis eingeliefert und wegen „Rassenschande“ angeklagt wurde, blieb zunächst unklar, wie die Nazi-Richter den Wahrheitsgehalt jener US-Papiere bewerten würden. Ich begreife bis heute nicht, warum ich von der Fortsetzung der großväterlichen Offenbarungen aus erster Hand nichts mehr wissen wollte, nachdem das Mittagessen, das sie unterbrach, beendet war. Ich entnahm Opi Bobbys weiteres Schicksal erst viele Jahre später fünf schweren Aktenordnern, in die mich zu vertiefen, mir das Hamburger Staatsarchiv gestattete.

Darüber, was ihm während des dritten Reichs widerfahren war, existierten in der Familie mehrere Versionen. Alle gingen davon aus, er sei als „Rassenschänder“ nach Verbüßung der Haft im Zuchthaus Fuhlsbüttel am Tor von der Gestapo abgeholt und umgehend ins Konzentrationslager Neuengamme überstellt worden. Aber während die einen meinten, er sei dort in den Wirren der englischen „Terrorangriffe“ 1943 geflohen und habe, versteckt im Kirchturm eines Pastors in Niendorf, überlebt – erzählten die anderen, er sei auf dem Transport von Neuengamme nach Auschwitz bei einem Angriff polnischer Partisanen befreit worden und habe in deren Obhut das Kriegsende in den polnischen Wäldern begrüßen dürfen, ja, man munkelte, er habe bei dieser Gelegenheit seinen späteren Schwiegersohn kennengelernt, den Mann der Schwester meiner Mutter. Der war mitsamt der Tante nach dem Krieg nach Paraguay ausgewandert. Das Warum wird deutlich, wenn man erfährt, dass er ein Mensch war, von dem in der Familie erzählt wurde, er habe unter den bewundernden Blicken seiner Frau stets mit einem Revolver unterm Kopfkissen geschlafen; seine Beziehungen zur polnischen Exilregierung in London dürften exzellent gewesen sein.

Der Prozessbeginn war für den 1. September 1939 anberaumt. Merkwürdigerweise beschied das Gros der zumeist in Führungspositionen beschäftigten Zeugen das Gericht vorab so umständlich wie nebulös dahingehend, dass sie just an diesem Tag wie zufällig anderweitig unabkömmlich waren. Der Prozess musste verschoben werden. Denn am 1. September 1939 waren die Herren allesamt mit etwas beschäftigt, das ihr Führer mit Blick zunächst auf Polen „Zurückschießen“ nannte.

Man verhandelte anfangs wegen „Rassenschande“. Den Akten lagen umfangreiche, mit Blaustift korrigierte und sorgfältig gelochte Altpapierblätter bei, die Gestapo hatte die Verhöre der weiblichen Angestellten des Angeklagten minutiös aufgezeichnet. So detailliert hätte ich über das Sexualleben meines Großvaters gar nicht unterrichtet sein wollen, es war skurril. Die Frage der US-Papiere, die, wären sie anerkannt worden, den Hauptteil der Anklage ihres Gegenstands beraubt hätten, blieb weiter in der Schwebe. Bis der Großvater sich eines Tages eines guten Freundes entsann, der im Gründerzeithaus in Pöseldorf fleißig verkehrte, weil er ein Auge auf meine Großmutter hatte, ein Anwalt und Geschäftsmann namens Gerd Bucerius. Keine Ahnung, was da lief, ich war ja noch nicht da. Aber die Art, wie er ihr den Hof gemacht haben muss, hat meine Großmutter, noch als „Butz“ als ZEIT-Verleger längst außer Reichweite war, zu Worten aufrichtigen Entzückens hingerissen.

Wie auch immer. Bucerius übernahm die Verteidigung und sah mit einem Blick, was zu tun war. Im Moment, da er dem Gericht klarmachte, dass der Großvater nicht nur Sekretärinnen nachgestellt, sondern hauptberuflich für die Firma Rheinmetall gearbeitet hatte, wurden die US-Papiere anerkannt, die Stimmung im Gerichtssaal kippte. Man verhandelte „nur“ noch wegen des ursprünglich zweiten Delikts: Opi Bobby hatte all die Jahre, mit Wissen und Einverständnis des Reichswirtschaftsministeriums – seine Art von Lebensversicherung? – in Mittelamerika für die Firma Rheinmetall Granatwerfer und Mörser verkauft.  Das war zwar selbst für nichtarische Kaufleute legal. Aber man war ihm draufgekommen, dass er die Gewinne zu großen Teilen nicht in Hamburg, sondern in New York versteuert hatte – ein in der Welt des Eigentums unverzeihliches Devisenvergehen.

Ist es nicht erstaunlich, wie bis in Einzelheiten die allgemeine Geschichte ins Leben weitgehend unscheinbarer Durchschnittsmenschen hineinzureichen vermag? Und als wie undurchschnittlich bei näherem Hinsehen sich sehr viele Menschen* erweisen?   Auf Anfrage teilte mir in den Nullerjahren ein hilfreicher Staats-Archivar mit, dass die Haft meines Großvaters, die „mit einer Strafhöhe von 2 Jahren und 6 Monaten, bis zum 19.02.1943 dauern sollte“, verkürzt worden sei. „Ein Gnadenerweis ließ ihn am 25.09.1940 vorzeitig aus der Haft frei, nachdem sein Anwalt Gerd Bucerius unter Mithilfe namhafter Fürsprecher sich für seine Entlassung unter Zahlung einer nicht unerheblichen Kaution eingesetzt hatte. Nach dem Krieg wurde die Haftstrafe offiziell auf die bereits abgesessene Strafzeit reduziert, jedoch nicht völlig aufgehoben.“ Auf die Frage, wie es ihm die knappen vier Jahre nach der Haftentlassung ergangen sei, erfuhr ich: „Seine erhalten gebliebene und hier ebenfalls verwahrte Entnazifizierungsakte weist nach seiner Entlassung aus der Haft die für viele Personen jüdischer Herkunft erzwungene Verpflichtung zur Verrichtung von Zwangsarbeiten nach, die auch Ihr Großvater für Oktober 1944 angab. Ob in der Akte doch noch Hinweise auf Flucht oder Verstecken, wie in Ihrer mündlichen Familiengeschichte erwähnt, enthalten sind, können Sie oder eine beauftragte Person durch eine sorgfältige und persönliche Einsichtnahme sicher leicht feststellen.“

Das habe ich. Von Flucht und Verstecken nirgends eine Spur. Die Sache hatte, was das Bürgertum angeht, eine kleine Pointe. Denn Opi Bobby war in der Wahl seiner zweiten Frau an die Unterklasse geraten, sie war ein Arbeiterkind. Robust und realistisch, hatte sie, wenn wir zu Besuch waren, bei aller Unsicherheit, stets einen spöttischen Zug um den Mund. Das muss es gewesen sein, was ihn auf seine alten Tage reizte. Seine Gattin und noch viel mehr die im Haushalt der Tochter untergekommene Schwiegermutter, eine alte Arbeiterfrau im geblümten Kunststoffkittel wie von Brecht erfunden, nahmen ihn nicht ernst, sie lachten ihn aus. Sie lebten von ihm und durchschauten ihn zugleich und erreichten auf diese Weise, ohne sich zu verstellen, einfach sein Herz.

Aber Opi Bobby wäre nicht bis zuletzt er selbst gewesen, hätte er der Pointe nicht noch eine weitere hinzugefügt. Seine eigentlich schon deutlich jüngere zweite Frau fand, als sie während eines ernsten Krankenhausaufenthalts Bobbys in dessen Arbeitszimmer aufräumte, ein Tagebuch. Sie erfuhr auf diese Weise, dass er seit Jahren einer noch viel Jüngeren eine Eigentumswohnung, einen Sportwagen und sonst noch einiges geschenkt hatte, um sie regelmäßig aufsuchen zu können. Damit konfrontiert, als er wieder Zuhause war, geriet er in einen so großen Zorn, dass er sich den Sommerhut griff und in der nicht nur für sein Alter enormen Sonnenhitze so lange durch die Landschaft marschierte, bis eintrat, was seinem Dickkopf vermutlich vorgeschwebt hatte: ein letzter tödlicher Schlaganfall. Er verstarb achtzigjährig exakt im heißen Sommer 1968. Junge Welt, August 2021

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BEETHOVEN.TRIPLE CONCERTO AUS FREIBURG.

Beethovens Triple Concerto op. 56 gehörte bislang nicht zu den Beethovenwerken, die das Publikum von den Sitzen reißen. Zu Beethovens Zeit stand diese Konzertform, in der nicht ein, sondern mehrere Solisten zugleich vorm Orchester hervortreten, in Blüte, bevor sie urplötzlich – Ausnahme Brahms‘ Doppelkonzert – totalverwelkte. An den Solisten, die sich an dem Stück versuchten, lag es gewiss nicht. Die Oistrakhs und Menuhins, die Casals‘ und Rostropowitschs, Barenboims und Swjatoslaw Richters unter der Ägide aller Karajane der Vergangenheit versuchten es – vergeblich. In einer Neuproduktion unternehmen die Geigerin Isabel Faust, der Cellist Jean Guyen Queiras und am Fortpiano Alexander Melnikov einen weiteren Versuch.

Dreierlei Zutaten hat sich Beethoven für dieses Werk ausgedacht: Eine Solisten-Trias, die zweitens zugleich ein Klaviertrio bildet, sowie ein Orchester. Er halste sich auf diese Weise das Problem der Integration dreier dynamisch und räumlich extrem unterschiedlicher Erscheinungsformen der Musik auf: Instrumentalsolo, Kammermusik und Sinfonie, eine Quadratur des Kreises.

Bisher galt: der große Beethoven – leider gescheitert. Der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado führt nun aber das Freiburger Barockorchester (FBO) auf der neuen CD auf eine Weise mit den, mal einzeln, mal als Trio auftauchenden, Solisten zusammen, dass man den Eindruck haben kann, Beethoven vergriff sich auch in Opus 56 durchaus nicht.

Für Georg Lukács in seiner Ästhetik muss jedem, über seine Zeit hinaus wirksamen Kunstwerk sein „hic et nunc“ eingeschrieben sein – das Hier und Jetzt Beethovens im Moment der Arbeit in diesem Moment seines Lebens plus sein geschichtlicher Hintergrund müssen mitschwingen, wenn die Mondscheinsonate, die Neunte oder eben das Triplekonzert ertönen. Dazu, was im Musikerlebnis an, den ästhetischen Eindruck beeinflussenden, Momenten alles zusammenkommt, gehört über Jahrhunderte hinweg auch das Hier und Jetzt der Rezipienten,  die Wachheit und psychische wie soziale Verfassung jedes Einzelnen in ihrem und seinem privaten wie geschichtlichen Moment. Und es gehört dazu die Größe und Atmosphäre des Aufführungsraums, mit der der Komponist bei der Arbeit zu rechnen und auf den sich sein Publikum einzustellen hatte.

1803 ist das Werk entstanden. Der 33-jährige Beethoven befand sich im Anflug auf die Eroica, die Apassionata, Scheitelpunkte im Schaffen des sich auf der Höhe seiner Ideale bewegenden Komponisten (ein Jahr später wird sich zu seinem großen Ärger Napoleon die Kaiserkrone aufs Haupt drücken). Das Triplekonzert ist voller Schwung und Entschiedenheit. Auch der langsame Satz kein Bruch, mehr Idyll. Der letzte Satz bietet, ungewöhnlich für ein Finale, einen heroisch aufgeputzten Volkstanz á la Polacca.

Dass das Stück bei der Uraufführung in Leipzig 1808 wenig zu gefallen wusste, könnte an der Größe des Gewandhauses gelegen haben. Kammermusik war damals eine gänzlich private, in kleinen Salons stattfindende Sache, ein Trio – auch als Bestandteil der Konzertform – hatte in einem Sinfoniekonzert schon aus Gründen der Saalgröße weder ästhetisch noch akustisch etwas zu suchen. Die aus Gründen konkurrenzgetriebener Akkumulation immer größer werdenden Säle verlangten immer lautstärkere Instrumente, immer größere Klangkörper. Aus zarten Barockgeigen, Holzflöten und mit Kalbfell bespannten, mit Holzschlägeln traktierten Pauken wurden Instrumente, die noch in japanischen Dreitausendplätze-Hallen beeindrucken. Auf Kosten der Charakteristik, der Aura und – beim Triplekonzert besonders wichtig – der Balance und klanglichen Trennung zwischen Orchestergruppen und Solo-Instrumenten.

Wie das funktionieren kann, führen Heras-Casado, die drei Solisten und das wie immer fabelhafte, klein dimensionierte FBO vor. Queiras hat am Cello noch die meisten Gelegenheiten, seine auch auf dem Barockcello immer sensibler genutzten solistischen Fähigkeiten zur Geltung zu bringen. Ansonsten sind sich die drei Stars an den Soloinstrumenten nicht zu schade, zusammen mit dem Orchester auf dieser Aufnahme nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ein dynamisch und strukturell beglückend „natürliches“ Klanggefüge herzustellen. Vermutlich, wäre zu ergänzen, hat auch der Tonmeister dieser Produktion, Martin Sauer, delikateste Arbeit geleistet; er stellt mit seinen Mikrofonen einen imaginären Saal von genau der richtigen Größe dar und steuert die Disproportionalitäten des Triplekonzerts in ein ungekünsteltes Klangbild aus.

So fließt das friedvoll schöne Largo des mittleren Satzes in ein von Skalen von unten nach oben präludierendes Aufzählen gebrochener Akkorde aus, Klavier, Geige und Cello sind allein; sie wechseln sich als Klaviertrio, immer leiser und deutlicher werdend, ab, man vergisst indes darüber das pausierende Orchester nicht, der große musikalische Zusammenhang dieses besonders leichten und duftigen Beethoven-Werks bleibt auch atmosphärisch gewahrt. In der Exposition des ersten Satzes dagegen spielt das Orchester nicht, wie sonst in Solisten-Konzerten üblich, auf den Beginn des ersten Solo zu. Als wären keine Solisten da, tritt das FBO – für mein Ohr sinnvoll – vollrohr sinfonisch auf. Das Largo endet Attacca in der Quinte über dem Grundton C des vom Cello mit dem, in höchsten Lagen und vogelgleich unbeschwert vorgetragenen, Thema des folgenden Rondo alla Polacca. Flageolettefahl und frisch scheint da ein junger Frühlingsmorgen zu erwachen, bevor es losgeht mit dem finalen Volkstanz-Rausschmeißer.

Das Triplekonzert als Hörvergnügen! Es geht immer weiter nicht nur mit der Musik. Je vertrauter sich die Musiker mit der Vergangenheit machen, desto mehr Zukunft haben sie. Und je mehr Zukunft wir alle hätten, gehörte die Welt erst denen, die sie (sich) erarbeiten, je mehr Big Data wir – nicht die Internetkonzerne und imperialen Geheimdienste – zur Verfügung hätten, desto gründlicher könnten wir am Ende zurückschauen, entdecken und nutzen, was die Menschheit an lebenswertem, menschengerechtem Wissen bereits angehäuft und genossen hat. Junge Welt, April 2021

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Die Antiautoritäten.Der Westen will es wissen.

Ein Gespenst geht um in der Welt, das Gespenst der „autoritären Regime“. Der Westen hat seit kurzem einen wahren Rochus aufs Autoritäre. Haben wir 68er, Erfinder und erste Aktivisten des Anti-Autoritären, Nachwuchs bekommen? Die neuen „Anti-Autoritären“ kämpfen freilich nicht gegen Ordinarienuniversität, Notstandsgesetze, Springer, Vietnamkrieg. Überhaupt war ihnen ein Widerwillen gegen den seit Jahrhunderten in ihrer eignen Sphäre bis in die kleinste Familie, den größten Betrieb wirkenden, heute als „Top-Down-Management“ auftretenden, Autoritarismus nie anzumerken.

Es muss eine ganz besondere Art von Autoritarismus sein, die sie in Rage bringt. Denn an Regimen wie dem der Apartheid in Südafrika oder in Israel, an den Militärdiktaturen Südamerikas und Asiens, den Despotien des Nahen Ostens haben sie sich nie gestört; sie haben die meisten davon ja selbst ins Leben gerufen, sie nach Kräften unterstützt und in jedem Fall gut an ihnen verdient. Sie verdienen bis heute an Legionen korrupter und oder auch despotischer Regime der kapitalistischen Marktwirtschaft in aller Welt, ohne eine Sekunde die Elle des Autoritarismus daranzulegen.

Was die Sache wirklich problematisch macht: Sie bedienen sich in ihrem Kampf gegen von ihnen global verteufelte „Autoritäre“ nicht der von uns Anti-Autoritären der ersten Stunde bevorzugten Go-Ins und Teach-Ins, Rektoratsbesetzungen und Straßen-Demonstrationen, nein: Es sind Flugzeugträger und Raketenkreuzer, mit denen sie im südchinesischen Meer aufmarschieren, Panzer und Mittelstreckenraketen, mit denen sie Russland umzingeln, Wirtschaftssanktionen und Drohnen, mit denen sie Millionen Unschuldiger in aller Welt töten. Wo sie hinlangen in ihrem Kampf gegen das Autoritäre, wächst kein Staat mehr, bleibt kein Stein auf dem anderen, füllen sich Massengräber bis an den Horizont.

Der Autoritätsbegriff der 68er ging nach allem, was wir in unseren Familien erlebt hatten, von Adornos „autoritärem Charakter“ aus. Im Anti-Autoritären war nach 1945 gleichsam naturwüchsig der Antifaschismus angelegt. Schaut man sich die „autoritären Regime“ an, gegen die die neuen „Anti-Autoritären“ mobil machen, fällt allerdings das Fehlen eines faschistischen Regimes auf. China, Russland, Nordkorea oder dem Iran kann man alles Mögliche nachsagen, keinen Faschismus. Der gute alte „Kommunismus“ als westliches Dauerfeindbild des 20. Jahrhunderts war mit Beginn der 1990er Jahre aussortiert, vorschnell, wie es scheint. Der ihm folgende „Terrorismus“ ist, seit sich seiner selbst Leute wie Erdogan ganz offen sowohl aktiv, als auch propagandistisch bedienen, definitiv auf dem Hund.

Etwas Neues, das sich zudem auf alles und jedes anwenden lässt, musste her. Im Anti-Autoritären steckt der attraktive Widerwillen gegen Herrschaft. Herrschaft ist seit Jahrtausenden mit Ausbeutung verbunden, auch sie, zumindest bei den Ausgebeuteten, nicht eben beliebt. Warum also nicht – egal ob Volksrepublik, Oligarchie oder Mullahdiktatur – solch fast archaische Aversionen geschickt gegen die jeweils aktuellen Feinde richten?

Scheiß auf Evidenz und Empirie, sagen sich dabei sinngemäß die westlichen Eliten und greifen sich die Wörter heraus, wie sie sie brauchen. Wer gerade herrscht und wie autoritär oder liberal, das ging ihnen schon immer am Arsch vorbei. Hauptsache sie haben die Macht. Wird ihnen die streitig gemacht, ist Schluss mit Toleranz und Freiheit and Democracy. Wer’s trotzdem wagt – fällt unter „autoritär“. Und wird im Namen der Freiheit von Sanktionen gewürgt, mit Vernichtungswaffen umstellt – und als Kriegstreiber modelliert. Junge Welt, Juli 20121

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Peng! Kollektiv.Jean Peters.

Als ich mich Anfang Mai mit Jean Peters zum Gespräch traf, konnten wir nicht wissen, was zwei Monate später geschehen würde. Drei „Kernmitglieder“ des von Peters mitgegründeten Peng!Kollektiv, so lauten die Meldungen Ende Juni, seien ausgestiegen. Der Vorwurf: Peters habe sich mit seinem Buch (es war auch der Anlass zum WE-Gespräch der Jungen Welt) zulasten der Kollektivität selbst zu sehr in den Mittelpunkt gestellt. Ein seit langem schwelender Konflikt. Alle Beteiligten betonen, das Konzept sei erfolgreich gewesen, es würde von den ausgestiegenen Einzelnen und vom weiter bestehenden Peng!Kollektiv weiterhin praktiziert, selbstverständlich kollektiv.

Jean Peters gehört als „gelernter Clown“ zur Sorte Künstler, die, immer ohnmächtig und darum immer auch komisch und – offen oder subversiv – kritisch und handlungsfähig, die Verhältnisse von unten kritisieren. Ging der mittelalterliche Gaukler, der feudale Hofnarr nur eben durchweg als Einzelkämpfer vor, sind moderne Spaßvögel wie Peters, voll digitalisiert und verbündet mit unkorrumpierter Wissenschaft und Politik, als solidarisches Team unterwegs, in Peters‘ Fall mit dem 2013 gegründeten Peng!Kollektiv.

Peng! war zwar mit seinen Aktionen auch schon im Museum und wurde mit Kunstpreisen bedacht. Eigentlicher Ort ihrer Schöpfungen sind gleichwohl alle möglichen Bühnen, die ihnen – meist ungewollt – Wirtschaft und Politik zur Verfügung stellen. Dort inszenieren sie mediale Aufdeckungen herrschender Heuchelei, Gesetzesbrüche und Verbrechen.

Bei allem Spaß, den es ihnen und ihrem Publikum macht, etwa Beatrix von Storch unter der Headline „Schuld und Sahne“ vor laufenden Kameras eine Torte in die Adelsvisage zu knallen, meint Peng! es durchaus ernst. Das Kollektiv sieht sich als kämpfende Kolonne. Es unterstütze, heißt es in seinem 2018 veröffentlichten „Critical Campaigning Manifesto“, den Kampf „für die Rechte der Unterdrückten, Marginalisierten und Machtlosen“. Spaß muss sein, aber „die Critical Campaigner*in verwendet Mittel der Emotionalisierung und Reduktion nur in Verbindung mit differenzierten und komplexen Informationen“.

Per schier selten kreativ, gründlich und perfekt vorbereiteten Fake-Coups, gibt da der mediale David den allmächtigen Goliath homerischem Gelächter preis. Und enthüllt zugleich dessen Schandtaten, erinnert zumindest, die sie schon kennen, einmal mehr daran, dass sie, egal, wer gerade das Kanzleramt besetzt, einfach nicht aufhören. Den Untergrunddenkern gelingt es immer wieder, all das spektakulär witzig und Aufsehen erregend in sozialen wie Mainstream-Medien unterzubringen.

Normalerweise kommen mir solche Typen nicht auf die Festplatte, dies die tortale Ausnahme

Jean Peters hat keine Clownsnase im Gesicht, keine Perücke auf dem Kopf, als er bei uns in der Wohnungstür steht, die Schirmmütze auf seinem Kopf scheint Alltag. Er ist eines der wenigen Realgesichter, die das Peng!Kollektiv der Öffentlichkeit zeigt. In die getortete AfD-Versammlung gelangte er, das Backwerk auf den Händen, als Clown geschminkt und ein fröhliches „Happy Birthday“ trällernd, mitten hindurch durch eine erwartungsfroh schmunzelnde Rassistenschar, bis unmittelbar vor die Zielperson.

Unser Gespräch dreht sich durchweg um die Gesellschaft, in der wir leben. Ihm stinkt sie. Er holt sich den Tee selbst, wird den persischen Mürbteigkeksen gerecht, die auf dem Tisch stehen. Das System, über das wir reden, hat sich im Wesentlichen nie verändert. Es hat nur immer noch besser gelernt, immer neue Varianten des Aufbegehrens gegen seine Verkommenheit zu integrieren.

Die Leute von Peng! scheinen das zu wissen. Sie wissen, wen sie vor sich haben, wenn sie an die nächste Aktion gehen. Fakend überlisten sie immer wieder Leute, die ihrerseits – nur mit dem entgegengesetzten Ziel, Kriege zu rechtfertigen und die Menschheit in Angst und Schrecken zu versetzen – immer durchtriebenere Fakes in die Welt setzen.

Es ist eine der sympathischen Seiten des Bürgertums, immer wieder auch Menschen wie die Mitglieder des Peng!Kolllektiv hervorzubringen. Im „Die Hoffnung“ überschriebenen Vorwort seines Buchs formuliert Peters, und spricht damit für viele andere, die sich mit so etwas nur eben allesamt nicht in den Massenmedien wiederfinden: „Es ist für mich kaum zu ertragen, dass ich Glück habe und andere nicht“.

Woher kommt der Spaß an so etwas?

 Ich hatte immer was Antiautoritäres. Bei Autoritäten Menschen, die qua Amt dominieren, nicht qua Argument, funktioniert es recht gut, sie zu ärgern, sie leben vom Ernstgenommenwerden. Verweigert man es ihnen, werden sie fast immer lächerlich. 

Haben Sie Abitur?

Ja, ich habe danach noch zwei Master gemacht. Das Akademische hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Und irgendwann hatte ich auch begriffen, dass es strategisch Sinn macht. Den autoritären Uni-Betrieb kann man aber natürlich auch aufmischen. Ich erinnere mich, wie Anwesenheitslisten eingeführt wurden. Ich habe mich als Clown verkleidet, habe sie geklaut und dem Professor angeboten, sie auf Ebay zu ersteigern. Das war mein Auftritt, sorry für das billige Wortspiel, als Listenklaun.

War das schon kollektiv organisiert oder waren Sie mehr Einzelgänger?

Da haben Kommilitonen mitgemacht, war aber kein Kollektiv. Ich war Gruppen gegenüber immer ein bisschen misstrauisch, auch politischen Gruppen gegenüber. Es gab auch nie eine Gruppe, wo ich gesagt hätte, boah! das ist es. Wenn es irgendwo dogmatisch wurde, war’s sowieso aus bei mir.

Was ist „dogmatisch“?

Wenn man die Möglichkeit nicht zulässt, dass das, was man sagt, falsch sein könnte. Dogmatik gibt’s auch in postmodernem Gewand. Auch in der Frage „Möchtest Du einen Mercedes, einen BMW oder einen Golf kaufen?“ steckt Dogmatik, auch wenn das Ganze so scheinbar offen daherkommt.

Das traditionelle linke politische Kabarett, Leute wie Gerhard Polt, Georg Schramm, Volker Pispers…

Gerhard Polt kenne ich nicht. Schramm finde ich wunderbar, der hat eine grandiose Rede zum Erich Fromm Preis gehalten. Und von Pispers ist meine Freundin ein großer Fan.

Diesen Künstlern scheint, nachdem sie auf Youtube und bei den Öffentlich-Rechtlichen eine letzte Großverbreitung gefunden haben, die Lust vergangen, sie sind im Ruhestand oder haben resigniert. Peng! geht andere Wege. Das Kollektiv wäre ohne das Internet aufgeschmissen.

(lacht) Stimmt – die sozialen Medien bringen uns Verbreitung.

Worum geht es Ihnen?

Um sozialökologische Gerechtigkeit.

Ein sperriges Wort.

Es hat sich entwickelt. Politisches Bewusstsein ist ja nicht plötzlich und statisch da. Da wächst man auf und merkt zum Beispiel irgendwann, mit zehn oder fünfzehn Jahren: hey, da gibt’s ja so was wie das Patriarchat, was ist denn das eigentlich? Und dann merkt man, ach Scheiße, ich bin als Mann ein wichtiger Teil eines Unterdrückungsapparats, das hatte ich als Junge irgendwie übersehen. Dann sieht man die Klimakrise, die gibt’s nicht erst seit gestern. Warum machen die nicht endlich was dagegen? Und was hat das mit dem Kapital zu tun? Es bildet sich ein politisches Selbstbewusstsein. Ich reflektiere, wo bin ich, was ist meine Position in der Gesellschaft? – und versuche, mir die vielen Unerklärbarkeiten zu erklären. Es gibt ja Einiges, was überragend unerklärlich ist.

Zum Beispiel? 

Wie die Menschheit so viele Katastrophen kollektiv anzetteln und dabei gemütlich das Barbecue anschmeißen und fröhliche Lieder pfeifen kann.

Für mich wären das eher Einzelne, die Katastrophen anzetteln und damit ein bestimmtes System praktizieren.

Aber die sind Teil der Menschheit, sie sind ja keine Aliens.

Die absolute Mehrheit dessen, was Sie „Menschheit“ nennen, will unbestritten keinen Krieg.

Warum geht sie dann nicht in den Widerstand?

Es gibt weltweit seit mehr als hundert Jahren riesige Friedensmanifestationen. Gehen Sie in den Widerstand?

Ich denke schon, dass das, was wir machen, subversiver Widerstand auf der medialen Ebene ist.

Das Problem für uns alle ist doch, dass die für die Katastrophen Verantwortlichen jahrhundertelange Erfahrung darin haben, die Menschen immer neu in ihr menschheitsfeindliches System einzubinden. 

Richtig, die Menschen bewegen sich dauernd im engen Korridor des Zurechtkommens in der Welt. Aber immer mehr fragen sich trotzdem: Wie sind wir nur an diesen verzwickten Punkt gekommen? Beispiel Autoverkehr, Wohnungsnot, Klimakatastrophe. Dafür sind am Ende für mich nicht die bösen Gauner „da oben“ verantwortlich, sondern ein Gesamtkomplex an sozial-ökologischen Verhältnissen. Nennen wir ihn behelfsweise „das System“.  Und ich frage mich schon, warum es nicht mehr Leute gibt, die sagen – ey, ganz offen – ich würde dieses System gern stürzen.

Das würden Sie gern?

Ich allein mit Sicherheit nicht. Aber sonst: gern. Ich habe natürlich Sorge vor dem Machtvakuum, das dann entsteht und vor den neuen Rechten, denen das möglicherweise in die Hände spielt. So richtige Revolutionen sind dann doch oft viel blutiger als man sich das romantisch so vorstellt.

Haben Sie eine positive Vorstellung davon, was dann kommen könnte?

Ich habe keine Vision, keinen Plan, auch keine fertige Geschichte, mehr eine Art Flickenteppich.

Was ist zu tun?

Wo wir auf jeden Fall ranmüssen: wir müssen das Patriarchat zerschlagen, wir müssen Rassismus bekämpfen und wir müssen weg vom kapitalistischen Ressourcenverbrauch, der heizt den Klimawandel bis ins Unendliche an; wir müssen den Begriff des Eigentums neu denken und juristisch neu verankern.

Sie zeigen in Ihren Aktionen mit dem Finger auf besonders skandalöse Zustände, Institutionen und deren Exponenten, die von den Mainstream-Medien oft minimal bis gar nicht herausgestellt werden.

Die Medien sind oft gar nicht mal das Problem. Nehmen wir das Beispiel der Waffenindustrie, auch wenn es sehr spezifisch ist. Darüber wird oft sehr kritisch berichtet. Siebzig Prozent der deutschen Bevölkerung ist ohnehin konstant gegen Waffenexporte. Und doch, so scheint es mir, ändert sich nichts, im Gegenteil, der Waffenexport steigt.

Dafür darf man alle vier Jahre sein Kreuzchen machen.

Dieses spezielle Wirtschaftsfeld Waffenindustrie ist eine Bedrohung für das Vertrauen in die Demokratie. Das hat mit dem hohen Grad an Intransparenz zu tun, die wiederum eine beeindruckende Verbreitung von Korruption ermöglicht. Ich würde mir also verschiedene gesellschaftliche Felder stets unter diesem Blickfeld ansehen: wie hoch ist der demokratische Rückhalt der politischen Steuerung im Verhältnis zur dabei erzeugten sozial-ökologischen Gerechtigkeit. Ist beides so niedrig wie bei der Waffenindustrie, haben wir ein gravierendes Problem.

Mit Ihren Aktionen bauen Sie politischen Druck dagegen auf, auch dies Interview gehört in gewisser Weise dazu.

Lesen die politisch Verantwortlichen die Junge Welt? Liest die überhaupt irgendwer?

Allen voran gehört der Verfassungsschutz zu unseren treuesten Lesern. Das würde er wohl nicht machen, wenn uns sonst niemand lesen würde.

Dann lassen Sie uns doch kurz über den Verfassungsschutz reden.

Gern.

Wir haben ihn in Köln besucht und haben die Verfassung auf sein Eingangstor plakatiert, um Bilder davon zu haben, wie der Verfassungsschutz mit der Verfassung umgeht. Sie waren erwartbar dumm. Kamen rausgestürmt und haben die Verfassung in Stücke gerissen. Also der ganz normale Alltag dort. Aber wir sind noch viel weiter gegangen: mit intelexit.org haben wir für sie über einige Monate eine Aussteiger*innenplattform angeboten. Die deutschen Geheimdienste sind international nicht sehr ernst zu nehmen, eine Gurkentruppe. Aber gerade aus den USA und Russland haben sich einige Agenten gemeldet, die zurück in die Demokratie wollten, weil sie es in diesen paranoiden Machoschuppen nicht mehr ausgehalten haben. Das war eine sehr spannende Zeit.

Vor der Pandemie hatten Sie den Plan, die Lesungen mit Ihrem Buch zu nutzen, die verschiedenen, gegen die Zerstörungen des Kapitalismus ankämpfenden Einzelgruppierungen zusammenzuführen.

Wir bieten auch immer wieder Workshops für Leute an, die in ihrem Bereich auch Widerstand leisten möchten. Solange der Kapitalismus noch da ist, hoch dotiert, versteht sich (lacht).

Sie sehen die Notwendigkeit, Menschen hinter das zu versammeln, was Sie für richtig halten?

Hinter das, was die Menschen für richtig halten. Es geht ja um soziale Kämpfe, um die Menschen, die sich in kleinen oder größeren Gruppen organisieren und bei Ryan Air streiken oder in den Krankenhäusern oder fürs Klima und die ja eigentlich alle das Anliegen haben, bestimmte Machtstrukturen aufzubrechen. Eine unserer Ideen war von Anfang an, andere darin zu unterstützen, dass sie in Aktionen voneinander lernen, sich solidarisieren und inspirieren – ein IG Metaller bekommt durch einen Klimastreik ja vielleicht auch mal eine andere Perspektive – und sich insgesamt eben alle miteinander verbünden, das würde ich gern nach wie vor machen.

Auf diese Weise wollen Sie das System verändern?

Den Satz würde ich so nie sagen, das ist mir zu narzisstisch. Mir ist es enorm wichtig, Teil eines kollektiven Prozesses zu sein, in dem wir das System sprengen, umbauen, stürzen – nennen Sie mir ein radikales Wort, ich nehm’s – und ich merke auch, dass meine Generation (auch die davor) sehr zaghaft ist in solch radikalen Aussagen. Ich habe mir gerade viel Punk der 1980er Jahre angehört. Alle singen von „Revolution“ und „Umsturz“. Der Moment, wo man einen Stein auf ein Polizeiauto warf, war damals in seiner Gestenhaftigkeit ein Mosaiksteinchen im revolutionären Kampf. Heute, nach dem Zusammenbruch der verschiedenen politischen Zusammenhänge 1989, ist der Stein nur ein blinder Wutausbruch. Er wird nicht mehr im Zusammenhang gesehen, weil die Leute die Fronten zwischen real gelebtem Kapitalismus und real gelebtem Sozialismus  nicht mehr erleben können. So kaputt beide Systeme sind und waren, es ist damit auch die Illusion einer greifbaren Utopie abhandengekommen. Daher müssen wir um so mehr Orte schaffen, an denen Utopien vorstellbar werden, so sehr sie auch immer im Werdungs-Prozess bleiben werden.

Welche Utopien wären das?

Im Westen nichts neues. Eine Welt, in der unsere Beziehungen nicht auf Ausbeutung basieren. Weder zwischen Geschlechtern, noch zwischen rassistisch konstruierten Kategorien, auch nicht zwischen globalem Norden und Süden, Peripherie und Zentrum – und natürlich nicht zwischen den sozialen Klassen, wenn sie sich auch extrem gewandelt haben. Aber auch die Utopien haben sich geändert. Vor 100 Jahren hat kaum jemand von einer Welt geträumt, in der keine Ressourcen mehr verbraucht werden. Das ist eine neue Dringlichkeit.

Der Club of Rome hat schon 1972 sehr deutlich darauf hingewiesen.

Aber weder Realkapitalismus noch Realsozialismus haben das ernstgenommen.

Der chinesische Sozialismus geht heute anders damit um.

Puh, ich weiß, dass Sie auf China stehen, aber ich will nicht in einem Land leben, in dem man nicht frei sprechen darf. So misantrop bin ich dann doch noch nicht. Und was die Umwelt angeht: die setzen doch voll auf Atomkraft, oder?

Keineswegs ausschließlich.

Ja, massiv auch auf Kohle. Aber ganz ehrlich: ich kenne mich, was China angeht, nicht genug aus, um da was Belastbares sagen zu können.

Sie haben scheint’s sehr intensiv mit dem Jetzt zu tun, die Zukunft ist für Sie sehr weit weg?

Nach meinem Eindruck leben wir in einer Zeit, in der die Zukunft ständig ins Jetzt reinkracht. Und zwar in Form von Angst vor dem, was kommen mag. Eine der großen Aufgaben der Kunst und der Medien wird es sein, konstruktive, aber vor allem überzeugende, Zukunftsbilder zu schaffen, um nicht in autoritäre Gesellschaftsformen abzudriften. Junge Welt. Juli 2021

Jean Peters Jahrgang 1984, ist Publizist und Aktionskünstler. Er hat Politikwissenschaften studiert und ist Mitgründer des »medientaktischen« »Peng!«-Kollektivs, mit dem er regelmäßig Pressekonferenzen von Konzernen unterwandert. Auf der »Re:publica« 2014 hielt er vor etwa 3.000 Besuchern eine Rede als angeblicher Manager von Google. 2018 war er Mitbegründer der NGO »Seebrücke« und begab sich 2019 undercover in die Klimaleugnerszene.

Aktuelle Buchveröffentlichung: Jean Peters: Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter. Geschichten aus dem subversiven Widerstand. 2. Auflage. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021, 256 S., 21 Euro

PRINTEXTE

Schubert.Winterreise.Schäfer.Koch

„Das Wesen des Frühlings erkennt man erst im Winter“, sagt Heinrich Heine, „und hinter dem Ofen dichtet man die besten Mailieder.“ Es funktioniert aber auch umgekehrt. Denn eine, bei näherer Betrachtung eigentlich sensationell andere Wege gehende, Neuaufnahme von Schuberts „Winterreise“ erscheint exakt im Anfang eines sich von der Pandemie versuchsweise befreienden scheint’s saft- und kraftvollen Sommers 2021.

Wer über Schuberts, mit der „Winterreise“ geleistete Schaffung des modernen Kunstlieds redet, kann Wiederholungen kaum entgehen, denn es wurde darüber schon so viel Gutes und Richtiges geschrieben. Die „Winterreise“ scheint ausgedeutet. Die Neuproduktion beim kleinen Qualitätslabel AvI allerdings widerlegt derlei Annahmen. Denn der Tenor Markus Schäfer singt derart textverständlich und eigensinnig, der ihm zur Seite erklingende Hammerflügelspieler Tobias Koch „begleitet“ nicht, er inspiriert. Sänger und Zuhörende können sich dem Wortlaut in einer Weise widmen, die eigenproduktiv neue Gesangs- und Hörweisen ermöglicht.

Womit, stärker als gewohnt, der Urheber des Wortlauts der „Winterreise“ in den Fokus gerät, der Dichter Wilhelm Müller. Der handelte sich als unermüdlicher Propagandist der Sache des bereits zur Schubertzeit für seine Freiheit kämpfenden griechischen Volks im anti-freiheitlichen Deutschland den Spottnamen „Griechen-Müller“ ein. Er galt der deutschen Literaturkritik lange als, wie es im Booklet heißt, „durchschnittlicher Feld-Wald-und-Wiesen-Romantiker“.

Der junge Heine indes war von der Panerotik des älteren Dichterkollegen, von dessen Indienstnahme des Volkslieds für aktuelle politische Aussagen hellauf begeistert. Auch, dass der, seinerseits im Ansehen der Fachwelt erst sehr spät auf die ihm angemessene Höhe Beethovens und Mozarts erhobene Schubert nicht zufällig seine zwei liederzyklischen Meilensteine anlässlich Müllers Dichtung hervorbrachte: was kratzte es seit bald anderthalb Jahrhunderten den deutschen Musikprofessor.

Koch und Schäfer nehmen sich Freiheiten. Sie gehen mit Schuberts Text – spiegelverkehrt – wie das immer noch zuverlässig inhaltophobe Regietheater um. Sie provozieren den kritischen Blick auf den Buchstaben sowohl des Texts wie der Musik. Beide Künstler arbeiten im Geist historisierenden Musizierens. Ihr freier Umgang mit dem Text verdankt sich gründlichem Quellenstudium. So fand Markus Schäfer im Anhang einer alten Schubert Ausgabe eine Bearbeitung der „Gesänge des Harfners“. Der Schubert-Förderer und Starbariton, Johann Michael Vogl, hatte sie sich für gemeinsame Auftritte mit Schubert eigens eingerichtet; in den Noten von seiner Hand: ein verblüffendes Maximum an eigenmächtiger Anverwandlung des „originalen“ Schubert. Freilich gab es auch beim mit Vogl auftretenden Schubert keine originalen Noten. Ungeachtet seiner eigenen Partitur, passte auch er nachweislich das, was er auf dem Pianoforte spielte, seinen Schöpferlaunen und der Stimmung im Moment der Aufführung an.

Markus Schäfer und Tobias Koch (l.)

So stellt diese Neuaufnahme nicht nur die heute gängige Aufführungspraxis infrage. Sie hinterfragt nachdrücklich auch das moderne „Konzertsaalgeschehen“, so Tobias Koch in seinen Booklet-Ausführungen. Im Konzertsaal des 21. Jahrhunderts gehe es, sagt er, oft immer noch „objektiv“ zu und betont „sachlich“.

Aber Musik aufseiten aller Beteiligten ist – im Moment ihrer Entstehung wie in ihrem Bühnenleben – etwas zutiefst Subjektives. Was die Musikwissenschaft sehr lange als „Urtext“ festhielt und heiligte, ist, so Theodor W. Adorno, nichts als „die Kopie eines nicht vorhandenen Originals“.

Die frische Kopie Schäfers und Kochs, das darf nicht unerwähnt bleiben, ist bei allen wichtigen Überlegungen für den Kopf, auch ein Viersterne-Menü für die Ohren. Der Sänger wird dem selbstgestellten Anspruch gerecht, wie er selbst zu klingen, wie der, sich gerade so oder anders fühlende, Interpret Markus Schäfer. Er klingt in ungekünstelter Tonschönheit, in bescheiden tief empfundenem Sinn, nach einem atmend singenden Menschen, nicht nach Idol, nicht nach tönender Absicht. Und Tobias Koch? Ein unaufdringlich meisterlicher Großvirtuose des pianistischen Moments, der Schrecken des „Urtexts“. Der dritte im Bund: das Pianoforte der 1830er Jahre aus Kochs Instrumentensammlung, hergestellt von einem unbekannten Klavierbauer, Gott hab ihn selig. Sein Instrument, wie gemacht für den Aufführungsmoment, passt sich, als wisse der Spieler nichts davon, naturhaft der Menschenstimme an. Das alte Klavier kann aber auch dramatisch. Der Dezibelzahl nach vielleicht gar nicht einmal so besonders laut oder leise, bringt es fortissimo, wenn angesagt, die klanglich gestische Gestalt des intensiv Bedrohlichen hervor. Oder pianissimo – es hat ein drittes Pedal für so etwas – die des dämmrig durchsichtig Verwunschenen. Wie kann man Schubert überhaupt guten Gewissens auf einem modernen Konzertflügel spielen, wenn man nicht ausnahmsweise, sagen wir, Alfred Brendel heißt, Artur Schnabel oder – ! – Maria Judina. Der moderne Konzertflügel ist Gleichmacherei auf je individuellem Höchstniveau. Glaubt niemand*? Es wäre an dieser Neuaufnahme zu überprüfen! Junge Welt, Juni 2021

Schubert: Die Winterreise D 911 – Markus Schäfer, Tobias Koch (AvI/Helikon Harmonia Mundi France)

CDREVIEWS

Enno Poppe.Filz

Reden wir einmal nicht von Beethoven. Reden wir von Enno Poppe. 199 Jahre nach Beethoven geboren, macht er nicht mehr, aber auch nicht weniger, als Beethoven machte: Er verlässt gebahnte Wege. Und findet neue. Er fordert sein Publikum heraus, indem er ihm etwas, zwei Jahrhunderte nach Beethoven, offenbar schier Äußerstes zumutet, etwas, das er selbst dem Vernehmen nach seit frühester Jugend kennt: sich auf radikal Neues einzulassen.

Für Beethoven ergab sich das Neue in frühester Jugend aus der Bekanntschaft mit dem „Wohltemperierten Clavier“. Bachs schöpferische Erforschung der Polyphonie und der harmonischen Wirkungen und Entwicklungsmöglichkeiten des Quintenzirkels bildeten im Schaffen Beethovens die Grundlage für, aus dem Neuen entstehende, neue Triebe mit immer neuen Abzweigungen und Knospen.

Die Pflanzenmetaphorik schlägt den Bogen erneut zu Poppe. Der liebt es, sich, wenn von seiner Musik die Rede ist, in naturwissenschaftlicher Idiomatik zu bewegen. Als jemand, der ein langes Musikstudium, unter anderem bei Gösta Neuwirth, hinter sich hat, kennt er sich natürlich auch im Quintenzirkel aus und ist problemlos in der Lage, eine Fuge zu komponieren. Er geht allerdings fundamental andere Wege – nicht ohne etwa im Mittelsatz des Titelstücks der neuen CD mit dem Ensemble Resonanz und Tabea Zimmermann auch eine in die neue Welt seines Komponierens übersetzte Fuge hören zu lassen.

Der Vater des 1969 im sauerländischen Hemer geborenen Komponisten war Lehrer für Musik und Mathematik. Poppe sei, liest man, schon in der Jugend auf Forschungsprojekte gestoßen, in denen versucht wird, das Wachsen und Verzweigen in der Pflanzenwelt in mathematischen Modellen zu erfassen. Am Beginn von „Filz“ jedenfalls, dem Titel- und Hauptstück der neuen CD mit drei Werken für Kammerorchester stellt das Ohr verblüfft fest: mit der Logik, der Art von Hören und Denken europäischer Musiktradition öffnen sich keine Türen zu Poppes Musik.

Das Bratschenkonzert „Filz“ beginnt mit einem Solo Tabea Zimmermanns. Der Ton schlingert – eine Reminiszenz an Arabien? – melismatisch durch die Luft. Das Ganze verwandelt sich in ständigen Wiederholungen, bleibt dabei in einer durch Dehnungen, Stauchungen, jähen Veränderungen der Lautstärke figurierten, glissando-artig durchgehenden Bewegung, die in ihrem Schlingern und Gleiten auch alles andere erfasst – Tonalität, Farben, Dynamik. Einzigartig, wie viele wie spontan erfundene Ausdrucksnuancen Tabea Zimmermann einem konzertanten Mauerblümchen wie der Bratsche zu entlocken vermag. Man muss diese Musik unbedingt mehrmals hören, auch schwierige Texte erschließen sich nicht beim ersten Lesen. Zum Lohn wird in den wilden Crescendi und Decrescendi, im jäh hingefetzten Abreißen und immer neuen Ansetzen mit jedem Mal deutlicher die Form auch in Poppes Komponieren.

 Wie in der Natur wächst sich auch in ihm das Einfachste und Kleinste, sagen wir: Atome, Einzeller, Grashalme, zu großformatigen Molekülbildungen mit „Akkorden“ aus mathematisch errechneter Mikrotonalität, zu Klangtumulten und orchestralen Wirbelstürmen aus. Anders als bei Beethoven tritt in der Wahrnehmung von Kraft, Energie, Lyrik oder Depression aus dieser Musik allerdings kein diskursiv erfasstes Gesellschaftlich-Historisches oder intim Biografisches hervor. Aus Triumph oder Sieg, Anbetung, Tragödie, Katastrophe oder Paradies wird bei Poppe – naturhaft Elementares. Es bedeutet nichts, es ist, was es ist. Auch der Anblick keimender, wachsender, zerberstender oder in unerforschlichem Sog in ein Unendliches hinaufschießender Natur bedeutet nichts und löst doch spürbar vieles in uns aus.

Wer in all dem nur Kopfmusik vermutet, geht in die Irre. Spätestens beim ersten Erklingen der vier, in kontratiefer Schwärze auftretenden Klarinetten bemerkt das Ohr: in Poppes Musik gibt es Sinnlichkeit, Hördelikatessen. So sind die Klarinetten in all ihrer Klangschönheit in langanhaltenden Liegetönen die Unterlage, Poppe nennt sie im Interview scherzend die „Fußbodenheizung“ von „Filz“. Im Verlauf umschlängeln sie in hinreißendem Klangduett die hohe Bratsche, Poppe baut ins Denken seiner Musik umgerechnete Reminiszenzen an die Tradition in seine Musik ein, eins muss nur dranbleiben und zuhören.

Unglaublich, was er mit dem Streicherklang anstellt. Wie er Bratsche und „Tutti“ sich mutuell durchdringen lässt, sie im nächsten Augenblick in schneidende Klarheit entwirrt, wie sich die hohen Streicher am Ende des schnellen „Filz“-Mittelsatzes zum klanglichen Lazerstrahl aus fräsend-gleißenden Einzellinien vereinen, im nächsten Moment bilden sie nebelhafte Klangschleier aus irrwitzig fein gemischten Tonschichtungen. In Augenblicken oder länger, mutiert die Musik klanglich und auratisch, von der intimen, kaum kammermusikalischen Einzelheit zum kosmisch-orchestralen Ganzen und wieder zurück. Es ist unbeschreibbar viel, was da in einer, auch so etwas wie die Zeit noch relativierenden, Gedrängtheit vor sich geht. Ein Hörvergnügen eigentlich in allem, was Musik zu bieten hat. Es kommt dem gleich, was schon das Publikum der alten Musik hinriss und verzauberte. Nur entstammt es naturwissenschaftlich inspiriertem Denken, und auch in dieser Erscheinungsform wird großartige Musik daraus.

Mit dem Komponisten am Pult, dem Ensemble auf der Stuhlkante, für das die drei Werke der CD geschrieben wurden, und der wie immer einzigartig einfühlsamen, unendlich ausdrucksvariablen Tabea Zimmermann als Solistin hat diese Neuerscheinung die denkbar idealen Interpreten.  Junge Welt, Juni 2021

Enno Poppe: Filz. Stoff. Wald – Tabea Zimmermann, Ensemble Resonanz / Enno Poppe (wergo / Naxos)

CDREVIEWS

Mozart.Entführung.Jacobs.Akamu.

Wenn sich irgendwo einer der maßgeblichen Maestri wieder einmal einer der Opern des reifen Mozart annimmt, wird der Idomeneo zu Unrecht oft immer noch nicht mitgezählt. Aber den Idomeneo hat Renée Jacobs in seiner reichhaltigen Mozart-Diskographie bereits hinter sich. Er springt in der Chronologie hin und her: Zauberflöte und Clemenza di Tito sind bewältigt, alle drei da Ponte-Opern auch; sogar La finta giardiniera, eine Oper des 19-jährigen Mozart, liegt als CD-Box vor.

Nur die Entführung fehlte. Der geniale Wechselbalg aus den angesagten Nationalstilen und Genres der Mozartzeit, obendrein ein Deutsch gesungenes Singspiel mit gesprochenen, oft recht papiernen Dialogen, macht vielen Interpreten Probleme. Jetzt ist Jacobs’ Entführung da.

Zehn Takte Ouvertüre und man weiß: Da prallen Fortissimo und Piano aufeinander wie die üppige Kraft und die kindliche Zartheit der Jugend. Carl Maria von Weber meinte, Mozart habe nur eine einzige solche Oper schreiben können, unwiederholbar jünglingshaft blühend wie die Entführung. Die Akademie für Alte Musik Berlin stellt genau das mit viel Verve, Explosivität und Spielfreude dar. Wobei es üblich zu werden beginnt, dass der Geist des am Hammerflügel leitenden, spontan seine Kommentare einstreuenden Mozart sowohl zum geläufigen Teil des Ripieno wird, als auch zum sprechenden Continuo; so etwa begleitet der Hammerflügel bei Jacobs einen Dialog Bassa/Konstanze stimmig mit einigen Takten der c-moll Fantasie, er wirkt in der Dramatik der Leiter-Szene dann allerdings auch mal eher leicht überflüssig.

 Konstanzes Arie „Martern aller Arten“, jene wg. ihrer vielen Koloraturen und anderer Längen bisher stets zu schluckende Kröte der Entführung, hat bei Jacobs so viel Tempo und dynamische Kontraste, ihre Concertini sind so spannungsvoll eingebunden, Teile des Bassa-Dialogs konzertant über die Arie verteilt, was dito den Zeiteindruck verkürzt, und Robin Johannsen singt in der oft abnormen Höhe, die ihr Mozart abverlangt, derart sicher und sauber – dass die Arie glatt von der Marter zum Genuss wird. Der seinem Vater an Stimme und Textverständlichkeit vergleichbare Julian Prégardien hat leider nur die kleinere Rolle des Pedrillo. Er folgt allerdings wie alle anderen als Dialogsprecher einer Regie ohne Idee von den Absichten des Komponisten. Von den in Mozarts Musik entworfenen – und von Jacobs durchweg erfassten – Charakteren findet sich in den Dialogen nur ein alberner Abklatsch.  

René Jacobs

Nichtsdestoweniger ist das Wiederaufmachen fast aller Dialog-Striche aus 230 Jahren Entführungs-Tradition ein Plus: So wird klar, Mozart hat in seinen Opern nicht erst ab Figaro die aktuelle Politik kommentiert. Allein in der Wahl der Sprache – der aufgeklärte Despot Joseph II. hatte den allerdings längst überzeugten Mozart zum Deutschen gedrängt – lag ein Affront gegen den in der Oper ans Italienische und Französische gewohnten Adel. Keine sechs Jahre nach der Entführungs-Premiere begann 1788 der zur Zeit der Uraufführung bereits in der Luft liegende Türkenkrieg. Vertreter des Humanen, der Toleranz und Gesittung in der Entführung ist gleichwohl der muslimische Bassa Selim (er war in seinem früheren Leben Christ und Spanier). Die jungen Herrschaften aus Europa dagegen spielen samt Dienerschaft von Anfang bis Ende falsch; selbstherrlich stoßen sie eine chauvinistische Beleidigung nach der anderen aus. Vor allem der kindlich offene und heftige, pflichttreue und herzensgute Haremswächter Osmin fällt in seiner Gutgläubigkeit der christlichen Durchtriebenheit zum Opfer. Der Bassa aber, der durch den Vater seines europäischen Gefangenen vor langer Zeit alles verlor, „rächt“ sich an den Zumutungen des Abendlands wie Nathan: durch großmütiges Verzeihen. Er lässt die Christen ziehen (dort zu leben, wo sie herkommen, ist Strafe genug).

Mozart und mit ihm Jacobs und seine Musiker feiern in der Entführung solch aufgeklärt weises Verhalten eines zum Islam Konvertierten mit dem burlesken Lärm türkischer Musik (im Wien dieser Jahre grassierte eine der Kleidung, dem Kaffee und der Tonkunst des prospektiven Feindes nacheifernde Türkenmode). Im vielsagenden Kontrast zu den glanzvoll leierigen Koloraturen der herrschenden Klasse durchzieht das kraftvolle Alla turca die zu seinen Lebzeiten erfolgreichste aller Opern Mozarts wie ein frischer roter Faden.  Junge Welt, Oktober 2015

Mozart: Die Entführung aus dem Serail K. 384 – Johannsen/Eriksmoen/Schmitt/Prégardien/Ivashchenko/Obonya/Akademie für Alte Musik/Jacobs (Harmonia Mundi France).  

CDREVIEWS

Rauch über der Wiege

Ich gehöre einer Generation an, die in der Zeit nach dem 8. Mai 1945 gezeugt wurde. In meinem Fall an einem sonnigen Nachmittag, den Wilden Kaiser im Blick, auf dem hölzernen Balkon eines Hauses im bayrischen Reit im Winkel. Das bedeutet, in den Mitgliedern meiner Familie berührte sich die jüngere Zeitgeschichte mit meinem Leben. Poetisch verkürzt: Über meine Wiege zog noch der kalte Rauch aus Richtung Auschwitz.

Wie viele Male dachte ich schon, ich hätte es hinter mir. Aber Texte, Filme, Radiosendungen, eine zufällige Bemerkung von irgend jemand hatten es immer wieder in Erinnerung gerufen und mich in unterschiedlicher Intensität immer wieder darauf gestoßen. Ich habe es zwar meist mehr oder minder bald hinter mir gelassen, wie etwas, das man, über Bord geworfen, noch eine Weile mit den Augen verfolgt, wie es in den Wellen zurückbleibt und irgendwann, weit weg, im Wasser versinkt. Aber es kam wieder.

Das lag natürlich daran, dass ich nicht allein auf der Welt bin. Ich erinnere besonders deutlich das erste Mal, ich war um die fünfzehn. Wir saßen wie jeden Abend in den Ferien bei den Großeltern in Bremen im dunklen Wohnzimmer. Der Fernseher die einzige Lichtquelle. Er stand irgendwie sehr weit oben, das Bild schwarzweiß. Es war der Film von Alain Resnais.  Nacht und Nebel. Ich kannte den Namen des französischen Regisseurs damals sowenig wie den des österreichischen Komponisten Hanns Eisler, von dem die Musik ist. Der Abend kommt mir nach sechzig Jahren vor, als wäre er gestern gewesen.

Es war das erste Mal, dass ich die Bilder sah. Den Haufen nackter lebloser Menschenleiber, die wie schlotternder Müll von einem Bulldozer in eine Grube geschoben wurden. Dazu anonyme Lebendskelette in zu großen gestreiften Lumpen, die fremd wie Wesen von einem anderen Stern in die Kamera blickten. Ich sah den elektrischen Stacheldraht. Die Baracken mit den dreistöckigen Bettgestellen, aus denen hohle Augen in viel zu großen Köpfen mit gestreiften Mützen heraussahen.

Vielleicht ist „verwundert“ das richtige Wort. Ich war ganz gewiss weder schockiert noch etwa empört. Ich war einfach verblüfft, ich wunderte mich, dass es so etwas gegeben hatte und dass es von dem Land, in dem ich geboren bin, ausgegangen war. Dass die Bilder mich fürs Leben erreicht haben, sagt mir der Umstand, dass ich, nach sechzig Jahren, mitten in der Nacht wach bin und daran denke. Jetzt schreibe ich darüber.

Ich habe viele Nächte und Tage an diesen Abend denken müssen. An ihm geschah etwas für mich Besonderes. Denn wie auf ein unhörbares Kommando erhoben sich mitten im Film in seltsamer Bestimmtheit die Großeltern plötzlich aus ihren Fernsehsesseln und verließen schweigend den Raum. Die zum Geschehen auf dem Bildschirm in extremem Kontrast stehende Helligkeit, die in diesem Moment durch die von ihnen geöffnete Tür aus dem Flur jäh ins Wohnzimmerdunkel brach, blendete mich und meinen Bruder fast schmerzhaft. Weg waren sie.

Am Morgen darauf am Frühstückstisch. Das Erstaunen der Großeltern kann nicht größer gewesen sein, als mein Erstaunen, ja fast mein Entsetzen darüber jetzt: Warum um alles in der Welt haben wir Kinder die Großeltern damals nicht unverzüglich gefragt, was sie zum Inhalt dieses Films zu sagen und ob sie nichts von alldem mitbekommen hätten?

Wir kamen nicht einmal auf den Gedanken, sie zu fragen. Denn in den fünfzehn Jahren, die an diesem Morgen seit der Befreiung vom Alptraum des deutschen Faschismus vergangen waren, wurde in der Bundesrepublik Deutschland über die durch Deutsche verübten Weltverbrechen eisern geschwiegen. Entgegen der international verbreiteten Ansicht, die Bundesdeutschen hätten ihre Geschichte mustergültig aufgearbeitet, hatten die Erwachsenen meiner Jugend, konfrontiert mit ihrer Geschichte, sich uns Kindern gegenüber in diesen fünfzehn Jahren wortlos davongeschlichen, die komplette Öffentlichkeit, in der wir aufwuchsen, verhielt sich so.

Wir gingen damals am Frühstückstisch problemlos zur Tagesordnung über, weil es den Propagandisten der postfaschistischen BRD in den bis dahin verstrichenen fünfzehn Jahren glänzend gelungen war, uns Nachgeborenen und der internationalen Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, Auschwitz wäre die Tat „der Nazis“ gewesen, eine seltsame Horde, die während der Weimarer Republik irgendwie über die armen Deutschen gekommen waren.

Es war töricht und zugleich folgerichtig und selbstverständlich, dass diese harmlosen Großeltern, mit denen wir fröhlich Mensch-Ärgere-Dich-nicht, Monopoly oder Skat spielten, Ostereier suchten und an Sylvester Karpfen aßen und Blei gossen, für uns nur Unbeteiligte sein konnten. Denn die Nazis, das waren ja gleichsam Außerirdische gewesen (wir dachten damals selbstredend: „gewesen“). Was konnten die Erwachsenen mit den Raub- und Mordzügen dieser kurzgescheitelten, gestiefelten, mit rotgegründeten Hakenkreuzen und schwarzsilbernen Totenköpfen bedeckten Monster zu tun gehabt haben? Nichts. Der Großvater hatte dem Land treu als Offizier der Reichwehr, später der Wehrmacht gedient, hatte dabei den rechten Arm „verloren“. Die Großmutter, eine Fabrikantentochter der sächsischen Seifensieder-Industrie aus dem späteren Karl-Marx-Stadt, sorgte fürs Gesellschaftliche, stellte das Essen auf den Tisch, kochte Kaffee, die Kekse daneben, sie hielt die Konversation am Laufen.

Der diskrete Charme der Bourgeoisie hatte für mich vertraute und geliebte Gesichter. Bunuels Filmtitel fühlte sich in den 1970er Jahren, als wir, zu neuen Ufern aufbrechend, den Film im Kino sahen, schon wie ein Rückblick an, ein erstes Resümee. Das war es also, wozu ein distanziertes Verhältnis zu bekommen wir im Begriff standen.

Der Charme hatte Gründe für seine Diskretion; nicht grundlos leugnet das Bürgertum bis heute hartnäckig jede Geschichtlichkeit menschlichen Wesens und Treibens. Ich erlebte diesen Charme und alles, was Bunuel mit ihm charmant umschrieb, als Teil und Betroffener der Wirklichkeit dieser Klasse. Wenn ich es recht erinnere, widmet sich Bunuel vornehmlich den seltsamen Konventionen des Bürgertums. Dinge wie Geld und Eigentum kommen nicht zentral vor. Dieser „Charme der Bourgeoisie“, den ich in den Nachkriegsjahren in Elternhaus, Schule und Öffentlichkeit erlebte, sorgte dann mit dialektischer List dafür, dass ich, als ich erstmals per Zufall las, dass „die Bourgeoisie dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt“ habe, sofort anbiss. Ich wusste ja schon viel zu gut, was da gemeint war.

Die Großmutter und ich 1949

Im Großelternhaus ging es, zumindest äußerlich, gesittet und wohlhabend zu. Der Großvater verdiente gut, er arbeitete, so hieß es, in der Personalabteilung der Flugzeugwerke „Weserflug“ in Vegesack. Der Lebensstandard gehoben mittelständisch. Anders bei uns zu Haus. Mein Bruder und ich lebten, damals eine Seltenheit, beim von unserer Mutter getrennten Vater. Alles in beiden Familien, deren Teil ich war, hatte sich getrennt. An Weihnachten bestückten zu unserer größten Freude neben den Eltern vier Großelternteile den Gabentisch. Mein Vater war der Erstgeborene eines schlesischen Kalk-, Dolomit- und Marmorfabrikanten, der in erster Ehe mit der nachmaligen Bremer Großmutter verheiratet war. Unser Vater mit den zwei Söhnen lebte, ein Dreimännerhaus, in einer kleinen Zweieinhalb-Zimmerwohnung am Rand von Eimsbüttel. Unterer Mittelstand. Mein Vater fuhr mit seinem grauen kleinen VW als Großhandelsvertreter durch die Provinz. Es ging uns gut. Aber er hat den steilen Absturz vom Kronprinzen eines, sein schlesisches Dorf feudal ausbeutenden Fabrikherren zum gehobenen Klinkenputzer im Dienst eines schwedischen Büromaschinenkonzerns nie verwunden. Ein Feierabendalkoholiker. Das Liebenswerteste an ihm war, was ihm zugleich in seiner Klasse das Genick brach: Er war zu schwach für die Wölfe. Wir als seine Kinder waren den Schattenseiten seiner Schwäche ausgeliefert. Er war der Sohn der Bremer Großmutter, die mir aus ihrer Zeit als schlesische Fabrikantengattin vom spätfeudalen Treiben auf den Rittergütern der Umgebung erzählt hat, auf die übers Wochenende auch die Fabrikanten geladen waren. Sie ließ mich den Zwiespalt spüren, in dem sie lebte. Sie hatte, wie sie mir einmal erzählte, als Jugendliche abends heimlich unter der Bettdecke Fontanes „Effi Briest“ verschlungen. Die Momente ihrer Wahrheit, deren ich als ihr Lieblingsenkel in unvergesslich intimen Momenten teilhaftig wurde, standen in krassem Kontrast zu ihrem geradezu kadavergehorsamen Schulterschluss mit dem Großvater, als ich erste Zweifel an der gelebten großelterlichen Ethik anmeldete. Ich hätte gern gewusst, wie die Großmutter sich den Entdeckungen gegenüber verhalten hätte, die ich Jahrzehnte nach ihrem Tod gemacht habe.

Es begann damit, das mir irgendwann  klar wurde, der großväterliche Arbeitsplatz „Weserflug“ war damals der Ort, an dem die durch ihren Einkäufer Franz-Joseph Strauß berüchtigten US-amerikanischen „Starfighter“-Abfangjäger für die Bundeswehr „umgerüstet“ wurden, im Klartext: Sie wurden atomwaffenfähig gemacht und fielen, weil mithin viel zu ungelenk, in mörderischer Zahl vom Himmel. Hinter vorgehaltener Hand hatte man mir in der Familie bereits seine tatsächliche Funktion in der Personalabteilung des Flugzeugwerks zugetuschelt: Er prüfte die einlaufenden Personalakten neu zu Beschäftigender, hieß: Er hielt die Weserflug „kommunistenrein“. Für so etwas bundesweit zuständig war damals Reinhard Gehlen, eine der vielen braunen Eminenzen der Adenauerzeit. Als bester Freund des mächtigen CIA-Chefs Allan Dulles war dieser oberste Kommunisten-Jäger unter den Hitlergenerälen zum Schöpfer des Bundesnachrichtendienstes geworden. Der Dienst kümmerte sich offenbar nicht nur um die „demokratische“ Lupenreinheit „freiheitlicher“ Großbetriebe. Er sorgte zugleich wie aus einem Guss für die flächendeckende Existenzsicherung höherer Nazi-Offiziere. Mein Großvater – er arbeitete nur in den ausgesucht lukrativen Jobs zuverlässiger Agenten der alten Zeit in einer gefaket neuen – hatte nach 1945 komplett ausgesorgt.

Der Großvater

Der Kontakt zu ihm brach ab, nachdem meine Großmutter an Gallenkrebs gestorben war. Unsere Wege hatten sich ohnehin längst getrennt, denn zu diesem Zeitpunkt war ich, was dem immer noch bestens vernetzten Ex-Agenten sicher schon bekannt war, seit 1972 Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei

Die Sache ging mir nicht aus dem Sinn. Im Internet fand ich in den 2000er Jahren in einer Kartei ehemaliger Wehrmachtsoffiziere den Namen des Großvaters und die Beschreibung seiner Laufbahn. Er hatte, nachdem ihm Mutter und Vater viel zu früh verstorben waren, eine neue „Familie“ gefunden, die Freikorps. Noch nicht zwanzig, zog er mit den weißen Marodeuren gegen die Revolution zu Felde und lernte, Arbeiteraufstände niederzuschlagen. In der Reichswehr war er schnell Hauptmann, in der Wehrmacht im Afrikafeldzug Major im Generalstab Erwin Rommels. Auf dem Rückzug aus Afrika wurde ihm 1942 in Tobruk der rechte Arm weggeschossen, er wurde ausgeflogen. Ausgeheilt rückte der Einarmige ins Heerespersonalamt ein, wo er laut Karteieintrag am 15. 10. 1944 Chef der Abteilung P7 wurde. In Jürgen Försters „Die Wehrmacht im NS-Staat“ stieß ich in einer Fußnote auf Genaueres. Dort fand sich die doch recht erstaunliche Tatsache, dass die „erste Sofortmaßnahme“ meines Großvaters als P7-Abteilungschef darin bestand, dem SS-Führer Heinrich Himmler einen „Personalsachbearbeiter als persönlichen Ordonnanzoffizier“ zuzuteilen. Mir stockte, selbst noch 2014, als ich diese Entdeckung machte, der Atem.

Dieser Mensch hatte sich uns gegenüber als stets zu Scherzen aufgelegter Biedermann aufgeführt. Was es mit der „Nationalzeitung“ auf sich hatte, deren Abonnent er war, wusste ich damals noch nicht. Auch die Familienreise ins niederländische Apeldoorn, zum Schloss des dort seine Exil-Millionen wegliternden letzten deutschen Kaisers, erschien mir unverdächtig.  Die Bundeswehr beförderte den Einarmigen – bei der Nazi-Wehrmacht war er als Oberstleutnant ausgeschieden – zum Oberst der Reserve. Für die jungen Leutnants der bei Bremen stationierten Panzertruppen, die sich bei uns die Klinke in die Hand gaben, war er Held, Ratgeber und Vorbild.

Eine launige Großvater-Erinnerung, die mir einfällt, betrifft eine seiner Redewendungen beim Skat: War sein Blatt so gut, dass er zum entsprechenden Zeitpunkt mit allen Karten obenauf, also aller Stiche sicher war und damit der Gewinner, legte er seine Karten auf den Tisch und sagte in trockenem Freikorps-Deutsch: „Die Gewehre aufs Rathaus!“ Wir haben ihn auch nie nach der Herkunft dieser Formulierung gefragt.

Was waren das für Menschen, unter denen ich aufwuchs? In der Rückschau: Gespenster. Denn sie führten ein Doppelleben. Auch vor sich selbst. Neben dem von Bunuel gestalteten diskreten Charme hat Hannah Arendt in der Beobachtung des Jerusalemer Eichmann-Prozesses ein weiteres Charakteristikum der Bourgeoisie ans Licht gebracht, das ich in meiner Familie life erlebte: die Banalität des Bösen.

Mein Großvater liebte Eisbein mit Erbsenpüree. Er machte jährlich die traditionellen Kohl- und Pinkelfahrten der Bremer mit; musikalisch etwas einseitig, sammelte er internationale Marschmusikschallpatten; die Kultur war für ihn eher Damensache. Und dann kam in den 1960er Jahren einmal eine Postkarte aus Südafrika. Auf den Erzfrachtern der Firma Krupp konnten Firmenangehörige – der Großvater arbeitete damals für Krupp – kostenlos in aller Welt herumschippern, den Großvater zog es ans Kap der guten Hoffnung. Auf diese Postkarte hatte der Großvater in seiner krakelig steilen Neulinkshänder-Schrift mit Kugelschreiber die Worte gesetzt: „Hier ist die Welt noch in Ordnung“. Wörtlich. Es hat sich mir, als ich lernte, wer Nelson Mandela war, eingebrannt. Konnte er davon ausgehen, dass wir nicht wussten, was in Südafrika zu der Zeit vorging? Er konnte. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ sagt Goya. Ich wuchs unter Ungeheuern auf, ich frühstückte und würfelte mit Monstern.

Wenn die 68er, zu denen ich mich freudig zähle, bis heute angefeindet und schlechtgeredet werden soweit sie nicht Außenminister geworden sind, dann im Kern dafür, dass sie den Schleier über den Menschheitsverbrechen des Hitlerfaschismus weggerissen und Frischluft hereingelassen haben in den erstickenden Mief der Bundesrepublik zur Zeit des Adenauerregimes. Zur „Toleranz und Offenheit“, mit der sich aggressivste Teile des bundesdeutschen Bürgertums noch heute vor der Welt schmücken, haben unter Polizeiknüppeln – für Benno Ohnesorg auch unter Polizeikugeln – mit unserem spontanen Überraschungsangriff aufs Schweigen wir 68er sie geradezu zwingen müssen. Dann erkannten sie, dass sich auch daran, wenn man es richtig einfädelte, gut verdienen ließ, die Jugendkultur entstand.

Der Großvater hatte, was mir erst später klar wurde, auch während meiner Bundeswehrzeit stets die Hand über mir. Als Soldat verhielt ich mich erstmals nicht wirklich familiengerecht. Ich war ein etwas schläfriger Wachsoldat, ich konnte den Mund nicht halten. Einmal fuhr ich sogar einen Kameraden, der es nicht mehr aushielt, eines so wolken- wie dienstfreien sonntags mit meinem DKW Junior nach Holland, von wo er nach Israel zu gehen gedachte. Beihilfe zur Fahnenflucht. Der MAD verhörte mich. Mit Sicherheit haben sie gewusst, wo ich war. Aber mir geschah nichts. Nur als wir nach drei Monaten von der Grund- zur Vollausbildung übergingen, kam ich zur Strafe für so viel Unbotmäßigkeit nicht in den für gymnasiale Zeitsoldaten obligatorischen Kompanie-Zug für die Reserveoffiziers-Anwärter (ich hatte mich familienwunschgemäß für zwei Jahre verpflichtet). Ich kam in einen der ausschließlich aus Wehrpflichtigen bestehenden drei „Kampfzüge“.

Da ich in der Bundeswehr bei den Pionieren war, geschah damit etwas für mein weiteres Leben sehr Wichtiges: ganz gegen die Absichten derer, die mich „zum Bund“ geschickt hatten, kam ich als Bürgersohn erstmals in meinem Leben auf diese Weise in engen Kontakt mit der Arbeiterklasse. Denn die Kampfzüge bestanden aus Handwerkern, Hafenarbeitern, Maschinenschlossern. Ihr Ethos, sie hätten das Wort nicht gekannt, faszinierte mich. Ich lernte von ihnen und sie – es bedeutete mir unendlich viel – mochten mich, sie nahmen mir den ewig schwatzenden Spinner, der ich war, nicht krumm. Auf diese Weise war ich noch nie gemocht worden. Ich lernte ein für mich neues Gemeinschaftsgefühl kennen, ich wurde Kompaniesprecher, schrieb für die Kameraden Dienstbeschwerden und trank mit ihnen Aquavit bis fast zum Dienstbeginn.

Am Ende der drei Monate Vollausbildung in der Kampfkompanie wurde ich zum Kompaniechef befohlen. Mit „hartem Hut“. Der Stahlhelm auf dem Kopf, wenn man zum Chef musste, bedeutete für uns damals die Alternative: Beförderung oder Knast. Aber es war etwas anderes. Wieder hatte mit Sicherheit mein Großvater die Hand im Spiel. Ich hätte die Flinte zu früh ins Korn geworfen, sagte der Kompaniechef. Ich wäre zwar undiszipliniert gewesen, aber auch einsatzfreudig und kurzum – ich solle meine Sachen packen und in den Block der Reserveoffiziersanwärter umziehen, am nächsten Tag ginge es ab nach München zum Fahnenjunker-Lehrgang, Schwamm drüber, wir sind ja gar nicht so. Er lächelte gnädig. Ich weiß bis heute nicht, woher ich die Veranlassung und die Sicherheit nahm, in diesem Moment genau zu wissen, was ich ihm antworten wollte. Dort, wo ich jetzt bin, sagte ich, gefällt es mir gut. Er wurde bleich. Es war mein erster Schritt vom Wege.

Das hätte der Großvater nicht gedacht! Er war machtlos. Ich hatte eine Weile die Gewohnheit, an passender Stelle zu verkünden, das sei das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe – meine Klasse zu verraten. Aber außer, dass das ein wenig dramatisch und pathetisch klingt, ist es vielleicht auch nicht ganz richtig. Ich habe meine Klasse nicht verraten. Ich habe im Bemühen, dabei zu helfen, die großen Ideen des Bürgertums endlich zu verwirklichen, nur die Reihen gewechselt. Ich schloss mich jenen an, die heute global und durchaus machtvoll und hochproduktiv für das eintreten, was die Bourgeoisie, als sie noch revolutionär war, Liberté, Ègalité, Fraternité nannte. Das ist es. Und was meinen Großvater angeht: Ihn ereilte die Höchststrafe. Sein Enkel ist seit 49 Jahren Kommunist – und Linkshänder seit Geburt. Junge Welt, Mai 2021

Printexte

Beethoven.Sinfonie Nr. 7.Von der Goltz.FBO

Schon wieder Beethoven. Es ist aber auch. Aber was kann einer, der CDs bespricht, in Zeiten, da immer noch eine neue, umwerfende Beethoven-Aufnahme auf den Markt drängt, anders tun, als reagieren.

Nun also die Siebte. Wieder beim Lable Harmonia Mundi France. Wieder besetzt mit dem fabelhaften Freiburger Barockorchester (FBO), diesmal indes weder unter Stabführung des spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado noch des Belgiers René Jacobs, sondern unter Leitung des ensembleeigenen Konzertmeisters Gottfried van der Goltz. Der leitete das FBO schon vor zwanzig Jahren vom Pult aus. Aber eben „nur“ Barock. Dann zögernd auch Haydn, Mozart. Er spielt NB die Geige so exzellent, dass eine maßstäbliche Aufnahme der Partiten und Sonaten Bachs aus seinen Händen vorliegt. Bei Haydn und Mozart traute er sich bislang eher nicht an die großen Brocken. Seine Aufnahme der ganz frühen Mozartsinfonien oder die Sinfonie Concertante der Pariser Jahre gehören für mich gleichwohl zum Besten, was ich von diesem Repertoire an Reproduktionen kenne.

Das größte Problem dieses Freiburger Ausnahmemusikers scheint zu sein, wenn ich das sagen darf, dass er sich sein beeindruckendes Niveau irgendwie nicht glaubt. Nun ist das vielleicht viel schwieriger, als sich das einer wie ich vorstellt. Von der Goltz macht seinen Job aber auch zu gut. Er verwandelt mit dem FBO das Wort „Klangkörper“ ins Erlebnis eines lebendigen Organismus aus Klangmaterie, Klangfarben und Bewegung. Der Klangkörper kann wunderbar atmen mit ihm. Atmen bei Beethoven?  Im Kopfsatz der Siebten entfaltet sich, bevor mehr und mehr der Rhythmus als das Bestimmende hervortritt, eine Haltung atmenden Umblicks. Von Tuttischlägen angestoßen, blicken nacheinander Oboe, Klarinette und Horn in langen Kantilenen über die Welt. Dann steigen von unten crescendierend in den von Beethoven offenbar geliebten Staccato-Tonleitern die Streicher herauf und bringen eine rhythmisch charakteristische Dynamik ins Spiel, die sich zu großer Kraft aufbaut. Atem und Kantilenen mischen sich immer wieder ein, sie sind die Antithese zur großen Kraft. Wenn die extrem lange und eigenständige Einleitung vorüber ist, leitet Beethoven faszinierend vertrackt ins schnelle Tempo eines, den ganzen Satz dominierenden, geradezu monorhythmischen Fanals über. Keine, wie Wagner meinte, „Apotheose des Tanzes“, ein eher – vom FBO so inszeniert – tänzerisches Stürmen auf etwas hin, so gewaltig, dass man mit Majakowski in diesem Fall über Beethoven sagen möchte: Er rührte in der Siebten an den Schlaf der Welt, als wollte er eine träge im Jetzt verharrende Mitwelt mitreißen ins Offene.

Auch das scharf skandierte Dahineilen stellen die Freiburger Musiker, inspiriert von von der Goltz, mehr feinnervig als, wie so oft, pompös dar. Die Tuttischläge der Streicher kommen wie Paukenschläge (und oft zugleich mit Pauken und Trompeten), exakt und druckvoll elastisch. Der klingende Körper des FBO dabei stets durchhörbar.

Die Siebte war bislang in der Reihe der „ungeraden“ Sinfonien Beethovens, seiner Weltanschauungs-Sinfonien, als die unspektakulärste angesehen. Auf eine feinsinnig mitreißende Weise machen Gottfried von der Goltz und die Seinen in dieser Neuaufnahme klar, dass auch die Siebte in die Reihe gehört. Der Katalog an Siebte-Aufnahmen ist riesig. Eins darf sich freuen auf alles, dem sich von der Goltz an größeren Brocken künftig noch zuwenden wird. Junge Welt, April 2021

Beethoven: Sinfonie A Nr. 7 op. 92; Die Geschöpfe des Prometheus op. 43 – Freiburger Barockorchester / Gottfried von der Goltz (Hamrmonia Mundi France)

CDREVIEWS

Erich die Erste.Erinnerung an Erich Fried.

A.R. zugeeignet

Es ist nicht viel, was ich über Erich Fried erzählen kann. Die Begegnung war kurz, eine Episode am Rand meines ersten Londonbesuchs. Sie fand, Moment, im kommenden September vor 53 Jahren, am Ende der Semesterferien 1968 statt. Ich hatte zwei Monate Arbeit als kraftfahrender Postbesorger und Verteiler bei der Redaktion der Zeit hinter mir (ein schlanker Helmuth Karasek, der kurz vom Schreibtisch aufsteht und blicklos den Poststapel entgegennimmt). Von dem, was ich damals dort in einem Monat verdiente, konnte ich drei Monate leben. Meine Freundin hatte vier Wochen zuvor einen Aupair-Job im vornehmen Londoner Stadtteil Hampstead angetreten, vier Wochen, ich musste ganz schnell zu Rebecca.

Ich fuhr mit dem Nachtzug gleich nach der Arbeit am letzten Tag. Morgens im Frühlicht in Calais. Der Seewind in der Nase und auf der Haut, ich war unausgeschlafen, aber offen für all das Neue vor mir. Mein erster Besuch auf der Insel. Unvergesslich, als ich aus langem Liegestuhlschlaf in der Morgensonne auf dem Achterdeck erwachte, der Anblick der Kreidefelsen mit einem schwarz-weiß gestreiften Leuchtturm oben überm gelben Dünengras. Das Wasser hatte ungelogen exakt die Farbe englischen Tees mit Milch. Von Dover nach Waterloo Station mit dem Zug durch ein uraltes Ladykiller-England, rußig rot und randvoll mit Tradition.

In meiner Reisetasche ein Zettel mit Frieds Telefonnummer. Während der Ferienarbeit hatte ich auf einer Lesung in Hamburg Ada Stons kennengelernt, eine junge Buchhändlerin, die als Lyrikerin hervorgetreten war und sich Erich Frieds kollegialer Sympathie erfreute. Der Dichter, bis dahin mehr als Übersetzer Shakespeares und Dylan Thomas‘ bekannt, wirkte damals mit seinem Gedichtband „und Vietnam und“ mitten hinein in die auf ihrem Höhepunkt befindliche Studentenrevolte; er war, wenn schon knapp keine Autorität, dabei, ein Promi unter den Antiautoritären zu werden. Die ganz unpolitische Ada hatte mir begeistert von ihm erzählt, ich solle ihn unbedingt besuchen, er würde sich bestimmt freuen, schönen Gruß von ihr.

Was ich auf diese Weise damals noch eben mitbekam, war der letzte Abendschein des alten Zentrums eines auf sehr stolze, stilvolle, geschichtsgesättigte Weise heruntergekommenen Empire. Die Stadt begann damals mit den ganz jungen Stones, den Beatles und Kinks, mit Miniröcken und Antonionis „Blow up“ zum Swingin‘ London zu mutieren. Mittendrin im Innenstadtgewimmel der roten Doppelstock-Busse und ehrwürdigen Londoner Taxen stieß ich auf eines dieser archetypischen Monumente britischer Geschichte, eine rote Telefonzelle. Ich holte den Zettel heraus, wählte die Nummer. Eine Frauenstimme, dann der Hausherr. Vieles von diesem Besuch habe ich vergessen, die Adresse, die er mir nannte, nicht: 22 Dartmouth Road.

Ich kannte solche typisch britischen Middle-Class Straßen aus hundert England-Krimis mit und ohne Alec Guiness. Häuschen an Häuschen, etwa alle fünfzehn Meter eine anders geformte Gartenpforte in den niedrigen Mäuerchen vor schmalen Gärten. Erich, ich darf ihn jetzt beim Vornamen nennen, denn man duzte sich damals blind, empfing mich in der Haustür. Im Innern gemütliche Enge. Erichs Arbeitszimmer hatte ein großes Fenster nach vorn hinaus. Wir setzten uns links an der Seitenwand vor eine kleine Schreibtischplatte voller Arbeitsutensilien. Ich wurde seiner Frau Cathrin vorgestellt, die, ein Tablett mit Teekanne und Tassen vor dem Bauch, freundlich hereinkam.

Hinweg über fünf Jahrzehnte erinnere ich Erichs Gestalt, ein gut in den gedrungenen Körper integrierter Bauch, weite Jeans, weiter Schmuddelpullover. Ich weiß bis heute nicht, was mich mehr beeindruckte: Das mähnenartig und, zum Mittelscheitel neigend, über der Stirn aufragende, strähnig schwarze Haar. Oder die, mir hinter dunkel gerahmten, dicken Brillengläsern sehr groß vorkommenden Augen, sprühend von Lebenslust und Witz. Vielleicht aber auch war sein großer, zum Lachen und Reden stets geneigter Mund mit den markanten weißen, von kleinen Lücken lustig skandierten Zähnen die Hauptsache, ich weiß es nicht mehr. Ein wienerisch getönter Bariton strömte aus diesem Mund. Der kaum fünfzig Jahre junge Erich Fried – wie ein intellektueller Bacchant kam er mir vor, ein, wie sich zeigen sollte, charmant ernsthafter Agitator.

Er wollte genau wissen, was wir in Tübingen, wo ich damals studierte, angestellt und erreicht hatten. Ich konnte stolz immerhin von einer Rektorats-Besetzung berichten, an der ich, ein damals frisch von der Bundeswehr gekommener Studienanfänger, teilgenommen hatte. Im von Antiquitäten verschönten Arbeitszimmer eines netten älteren Herrn erdreistete sich im Mai 1968 ein neben mir auf einem Biedermeier-Sofa sitzender Kommilitone, den Rektor der Universität am Nach-der-Polizei-Telefonieren zu hindern – wir zwei Studenten hatten die schwarze Bakelit-Gabel des rektoralen Fernsprechers sichtlich in Griffweite –, wir wollten keine Polizei, wir wollten diskutieren

Erich seinerseits hatte mir während zweier Kannen Tee Einiges zu sagen, schade, dass ich viel nicht mehr weiß davon. Natürlich war er, wie wir alle, begeistert von Rudi Dutschke. Der erschien uns in der lähmenden Kontenance der Adenauerzeit wie der rhetorisch geladene Ausbruch eines Vulkans. Ich glaube, ich habe Worte wie „Revolution“, „unterdrückte Klassen“ oder „Ausbeutung“, angewendet auf die Gegenwart meines Geburtslands, erstmals aus Dutschkes stets wild erregtem Mund gehört, er war der Geist aus der Flasche. Erich, Vater von sechs Kindern, erwies sich dem jungen Besucher aus Hamburg, einem wahren Greenhorn unter den Roten gegenüber als geborene Vaterfigur. Er warb für die Sache der Palästinenser, die ich bis dato nur aus der Bibel kannte. Heute wäre der vor den Hitlerfaschisten ins Londoner Exil vertriebene Wiener Jude Erich Fried, so, wie er mir die Sache der Palästinenser erklärte, ein von Hassbotschaften verfolgter „Antisemit“. Wir empörten uns gemeinsam über Vietnam. Auf die im toten Kennedy soeben noch einmal frisch geheiligten USA schimpfen? Gehörte damals zu den vielen ungewohnt lustvollen Novitäten eines sich plötzlich auch in meinem Leben explosionsartig ausbreitenden politischen Bewusstseins. Schließlich, unvergesslich, wie er mir ein dunkles, großformatiges Buch in den Schoß legte. Seine Augen blitzten erwartungsvoll, schau’s dir an! Schwarzweiße Fotomontagen. Hitler in verschiedenen Posen, der wahre Sinn des Hitlergrußes, ein sich riesenhaft vor dem zwergenhaften Ankläger Göring aufrichtender Georgi Dimitrov, eine kraftvoll beleuchtete Arbeiterfaust. John Heartfield? Nie gehört. Er freute sich mit mir über die Begeisterung, in die mich diese Arbeiten versetzten.

Mehr ist es leider nicht. Ich bin Erich danach noch einmal zum Frühstück bei Ada in Hamburg begegnet, dann nur noch in Talkshows und Kulturberichten auf dem Bildschirm. Er vertrat dort, soweit ich es mitbekam, standhaft bis zuletzt, die damals in den Medien durchaus noch nicht seltene Position eines linken Freigeists. Seine Übersetzung von Dylan Thomas‘ „Under Milkwood“ hat mir sehr gefallen, sein Band mit Liebesgedichten nicht minder. Junge Welt, April 2021

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