Fritz Bauer

(…) Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten, sagte Bert Brecht in den Zeiten des noch ungebremsten Siegeszugs der Nazi-Armeen (bis Stalingrad). Wir Nachgeborenen drohen erneut in jener Flut unterzugehen, aus der Brecht uns utopisch schon aufgetaucht sah. Allerdings, die Sowjetunion als einziger Gegner der transatlantischen Übermacht der Vergangenheit war schwach im Vergleich: heute organisiert sich der globale Süden und Osten des Erdballs ökonomisch, politisch und militärisch im Geschwindschritt gegen den US-amerikanischen Welthegemon und niemand weiß, ob sie – militärtechnologisch und finanzstrategisch – rechtzeitig so einig und stark sein werden, dass sie dem US-Leviathan in den Arm fallen können.

Mit 26 Jahren war Bauer ab 1929 in Braunschweig der jüngste Landgerichtsrat der Weimarer Republik. Im Oktober 1933 verschwand er im Rahmen des terroristischen Warnschusses der Nazis gegen alle kritischen Geister für acht Monate in den KZ Heuberg und Oberer Kuhberg. Er war als Jude doppelt gefährdet und zog sich 1936 nach Dänemark zurück. Von dort entkam er den NS-Häschern, als sie Dänemark besetzten, in letzter Minute per Boot über die Ostsee nach Schweden.

Das Nachkriegsdeutschland – in das er mit der Absicht zurückkehrte, dort einen deutschen Staat aufzubauen, der endlich Frieden macht mit der Welt – erwies sich dagegen im Sinn der alten deutschen Machtverhältnisse als Fortsetzung des Vorgängerstaats mit anderen Mitteln. Das Reichssicherheitshauptamt als noch von Reinhard Heydrich geschaffene Schaltzentrale der NS-Gewaltherrschaft hatte sich mit US-amerikanischer Hilfe im tiefen Staat Konrad Adenauers, Hans Globkes, Reinhold Gehlens klammheimlich demokratisiert. Dem berühmtesten Ausspruch Fritz Bauers zufolge habe er, sobald er sein Dienstzimmer verließ, Feindesland betreten. Er trotzte dem Staat der klandestinen alten Nazis den Frankfurter Auschwitz-Prozess ab. Er sorgte dafür, dass der Widerstand, auch der physische, gegen einen Verbrecherstaat grundsätzlich zu den verbrieften Rechten jedes Mitglieds einer demokratischen Gesellschaft gehört. Er wirkte in Zusammenarbeit mit dem israelischen Mossad an der Ergreifung Adolph Eichmanns mit. Er plädierte mit der ganzen Autorität des hessischen Generalstaatsanwalts, als der er nach dem Krieg bundesweit bekannt war, als Jurist strukturell dafür, im Fall etwa eines Diebstahls den sozialen Ursachen des Delikts nachzugehen, anstatt es zum Anlass komplizierter logischer Gedankenketten zu machen, die mit den betroffenen Menschen nichts mehr zu tun haben.

Die moralische Statur Fritz Bauers ist weder mit der Antisemitismuskeule, noch mit dem Traumtänzer-Schmäh wegzucanceln, noch der vor 58 Jahren Verstorbene bleibt verlässlich unterm Radar neoliberaler Wokeness. Vor dem Hintergrund der Neujahrsansprachen des staatsoffiziell moralischen Wachsfigurenkabinetts wirkt er wie ein Donnerschlag. Seine Erscheinungsweise – inklusive omnipräsent brennender Zigarette – grollt noch im Brustton wie aus der Spätromantik herüber.

Als er, gerade zur Schule gekommen, seine Mutter fragte, wer Gott sei, antwortete sie, das wisse sie nicht. Aber was sie ihm stattdessen mitgeben wolle, das sei ihr Leitspruch: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu. Er hat als Jurist sein Leben bis ins Große danach ausgerichtet. Fritz Bauer war der letzte Kantianer. Er ist 1968 unter seltsamen Umständen verstorben; man wird über diese Umstände in dem Moment genaueres wissen, in dem die Geheimdienstakten dieser Zeit zugänglich sind. Er wäre, ginge es um Propheten des Auswegs aus der tiefen Krise, in der die Meschheit steckt, im Januar 2026 der Mann der Stunde.

Die Episode mit der Mutter erzählt er in einem DokFilm von 1961 der Journalistin Renate Lasker-Harpprecht. Bevor sie ihn nach den Vorbereitungen des zwei Jahre später eröffneten Auschwitz-Prozesses fragt, bringt sie ihn dazu, von seiner Kindheit in der Zeit des Kaiserreichs zu erzählen. Ein selten lockerer und lebensfroher Mensch zeigt da kettenrauchend, wie farbig, präzis und voller Witz und Esprit er zu erzählen weiß.

Der Erste Weltkrieg begann am 14. August 1914, Fritz Bauer war elf. Die Familie, seit er denken konnte, war in den Sommerferien im Juli jedes Jahr nach Belgien ans Meer gefahren. Nun platzte in den Juli 1914 hinein das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo. Die Welt hielt den Atem an. Nur Vater Ludwig Bauer, Textilfabrikant, war der Meinung, niemandem sei geholfen, wenn Familie Bauer nicht wie gewohnt Juli/August in die Ferien nach Belgien fahre. Drei riesige Koffer mit allem, was man in den Ferien braucht begleiteten sie bis an den Rand des Ärmelkanals. Die Ferien endeten in dem Moment, als der Vater plötzlich hochroten Kopfs hereinkam: Es ist Krieg! Mit dem nächsten Zug zurück ins Reich, die Koffer mussten in der Eile in Belgien bleiben. Aber Vater Bauer war optimistisch: unsere starken Armeen werden, wenn nicht gleich ganz Belgien, so doch wenigstens unsere Koffer zurückerobern.  mehr…

FEUILLEPOL

Trump gibt den Allmächtigen

Alastair Crooke

Trumps größter Propaganda-Erfolg: Er und seine Propagandamaschine machen die Westwelt glauben, er sei der mächtigste Mann der Welt. Wenn er weg ist, und das kann bald sein, sagt der frühere britische Diplomat, CIA-Mitarbeiter und heutige Analyst Alastair Crooke, kommt ganz schnell der Nächste. Kandidaten aus dem laufenden President-Casting der US-Eliten sind immer vorrätig. In einem Gespräch auf Glenn Diesens Kanal lässt Crooke wissen: die MAGA-Leute und die America first-Protagonisten sind zerstritten; die alte Garde der Republikaner will Trump loswerden, Streitpunkt: Israel und US-Amerikas immer drückendere Finanzprobleme. Im Verlauf des Gesprächs taucht, unter enorm vielen anderen Namen aus dem Iran, aus Syrien, aus Katar, der Name Diostado Cabello auf, es könnte sein, dass man von ihm noch hören wird. Ein kompakt sportlicher venezolanischer Manager und Militär, der unter Maduro Innenminister war und zusammen mit kubanischen Spezialisten den venezolanischen Geheimdienst aufbaute. Er war längere Zeit im Ausland. Jetzt, so Crooke, ist er zurück. Und mittendrin. Der Ende 2025 anlaufende Kolonialkrieg der USA gegen den südlichen Subkontinent trägt in sich Elemente eines kontinentalen Befreiungskriegs.

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FEUILLEPOL

Oreshnik

Ein Donnerwort geht dieser Tage durch die Qualitätspresse. Das russische Wort für „Haselnuss“ beunruhigt von Bild bis Tagesschau alle. Eine russische Mittelstreckenrakete des Typs „Oreshnik“ hat in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar 2026 im Rahmen eines Großangriffs der Russen einen Angriff auch auf ein für die Energieversorgung der ukrainischen Waffenindustrie und des Militärs kritisches unterirdisches Gaskraftwerk südlich von Lwiw ausgeführt. Erfolgreich. Es lässt sich nicht länger verheimlichen: die Russen verfügen über eine Wunderwaffe, die, im Unterschied zu den „Wunderwaffen“ der Begriffserfinder, den Namen verdient. Alle sind überrascht oder tun wenigstens so. Dabei hat Wladimir Putin die Welt bereits im November 2024 auf diese Waffe und ihre Eigenschaften detailliert aufmerksam gemacht. Ich habe damals darüber geschrieben.

von der Leyen

Was die 1958 in Brüssel geborene Niedersächsin derzeit mittels der zum Großteil in Belgien eingefrorenen russischen Zentralbankvermögen, rund 185 Milliarden, zu tun gedenkt, wäre vieles auf einmal: Völkerrechtsbruch, ein Bruch des bisher geltenden Regelwerks internationaler Fianzbeziehungen, juristisch wäre es schwerer Raub, last but not least, bedeutete es den Verlust des internationalen Vertrauens in die Verlässlichkeit einer Europäischen Union.

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Schandpfahl

Der Pranger richtet sich seit mehr als tausend Jahren an alle, die es wagen, sich den Mächtigen in den Weg zu stellen: So wie diesem hochgekommenen Busfahrer aus Venezuela wird es allen ergehen, sagt das Bild. Eine Kampfansage. Sie wendet sich in diesen Tagen drohend an alle Bewohner Südamerikas: damit ihr endlich wieder unter den Stiefel kommt, wo ihr nun mal hingehört, sagt es. Die für menschlich fühlende Leute eine bestimmte Sorte demoralisierende, niederschmetternde, erniedrigende Wirkung des Bilds wird ihr Ziel im dritten Jahrtausend auch in Europa nicht verfehlen. Die unfassbare Brutalität dieses grauen, urnächtlichen Schnappschusses macht namenlose Angst und Albträume, Maduro wird zur Identifikationsfigur. Nicht der Schande, aber der totalen Machtlosigkeit, der Ohnmacht. Wer solche Bilder postet, schreckt vor nichts zurück. Er kennt keine Grenzen mehr. Wo ist Rettung?

Die UNO steht seit der staatlichen Implosion ihrer Garantiemacht, der UdSSR, nur noch auf dem Papier. Und EU und Nato? Aus ihrer Ecke kommt nicht mal geheuchelte Empörung. Wie haben sich dieselben Leute im Fall jenes „brutalen, völkerrechtswidrigen Überfalls“ anno 2022 gebärdet. Und jetzt? Ein im Extremfall kritisch gemeintes „bedenklich“ (Klingbeil) auf den Lippen, verharren sie auf dem Trittbrett der globalen Völkermörder. Ein paar Scheine vom Tisch der Weltmacht des Dollars – und sie machen alles, was verlangt wird. Die Einheitsmedien implementieren diese Schande, indem sie auf Kurs bleiben. Noch auf den vom Pranger in den Elendsknast verschwundenen Maduro prügeln sie ein. Man kann nicht so viel essen…und so weiter.

Für informierte Menschen bleibt der Blick auf den globalen Süden. Vom Spanischen über das Britische Weltreich bis zum heutigen Dollar-Imperium – nie haben dominierende Weltmächte verhindern können, dass ihnen mächtigere Gegner erwuchsen. Bis zur staatlichen Implosion der Sowjetunion standen sich zwei ökonomisch-ideologisch konträre Weltsysteme gegenüber. Das überdeckte die kolonialistische versus antikolonialistische Ebene des Konflikts.

  Ging es eben noch West gegen Ost, Kapitalismus gegen Kommunismus/Sozialismus und fand der Kampf Oben gegen Unten fortwährend in den einzelnen kapitalistischen Staaten statt – hat sich das Bild globalisiert: der Kampf Oben gegen Unten sortiert sich seit Beginn des chinesischen Aufstiegs zur – etwas anderen! – Weltmacht mehr und mehr nach den Interessen einzelner Länder. Die Welt demokratisiert sich. Am Ende immer schnellerer, auch geopolitischer Konzentrationsprozesse steht auf der einen Seite ein hyperautoritärer US-Riese mit Weltherrschaftsanspruch. Auf der anderen eine wachsende, auf Kooperation und gegenseitigen Nutzen ausgerichtete Staatengemeinschaft in Bündnissen wie BRICS und SCO (Shanghai Cooperation Organization).

So richteten sich, als der erste Schock des Überfalls auf den Politiker eines anderen Landes verklungen war, viele Augen und Ohren auf die Mitgliedsstaaten der BRICS, vor allem auf Russland und auf China. Beide protestierten scharf und blieben wie stets besonnen. „Wir waren nie der Meinung, irgendein Land sollte als Weltpolizist auftreten“, sagte der chinesische Außenminister Wang Ji unmittelbar nach der Maduro- Entführung. „Noch billigen wir es, wenn irgendein Land als internationaler Richter handelt“. Weil genau das aber der Fall ist, sind die Volksrepublik und Russland immer penetranter herausgefordert, irgendwann mit der Kritik der Waffen zu antworten.

Als russische Truppen im Februar 2022 ukrainischen Boden betraten, ging im Westen das Wort um: so wie es war, wird es nie wieder sein, eine von vielen Tatsachen widerlegte Zweckbehauptung. Diesmal trifft sie zu. Der demokratisch gewählte Staatschef eines souveränen Landes, mit verbundenen Augen in Handschellen von Verbrechern als Verbrecher präsentiert: damit ist die Welt aus den allerletzten Fugen und niemand vermag im kalten Januar 2026 zu sagen, wann sie in der Lage sein wird, sich unter welchen Umständen und ob überhaupt ein neues Gefüge zu geben.

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Spiegel-Ei

Beim Thema Ukraine kam in der letzten Kalenderwoche des vergangenen Jahres Tempo in die politische Kommunikation. Der Aufreger: Trump telefonierte vor seinem Treffen mit Volodymir Selenskyj in Washington ausführlich mit Wladimir Putin. Für den Spiegel erneut Gelegenheit, Flagge zu zeigen

„Der ursprünglich aus 28 Punkten bestehende Entwurf“, holte das Magazin weit aus, „wurde auf Einwände der Europäer und Ukrainer auf 20 Punkte verkürzt. Und es ist auch weiter fraglich, inwieweit Kremlchef Vladimir Putin zu für einen Friedensvertrag nötigen Zugeständnissen bereit ist.“

Wer so schreibt, leidet nicht an Realitätsverlust. Er baut ihn aus. Freilich bei anderen. Die merken meistens gar nicht, wie ihnen im zweiten Spiegel-Satz geschieht. Es sei „weiter“ fraglich, ob Putin „zu Zugeständnissen“ bereit sei (das war er in der Vergangenheit nachweislich oft). So ist das aber nicht gemeint. Der Spiegel ist bestrebt, seinen Leserinnen zu bestätigen, was sie seit langem wissen: Putin will Krieg. Darum ist der Kremlchef, so der Spiegel, zu Zugeständnissen weiterhin nicht bereit. Weil für vernünftige Friedensverhandlungen in einer regelbasierten Welt aber nun einmal Zugeständnisse nötig sind, will einer, der keine Zugeständnisse macht, keinen Frieden. So einfach ist das. Da liegen Spiegel und Bildzeitung längst gleichauf.

Eine Schlusspointe für Nutzerinnen alternativer Medien und für Freundinnen dialektischen Denkens: Ob Putin Zugeständnisse macht oder nicht, hängt alleine davon ab, um was es geht. Die Russische Föderation hat von Anfang ihrer Militärischen Spezialoperation an ihre Ziele genannt: Kein Nato-Beitritt der Ukraine, keine ausländischen Truppen aus vom Westen dominierten Ländern in der Ukraine, sowie die Annexion der russischsprachigen, seit dem Maidan-Putsch 2014 von der ukrainischen Armee angegriffenen Oblaste der Ukraine (davon, die ganze Ukraine zu erobern, haben die Russen nie gesprochen). Über Zugeständnisse lässt Putin weiterhin mit sich reden. Zum Beispiel über Verhandlungen über einen möglichen EU-Beitritt dessen, was von der Ukraine nach einem militärischen Sieg der Russen noch übrig ist.

Eine Bitte am Ende. Wer sich, zurück bis zu Katharina der Großen, in der russischen Geschichte nicht wirklich auskennt, erlaube sich freundlicherweise kein Urteil darüber, ob die Art und Weise, wie die russische Regierung mit der Ukraine umgeht, in Ordnung ist oder „imperialistisch“. Der Freidenker, Januar 2026

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Ein Sommer in Schwalingen (1977)

Bleistift, 1977

Natürlich ist nicht überall Schwalingen. Man muss sich sein Schwalingen suchen, wenn man Schwalinger Ferien machen will. Man braucht dazu 1 kleines Dorf, viele Wiesen, Felder, Wälder, reichlich Himmel, 1 Wolldecke zum Draufsitzen oder -liegen, Hängematten zum Durchhängen, 1 Fernglas, gute Bücher, Appetit und liebe Gesellschaft, so ungefähr. Viel Geld kostet’s nicht. Denn Schwalingen liegt eine Autostunde vor unserer Stadt. (es liegt eine Autostunde, vor fast jeder Großstadt).

Die Straßen sind schmal und ziemlich schlecht asphaltiert. Sie führen durch gelbe Roggenfelder (das Korn stand voll auf dem Halm, als wir nach Schwalingen kamen), durch Kartoffelschläge, die selten geworden sind, vorbei an Birkenwäldchen, an Einzelhöfen, kleineren Dörfern. Unser Dorf ist unscheinbar. Es ist so klein, dass es irgendwann einmal vielleicht vergessen werden wird. Die Dorfschule ist seit langem zu vermieten. Läden findet man nicht mehr, die Bauern kaufen im Supermarkt ein, zehn Kilometer weiter.

Eier holen wir uns bei der Nachbarin. zwanzig Pfennig kostet das Ei frisch unter der Henne weg. Auch das Gemüse schenkt uns manchmal Frau Lünzmann. Sie holt es aus ihrem Garten, gleich hinter der Kuhweide zwischen den Obstbäumen. Er gehört zum Besitz der Bauern Lünzmann seit 200 Jahren. Auf dem Hof steht auch unser Ferienhäuschen, eine ehemalige Büdnerkate. Sie ist klein und gemütlich. Von der niedrigen Decke hängen überall die gelben, klebrigen Spiralen der Fliegenfänger voller schwarzer Fliegenleichen. Sie gehören dazu auf dem Land wie die quietschende Pumpe in der Küche, mit der wir das Wasser zum Kochen und waschen aus der Erde heraufholen oder wie das Klo von der Sorte, die noch ohne Wasser funktioniert.

Morgens fährt Frau Lünzmann auf dem Fahrrad vorbei. Am Lenker baumelt die große Blechkanne für Bohnen, Salat, Mohrrüben, Schnittlauch. Sie hat ein blaues Kopftuch um und sagt: „Heute gibt’s bei uns quer durch den Garten!“

Man kann die Tage lesend in der Hängematte verbringen, im Schatten zweier Birken, kann den Kühen,beim Grasrupfen und Kauen zuhören, man kann einschlafen. Man kann aufwachen, Hunger haben, etwas essen, weiterlesen oder weiterschlafen. Schön ist es auch, das blaue vom Himmel zu gucken und den weißen Wolken mit den Augen zu folgen. Man kann Buchfinken und Amseln zuhören oder den Mehlschwalben zusehen, wie sie Mücken jagend über die Wiese sausen. In meiner Hängematte, das Fernglas und einen Roman auf dem Bauch, wundere ich mich, was auf so einer Wiese alles los ist, wenn man genauer hinsieht.

Wir haben uns einen „Naturführer“ gekauft, bevor wir losfuhren. Kein wissenschaftliches Spezialwerk. Mehr etwas für Laien wie uns. Aber Schmetterlinge sind für uns seitdem nicht mehr einfach Schmetterlinge und Käfer sind nicht nur mehr Käfer: Auf unseren Spaziergängen lernen wir Kohlweißlinge, Zitronenfalter, Admirale kennen. Über den Weg kriechen geschäftig ein Waldbock und der Kartoffelkäfer. Lupinen zum Beispiel kannte ich zur Not. Jetzt interessiert mich auch das Aussehen der Wicken oder des Hirtentäschel. Wir schlagen alles nach.

Und dann die Vögel. Amsel, Drossel, Fink und Star, und die ganze Vogelschar waren mir noch aus den Volksliedern in der Schule bekannt. In schmal in Schwalingen weiß toll, sie durchs Fernglas zu beobachten. Oder die Bussarde und Weihen, wenn sie fremd und grau unterm Himmel kreisen oder schweben. Ihr gellender Schrei hallt weithin, und manchmal, wenn sie auf Jagd sind, fliegen sie dicht über unsere Köpfe hinweg.

Wenn wir so durch die Landschaft pirschen, in Gummistiefeln und olivgrünen Parkas, achten wir darauf, dass uns der Wind ins Gesicht bläst, nicht dass er uns von hinten wehend den feinen Nasen der Waldtiere verrät. Wir saßen oft lange Abende auf leeren Hochsitzen, tauchten ein in die Welt des Waldes, hörten der Stille zu, beobachteten Rehe, Hasen, Karnickel – und fanden das sehr aufregend! Dabei ist das sicherlich für viele Menschen überhaupt nichts Neues. Für uns Großstadtkinder war es ein Abenteuer. Wir entdeckten Selbstverständliches, Kleines, Vergessenes noch einmal neu.

Neues lernen, neugierig werden im Abenddämmer am Waldrand, Gefühle wiederfinden, sie ohne Scheu „erhaben“ nennen. Und gut essen, lange schlafen, süß arbeiten, hart faulenzen. So kann Urlaub sein, man muss nicht unbedingt weit wegfahren dazu. Fremde Länder zu entdecken, ist gewiss schön oder aufregend. Aber unsere Heimat hat auch viel zu bieten. (Sommer 1977, Unsere Zeit).

TIEF AUS DEM ARCHIV (Feuilleton, Politik)

NOMEN EST OMEN

Lange her? Der diesen Text ursprünglich inspirierende Name hat sich politisch erst relativ kürzlich bemerkbar gemacht, ein Johann Wadephul aus Schleswig-Holstein, das geht ja manchmal echt schnell – von null auf Außenminister. Speziell dieses Amt verlangt dem Bundesbürger seit einigen Jahren wahrhaftig einiges ab. Man hatte sich das Fremdschämen gerade abgewöhnt und betrauerte lediglich das künftige Ausbleiben des nächsten, eines Heinrich Lübke würdigen Frühstückspecks der Hoffnung, da kommt aus dem Nichts dieser Wadephul mit seinen – damit wären wir wieder bei Thomas Mann – geradezu kaisersaschernen Vorstellungen von Politik. Er ist kaum im Amt, da will er die Russen vor einen „internationalen“ Strafgerichtshof zerren. Russland sei, so der für die Außenpolitik des Landes Verantwortliche, für lange Zeit unser Feind. Was für ein Entree! Ein Kanonenbootpolitiker im dritten Jahrtausend. Einer freilich, der nicht wahrhaben will, dass nicht mehr Willem zwo über ihm schwebt – ein postmoderner Untertan der forschen Worte und Sorte.

Man hat den Eindruck, er wolle nicht kapieren, da gibt es heute eine Weltmehrheit, die eben noch zu schmunzeln und zu witzeln hatte. Und die sich miteins von Bogota bis Beijing nur noch wundert über so viel außenministerielle Ignoranz eines europäischen Staates, dessen Eliten immer noch zu glauben scheinen, es käme, dieses gernegroße Deutschland, wie auch immer am Ende doch noch irgendwie einmal der Weltspitze nahe. Anders als zu Willems Zeiten verfügt die Weltmehrheit heute allerdings nicht nur über ein multilateral gewachsenes Selbstbewusstsein. Sie verfügt über superiore Waffen gegen im Geiste kaisersascherne Kanonenboote von Rheinmetall.

Am Kap Hirn ist er nicht geboren, der Johann Wadephul. Wie mag es aussehen in den Zerebralien eines solchen Menschen, der sich offenbar nicht in der Lage sieht, eine Weltlage zu peilen, die im Spätfrühling 2025 an Deutlichkeit doch nun eigentlich kaum zu überbieten ist? Bleibt auf die Frage, welches Omen hinter dem Namen Wadephul entstehen mag, eine vergleichsweise schwache Pointe. Denn allenfalls der erste Wortteil ergibt für die assoziativ schweifende Semantik Brauchbares. Der zweite will in seiner allenfalls phonetischen Erkennung als „Pfuhl“ nicht so recht zur Wade aufschließen, „Wadepfui“ träfe es vielleicht eher. Zur definitiven Beschreibung von Erscheinung und Wirklichkeit des aktuellen Außenministers der Bundesrepublik Deutschland taugt zum Omen peinlicherweise und platterdings, halten zu Gnaden, eigentlich nur der Wadenbeißer.

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Putin. Oreshnik. November 2024.

.Oreshnik ist ein echter Gamechanger. Der Westen hat für eine Weile den Rüstungswettlauf verloren. Wurden allerdings die Angriffe „ukrainischer“ ATACMS-Mittelstrecken-Raketen auf russisches Staatsgebiet vor einer Woche in den Westmedien noch geradezu gefeiert, war die Nachrichtenlage zum Gegenschlag der Russen am 21. November mager. Schaun wir, wie lange die Staats- und Konzernmedien des Westens brauchen, um auf Stand zu kommen. In den Worten des brasilianischen vom NATO-Narrativ unabhängigen Aktivisten Pepe Escobar:

Es ist ziemlich vorhersehbar, dass die woken, arroganten/unwissenden MICIMATT (die Figuren des amerikanischen Military-Industrial-Congressional-Intelligence-Media-Academia-Think-Tank, in Anlehnung an die bekannte Maus nach Ray McGovern, St.S.) sowie die NATO und der gesamte gehirngewaschene kollektive Westen einfach keine Ahnung haben, was sie da gerade aus heiterem Himmel getroffen hat.

Putins Rede vom 24. November 2024 war die Moderation des Vergeltungsschlags der Russischen Föderation auf den völkerrechtswidrigen Angriff der als Ukraine verkleideten NATO auf russisches Staatsgebiet. So gut wie alle im n-tv-Video auftauchenden Tatsachen, Hintergründe und Zusammenhänge des Ukraine-Kriegs stimmen, sie sind belegt, dürften allerdings weiten Teilen des deutschen Publikums im Herbst 2024 zum ersten Mal auf den Schirm kommen . Nur eben, die Informationen und Meinungen zum NATO-Überfall und dem russischen Gegenschlag kommen aus den Mündern von „Kreml-Propagandisten“ des „staatlichen russischen Fernsehens“. Man verschiebe spielerisch die Perspektivbrille und landet mit „Kanzleramts-Propagandisten der staatlichen Tagesschau“ einen Heiterkeitstreffer. Aber mag das Westpublikum auch vor sich hindämmern – das Ereignis vom 21. November 2024 war der Knaller in der großen weiten Welt des Nichtwestens.

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KV 219. Ein Juwel reifer Pubertät.

Nathan Milstein

Das Handycap des Internet: es ist unendlich. Selbst Nutzerinnen der Nische „alte und neue Musik“ sehen sich bis an den Horizont einem Meer elektronisch erfasster Daten gegenüber, jeden Monat kommen Neuerscheinungen hinzu. Man muss wissen, nach was man sucht. Weiß man’s, wird das Internet zum Segen.

Nach welchen Aufnahmen zum Beispiel der sechs Violinkonzerte Mozarts wäre zu fahnden in den Suchmaschinen der nur gegen Bezahlung auch akustisch werbestörungsfreien Plattformen? Grob geschätzt, hat man die Wahl zwischen zwei großen Gruppen. Zwischen den Hegemonen des seit zweihundert Jahren romantisch sozialisierten Mainstream. Sowie der Avantgarde der auf alten Instrumenten spielenden Barockorchester. Sie prägen seit Jahrzehnten den Mozartstil des Orchesterspiels. Beide Gruppen haben dasselbe Problem mit Mozart. Er war selbst ein famoser Geiger und Klavierspieler. Alles musste so leicht und spielerisch klingen, wie er es als junger Konzertmeister und Virtuose ersonnen und selbst aufgeführt hatte, und nichts ist bekanntlich schwerer zu machen als das Leichte.

Darum haben selbst unter großen Solisten nur wenige ein Mozartidiom gefunden, das Mozarts solitärer Dialektik aus Einfachheit, Popularität und Tiefe gerecht wird. Auch die um „Authentizität“ im Sinn einer das geschichtliche Umfeld reflektierenden Glaubwürdigkeit bemühten Musiker auf alten Instrumenten haben sich mit Mozart schwergetan: Seine Konzerte für Klavier oder Geige waren die Nachzügler kritisch-historischer Discografie.

Der italienische Blockflötensolist und Dirigent Giovanni Antonini und sein Ensemble Il Giardino Armonico sind barockerfahren und haydntrainiert. Sie haben sich wie die wachsende Zahl historisch orientierter Ensembles dem Espressivo verschrieben, einem impulsiv und feingeschliffen rhythmischen Gerüst farbiger Durchsichtigkeit. Ihre Solistin bei Mozart: Isabelle Faust, eine Geigerin, die viele Freunde und Bewunderer in allen Gruppen hat. Sie hat ihre moderne Geige für Mozart mit Darmsaiten bespannt. Jeder Ton, bei Sparsamstvibrato, hat Atem und Leben, er bewegt sich frei in den Energiefeldern des Orchestergeschehens.

Violinkonzert A-Dur KV 219 / 1 ­- Isabelle Faust / Il Giardino Armonico

Das Violinkonzert A-Dur KV 219 ist ein Juwel reifer Pubertät. Es bedient das Bedürfnis nach Tanz und Spannung und auch schon ein wenig das nach Zeitnerv á la Carl Philipp Emanuel Bach; es vergisst darüber nicht das Verlangen nach Zurücklehnen, nach jenem im A-Dur Konzert in allen drei Sätzen auf diese Weise nur Mozart eigenen Arioso. Das finale alla Turca geht italienisch ab wie die gute alte Bundespost von früher.

Mehr als zweihundert Jahre hatte der romantische Zugriff Mozart bei der Gurgel. Noch große Geiger der Vergangenheit wie Jaques Thibaud oder Jehudi Menuhin und geradezu resilientexzellente Lebendexemplare wie Anne-Sophie Mutter oder Julia Fischer spielen ihn kaum anders, als sie Schumann oder Brahms spielen. Aber die Klassik fände nicht auf Erden statt, gäbe es nicht auch in der Abteilung „romantischer Mozart“ große Momente. Bei aller romantischen Glut, die er, aufgeklärt, wie er klingt, zu entfachen weiß, lässt Nathan Milstein (1903-1999) den auf der Geige gesangverliebten, den spielfreudig neckischen Mozart hören. Und in einer weiteren Aufnahme verwandelt sich dieselbe Isabelle Faust, die eben noch in feinnervigem, italienisch kraftvollem Kammer-Mozart brillierte, zu Ehren Bernhard Haitinks, des großen Altmeisters Amsterdamer Orchesterkunst, dem kultiviert romantischen Klangkörper des Boston Symphony an. Allein ihre Kadenzen sind ein Erlebnis, ihr Mehr an Vibrato entspricht dem Volumen des Orchesters, die ariosen Partien kapriziert sie nicht, sie singt sie, unaufdringlich hörbar eingebettet. Das berühmte „alla turca“ im Finalsatz kommt von Boston her vielleicht etwas flau, aber Faust reißt die Sache raus.

Violinkonzert A-Dur KV 219 ­- Nathan Milstein / Philharmonia Orchestra

Soweit das Internet und die Liebe zu klassischer Musik. Ein heißer Tipp: gute Extern-Lautsprecher einsetzen, die rechner-internen machen nur die halbe Freude.

Mozart: Violinkonzert A-Dur KV 219 ­ Isabelle Faust / Il Giardino Armonico / Giovanni Antonini (https://www.youtube.com/watch?v=UUHPjZHfafs und Harmonia Mundi France)

Mozart: Violinkonzert A-Dur KV 219 ­ Isabelle Faust / Boston Symphony / Bernhard Haitink (https://www.youtube.com/watch?v=9njzsnFwFxA)

Mozart: Violinkonzert A-Dur KV 219 ­ Nathan Milstein / Philharmonia Orchestra ((https://www.youtube.com/watch?v=9R6WxvhJlGI))

PRINTTEXTE / MUSIK

Jimmy Cliff goes Westafrica.

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Man sollte Jimmy Cliff nicht abschreiben. Nächstes Jahr wird er achtzig. Sein endgültiger Durchbruch liegt vierzig Jahre zurück. Mit „Rebirth“ gewann er immerhin noch mit knapp siebzig seinen letzten Grammy Award für das „beste Reggae Album“. Ihn nicht abzuschreiben meint, seine Musik immer mal wieder ins Ohr zu fassen. He went back to the roots. In den USA geboren, lebt er heute in Ghana.

Würde man die Worte nicht verstehen, man würde denken, es handele sich bei Cliffs Songs im marktfernsten Sinn um Gutelaune-Musik einer Sorte, wie sie nur weit weg von Europa entstehen kann. Aber Jimmy Cliff war auf seine karibische Art immer auch ein Propagandist, ein Humanist, ein Mann der Worte. Nur eben einer, der tanzt und nicht marschiert. Joint und Marschmusik – nach Art vielleicht noch dieses zurzeit stark noskelnden Ministers der SPD – passen ohnehin noch schlechter zusammen als Fisch und Fahrrad.

Kürzlich ergab sich ein Vergnügen. In meiner Mediathek stieß ich zufällig auf Jimmy Cliffs „Wahjahka Man“. Am selben Tag war in dieser Zeitung ein inspirierender Text über das sich Ende 2023 andeutende Zusammenwachsen der drei westafrikanischen Staaten Mali, Niger und Burkina Faso zu lesen. Der Song ist von 1975, da steckten wir mitten im mühseligen Kampf für etwas, das die Kommunisten „antimonopolistische Demokratie“ nannten. Cliffs Reggae ging wie Honig in Gemüt und Knochen, das Leben war schön, einer wie Gerhard Schröder führte damals erst die Jusos. Eines schönen Tages in Berlin/Hauptstadt konnte man bei den Weltfestspielen der Jugend sogar Miriam Makeba erleben. In Gummistiefeln mit riesengroßem Grobstrickpullover über den Jeans. Sie sang „Westwind“, sie besang den Zephyr, der – „take my people by the hand“ – von Westen her die Botschaft von seiner am Ende realen Befreiung über den Kontinent Afrika trägt. Aber Afrika – es lag damals noch ziemlich weit weg von uns – war noch längst nicht so weit, der Westen war noch zu stark.

Thomas Isidore Noel Sankara (1949 – 1987)

Und nun Westafrika 2023, ein Halbjahrhundert später. Im Geist des 1987 ermordeten Che Guevara Afrikas, Thomas Sankara, könnte sich da etwas zusammenschließen, das nun wirklich zusammengehört. „Africa is a whole“, singt Miriam Makeba. Da treffen sich in Oagadugu und andernorts erst die Generale, später die Außenminister, schließlich die für Wirtschaft und Finanzen Verantwortlichen dreier westafrikanischer Länder und prüfen, ob man nicht gemeinsam besser dastünde. Jimmy Cliff hatte schon 1975 Worte dafür. „I never needed nobody“, sang er, „to show me how to walk.”  Keine Klage eines noch nicht für voll genommenen Jugendlichen, nur die Ansage an den Kolonialherrenolymp: ich brauchte auch nie irgendjemand, der mir erzählt, was ich zu sagen, wer ich zu sein habe. Ich bin ein erfahrener Mann. Ich verstehe, was abgeht, ich komme gut klar. Heißt in Westafrika: wir wissen längst, die „Grundlage für jede wirkliche ökonomische Unabhängigkeit“ (Jörg Kronauer) ist der Ausstieg unserer drei Länder aus dem CFA, die an den Euro gekoppelte Währung. Mehr und mehr der letzten Kettenglieder, die den Kontinent seit zwei Jahrhunderten an Europa schmieden, könnten – hopefully – bald brechen an der westlichen Küste Afrikas, der Westwind tut heute als Internet das seine.

Man kann tanzen dazu, man kann rauchen, trinken. Man kann auch einfach nur dasitzen und genießen, man kann im Sitzen tanzen. Man kann sich „Vietnam“ in den Kopfhörer holen, Cliffs live-Aufnahme eines Konzerts von 2005, in welchem er seine Leute im Süden dazu aufrief, sich gegen den Bush-Krieg in Irak zu stellen, gegen alle Kriege der Habgier – „we don‘t want another Vietnam!“ –, er nennt auch Afghanistan, der Chor singt: fuck the war, egal, wo Kriege angezettelt werden. In dieser so gänzlich unmartialischen, anti-hardcorehaft fröhlichen Nonchalance vieler Teile des globalen Südens ist Propaganda durchweg wirksamer, als es sich, diesseits des Äquator anlässt. „Die Welt ist noch nicht fertig“, sagte einst der Parteisekretär in Erwin Strittmatters „Ole Bienkopp“, „man tut, was man kann, man lernt nicht aus.“ junge Welt, Dezember 2023

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