Auf der Tagesordnung.Beethoven Fünf. Currentzis.

Es ist, auch wenn es nicht stattfindet, immer noch Beethovenjahr. Und Neuveröffentlichungen stoppt das längst nicht mehr so neuartige Virus ohnehin nicht. Jetzt steigt gut getimt auch Teodor Currentzis, der inzwischen mitsamt Orchester vom Ural nach St. Petersburg umgezogene griechische Dirigent mit Chefposition auch beim SWR in Baden-Baden, in den Ring. Und macht kurzen Prozess. Gleich mit dem ersten Vorstoß zielt er mitten ins Herz globaler Bildungsbürgerlichkeit. Da–da–da–daaaa!

Pandemiehalber gibt es die Aufnahme mit Beethovens »5. Sinfonie c-moll« nicht physisch als CD, sondern nur zum Download, die Zukunft lässt grüßen. Ungewöhnlich und wohl der Ausnahmestellung des Dirigenten geschuldet ist der Umstand, dass auf dem Produkt nur die eine Sinfonie zu hören ist; das fällt besonders auf, weil Currentzis den ex­trem schnellen Metronomangaben Beethovens mit nur 30 Minuten Spielzeit ziemlich genau folgt.

Kein Klassikstück – zumindest sein Anfang – ist so geradezu mythisch populär wie diese Sinfonie. Keiner anderen ist der unangenehme Zwang des Bürgertums schlechter bekommen, seinen politisch-kulturell leuchtenden Anfängen den revolutionären Kern zu nehmen – indem es sowohl deren geschichtlichen Bezug als auch deren sozialen Inhalt unter den Teppich kehrt.

Currentzis’ Interpretation dagegen gehört in der nicht mehr überschaubaren Flut vorhandener Aufnahmen eindeutig zu den bürgerlich-revolutionären. Knapper könnte der erste Satz einer Sinfonie nicht sein, nicht zielgerichteter und tatendurstiger. Das alles vorantreibende berühmte Motto der ersten vier Töne gibt im Verlauf nicht einmal einem zweiten Thema Raum. Currentzis lässt – durch knappsten Ausdruck potenziert – Kraft, Dynamik und Entschlossenheit hören, Symptome eines handelnden Subjekts. Da klopft das Schicksal an die Tür? Ach, du lieber Himmel. Da öffnet sich die Tür in die Zukunft. Von den »objektiven« Nebeln eines ewig dräuenden, weil noch nie vorhandenen Schicksals, absolut nichts.

Im Kollektiv summiert sich im Kampf der Klassen nicht nur die Kraft, auch die Wärme aller Kämpferinnenherzen. Ihr Platz in der Fünften, wiederum extrem verknappt und wiederholt zu Kampfaufrufen gesteigert: der langsame Variationensatz. Currentzis lässt diese durch Einsamkeiten gegangene Wärme in ereignishaft großem Atem sich schon in der Oboenkadenz der Reprise des Kopfsatzes ausbreiten.

Allegro con brio

Seit 200 Jahren präsentiert sich die Fünfte als Apotheose dominierender Streicher. Bei Currentzis hört eins auch die kostbaren Bläserpassagen dieser Epochensinfonie – in den Naturhörnern und im Fagott im Aufruf des Seitenthemas im ersten Satz, im zweiten in den mit den Streichern sich abwechselnden Holzbläsern. In der völlig neuen Variante eines »Scherzo« im dritten Satz tauchen die Holzbläser im Wechsel mit den gezupften Streichern am Ende mehr und mehr in den dunklen Hexensabbat eines extremen Pianissimo ab – nur um damit Teil vom Fuß einer grandiosen Steigerungskurve der Dynamik zu werden. Sie endet im extremen Fortissimo des Final-Triumphes. Solch eine Kurve dürfte in der bisherigen Aufführungsgeschichte der »5. Sinfonie« singulär sein. Schon möglich, dass Currentzis mit den dynamischen Möglichkeiten seines Orchesters an manchen Stellen dieser Aufnahme allzu demonstrativ umgeht. Aber warum nicht, wenn sie denn im Ergebnis jahrelanger Schwerstarbeit in einem bisher nicht für möglich gehaltenen Umfang zur Verfügung stehen?

Teodor Currentzis

Was anders würde sie rechtfertigen, zu was wären sie besser geeignet, wenn nicht zur Darstellung des schlussendlichen, durch Kämpfe hindurch erreichten Triumphs der Idee vom vernünftigen Zusammenleben einer solidarischen Menschheit? Beethovens Fünfte läuft ohne viel Federlesens vom ersten Ton an punktgenau auf diesen Triumph zu. Er hatte ihn in der dem widerspruchsgeladenen Idol Napoleon zugedachten »Eroica« vorbereitet. In der Fünften feiert sich der vorausgeschaute Sieg eines menschengerechten Bürgertums über eine menschenverachtende Adelsgesellschaft. Durch c-moll zum C-Dur. Keine Siegesparade. Ein Revolutionsfest mit Tanz und Händehalten.

Der Tonsetzer hat mit dem Karlsbader Metternich-Terror das Scheitern dieser frühen Bürgerträume hautnah miterlebt. Currentzis musiziert sie als immer noch frisch auf der Tagesordnung. Nur ist es längst nicht mehr das Bürgertum, das sie, wenn Mutter Erde durchhält, verwirklichen wird. Ihm aber, dem Bürgertum, als der aktuell für den Zustand der Welt verantwortlichen Klasse, knallen Currentzis und seine Leute mit Beethoven triumphal schon mal die Rechnung auf den Tisch: Da-da–da–daaaaaa! Junge Welt, Juni 2020

Beethoven: Sinfonie Nr. 5 c-moll op.67 – MusicaEterna / Currentzis (Son Classical)

Currentzis Mozart Cosi

Currentzis’ Mahler

Currentzis’ Tschaikowski

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