
(…) Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten, sagte Bert Brecht in den Zeiten des noch ungebremsten Siegeszugs der Nazi-Armeen (bis Stalingrad). Wir Nachgeborenen drohen erneut in jener Flut unterzugehen, aus der Brecht uns utopisch schon aufgetaucht sah. Allerdings, die Sowjetunion als einziger Gegner der transatlantischen Übermacht der Vergangenheit war schwach im Vergleich: heute organisiert sich der globale Süden und Osten des Erdballs ökonomisch, politisch und militärisch im Geschwindschritt gegen den US-amerikanischen Welthegemon und niemand weiß, ob sie – militärtechnologisch und finanzstrategisch – rechtzeitig so einig und stark sein werden, dass sie dem US-Leviathan in den Arm fallen können.
Mit 26 Jahren war Bauer ab 1929 in Braunschweig der jüngste Landgerichtsrat der Weimarer Republik. Im Oktober 1933 verschwand er im Rahmen des terroristischen Warnschusses der Nazis gegen alle kritischen Geister für acht Monate in den KZ Heuberg und Oberer Kuhberg. Er war als Jude doppelt gefährdet und zog sich 1936 nach Dänemark zurück. Von dort entkam er den NS-Häschern, als sie Dänemark besetzten, in letzter Minute per Boot über die Ostsee nach Schweden.
Das Nachkriegsdeutschland – in das er mit der Absicht zurückkehrte, dort einen deutschen Staat aufzubauen, der endlich Frieden macht mit der Welt – erwies sich dagegen im Sinn der alten deutschen Machtverhältnisse als Fortsetzung des Vorgängerstaats mit anderen Mitteln. Das Reichssicherheitshauptamt als noch von Reinhard Heydrich geschaffene Schaltzentrale der NS-Gewaltherrschaft hatte sich mit US-amerikanischer Hilfe im tiefen Staat Konrad Adenauers, Hans Globkes, Reinhold Gehlens klammheimlich demokratisiert. Dem berühmtesten Ausspruch Fritz Bauers zufolge habe er, sobald er sein Dienstzimmer verließ, Feindesland betreten. Er trotzte dem Staat der klandestinen alten Nazis den Frankfurter Auschwitz-Prozess ab. Er sorgte dafür, dass der Widerstand, auch der physische, gegen einen Verbrecherstaat grundsätzlich zu den verbrieften Rechten jedes Mitglieds einer demokratischen Gesellschaft gehört. Er wirkte in Zusammenarbeit mit dem israelischen Mossad an der Ergreifung Adolph Eichmanns mit. Er plädierte mit der ganzen Autorität des hessischen Generalstaatsanwalts, als der er nach dem Krieg bundesweit bekannt war, als Jurist strukturell dafür, im Fall etwa eines Diebstahls den sozialen Ursachen des Delikts nachzugehen, anstatt es zum Anlass komplizierter logischer Gedankenketten zu machen, die mit den betroffenen Menschen nichts mehr zu tun haben.
Die moralische Statur Fritz Bauers ist weder mit der Antisemitismuskeule, noch mit dem Traumtänzer-Schmäh wegzucanceln, noch der vor 58 Jahren Verstorbene bleibt verlässlich unterm Radar neoliberaler Wokeness. Vor dem Hintergrund der Neujahrsansprachen des staatsoffiziell moralischen Wachsfigurenkabinetts wirkt er wie ein Donnerschlag. Seine Erscheinungsweise – inklusive omnipräsent brennender Zigarette – grollt noch im Brustton wie aus der Spätromantik herüber.
Als er, gerade zur Schule gekommen, seine Mutter fragte, wer Gott sei, antwortete sie, das wisse sie nicht. Aber was sie ihm stattdessen mitgeben wolle, das sei ihr Leitspruch: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu. Er hat als Jurist sein Leben bis ins Große danach ausgerichtet. Fritz Bauer war der letzte Kantianer. Er ist 1968 unter seltsamen Umständen verstorben; man wird über diese Umstände in dem Moment genaueres wissen, in dem die Geheimdienstakten dieser Zeit zugänglich sind. Er wäre, ginge es um Propheten des Auswegs aus der tiefen Krise, in der die Meschheit steckt, im Januar 2026 der Mann der Stunde.
Die Episode mit der Mutter erzählt er in einem DokFilm von 1961 der Journalistin Renate Lasker-Harpprecht. Bevor sie ihn nach den Vorbereitungen des zwei Jahre später eröffneten Auschwitz-Prozesses fragt, bringt sie ihn dazu, von seiner Kindheit in der Zeit des Kaiserreichs zu erzählen. Ein selten lockerer und lebensfroher Mensch zeigt da kettenrauchend, wie farbig, präzis und voller Witz und Esprit er zu erzählen weiß.
Der Erste Weltkrieg begann am 14. August 1914, Fritz Bauer war elf. Die Familie, seit er denken konnte, war in den Sommerferien im Juli jedes Jahr nach Belgien ans Meer gefahren. Nun platzte in den Juli 1914 hinein das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo. Die Welt hielt den Atem an. Nur Vater Ludwig Bauer, Textilfabrikant, war der Meinung, niemandem sei geholfen, wenn Familie Bauer nicht wie gewohnt Juli/August in die Ferien nach Belgien fahre. Drei riesige Koffer mit allem, was man in den Ferien braucht begleiteten sie bis an den Rand des Ärmelkanals. Die Ferien endeten in dem Moment, als der Vater plötzlich hochroten Kopfs hereinkam: Es ist Krieg! Mit dem nächsten Zug zurück ins Reich, die Koffer mussten in der Eile in Belgien bleiben. Aber Vater Bauer war optimistisch: unsere starken Armeen werden, wenn nicht gleich ganz Belgien, so doch wenigstens unsere Koffer zurückerobern. mehr…

































