
Ukraine und Iran

Worüber staunt man in diesen fast sommerlichen Tagen anno 2026 wohl mehr: über die sich hinziehend bedrohliche Weltlage. Oder über die immer nur die eine Sicht aufs Geschehen kennende Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit, in welche die reichweitenstarken Mainstream-Medien von Tagesschau bis Bildzeitung die deutsche Öffentlichkeit versetzt haben. mehr…
So haben wir ihn noch nicht gesehen. Ein von düsteren Wolken verschattetes Gesicht, die Stirn gerunzelt, er hatte direkt so etwas wie einen Anflug von Profil und Charakter. Friedrich Merz, in einer Umfrage soeben als von den Bundesbürgern mit 83 Prozent Minus schlechtester Regierungschef der BRD-Geschichte abgekanzlert, brachte zu seinem Auftritt am 28. Aprilvor Gymnasiasten in NRW eine für seine Verhältnisse überraschend realistische Einschätzung der Weltlage mit. mehr...
Aus dem Papierkorb der Westmedien
Der Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Bejing Mitte Mai 2026 wurde von den öffentlich-privaten Regierungsmedien des Westens wie üblich als geopolitisches Freundschaftsspektakel abgetan, keine Drohungen, keine nennenswerten Ergebnisse. Es lohnt freilich, die das Treffen abschießende Erklärung Putins und Xi Jinpings zu lesen. Wann zuletzt hätte es seitens des Westens in der Kürze so umfassende diplomatische Erklärung zur Weltlage gegeben, wann dazu einen Ausblick auf eine im Entstehen begriffene multipolare Global Governance im Sinn der Bevölkerungen aller Länder. Und von wem auch? Man wundert sich, zu welchen politischen Aus-Führern die seit dem Aufstieg der Volksrepublik China um ihre Freiheit fürchtenden herrschenden Eliten des Westens am Ende immer wieder greifen. Egal, ob mit schwarzem Hitlerbärtchen oder kunstblonder Trumptolle – sie ähneln sich durch die Zeiten teuflisch in dem, was sie tun.
Im Blick den gegenwärtigen US-Präsidenten, reibt man sich die Augen: es verschwimmen in diesem Menschen zusehends die Grenzen zwischen Politik und Pathologie.

(Die Iraner, mit denen Sie vor zwei Tagen gesprochen haben….sind sie hier im Raum?)
Der US-Cartoonist Bill Bramhall zeichnete eine bemerkenswerte Trump-Karikatur und warf in der Zeichnung die Frage auf: glaubt Trump an seine eigenen Lügen?
Der britische Ex-Diplomat, Ex-Geheimdienstler und Analyst Alastair Crook weist diesbezüglich am 18. April auf seiner 2004 gegründeten Website Conflictsforum auf den jüngsten Fall natürlich überhaupt nicht pathologischen Zusammenspiels von Börse und Politik hin (in Englisch). Insiderwissen ist im Weißen Haus – dank auch ihres Prachtschwiegersohns zum sprudelnden Segen der Familienkasse Trumps – integraler Bestandteil von Regierungspolitik. Voll pathologisch ist dagegen, was Trump der Welt alles an Blödsinn erzählen kann, ohne dass etwa die deutsche Einheitspresse dazu auf nennenswerte Weise Stellung bezieht.
Peter Hänseler lieferte am Beispiel vergangener Trump-Fantasien zum Thema Verhandlungen zwischen Iran und USA schon Anfang April Fakten. Ein Paar Minuten vor Veröffentlichung der Trump-Lügengeschichten geschah an den Börsen Zauberhaftes:
„Rund 6200 Futures-Kontakte der Sorte Brand und West Texas Intermedia wechselten am Montag zwischen 6.49 Uhr und 6.50 Uhr New Yorker Zeit den Besitzer, nur eine Viertelstunde vor besagten Tweet Trumps of Truth Social, dass es in den letzten Tagen produktive Gespräche mit Teheran zur Beendigung des Krieges mit Iran angegeben habe. Nach Berechnungen der FT auf der Grundlage von Bloomberg Daten belief sich der Nominalwert dieser Geschäfte auf 580 Millionen“.
Der Autor resümiert:
„Verglichen mit diesen Leuten ist die Mafia so ungefährlich wie Mutter Theresa!“
Die Russen sind nicht unser Feind
Die extreme Russenfeindlichkeit im Deutschland des Jahres 2026 hat eine lange Geschichte. Sie beginnt am 20. März 1890 mit der Entlassung des Kanzlers Otto von Bismarck durch Kaiser Wilhelm II. Was immer man dem „eisernen Kanzler“ und reaktionären Junker mit viel Recht alles ankreiden kann – für Bismarck war ein gutes Verhältnis zu Russland Voraussetzung für eine im Rücken sichere deutsche Europapolitik plus Reichseinigung von oben. Vierundzwanzig Jahre später erklärte das deutsche Reich dem kaiserlichen Russland den Krieg; es marschierte unter anderem zum ersten Mal in die Ukraine ein. Mit Ausnahme mehrerer eher kurzer Episoden von Friedensspolitik, die sich mit Namen wie Joseph Wirth (Rapallo), Willy Brandt, vielleicht noch mit Helmuth Schmidt, Helmuth Kohl und Gerhard Schröder verbinden, zieht sich seitdem die Russophobie durch die neuere deutsche Geschichte. In der langen Reihe deutscher Politiker, welche die Russen hassten und hassen, stehen mit 27 Millionen getöteten Sowjetmenschen Adolf Hitler und Joseph Goebbels an der Spitze. Friedrich Merz, Ursula von der Leyen, Boris Pistorius et al. sind nur die letzten Protagonisten dieser speziellen Sorte Außenpolitik kapitalistischer Eliten.
Am 17. April beschrieb auf einer Veranstaltung der Berliner Zeitung im Berliner Theater OST Russlands Botschafter Sergej Netschajew diese Politik und ihre Darsteller aus russischer Sicht – hochinteressant; wann werden wir ihn bei Lanz, Illner, Maischberger erleben? Der proppevolle Saal in Berlin bot leider nur einem winzigen Teil der deutschen Öffentlichkeit Gelegenheit, einmal wieder einen wirklichen Diplomaten zu erleben. Einen gebildeten, gut informierten Fachmann, konziliant und rollenbewusst. Einer ohne Sprechblasen, mit größeren Zusammenhängen und höflich formulierten Erwägungen. Herr Netschajew genoss es sichtlich, auf deutschem Staatsgebiet endlich einmal ungestört und nicht in jedem Satz hektisch unterbrochen in aller Ruhe den Standpunkt der russischen Föderation zu brandaktuellen Fragen wie etwa der des Ukraine-Kriegs zu erläutern. Er forderte das deutsche Publikum mehrmals schmunzelnd auf, doch nicht immer so pessimistisch zu sein.
Homo Wohlers – ein Citoyen in Hamburg St. Georg

Am 19. Juli 2025 starb der Buchhändler und Büchermensch Jürgen Wohlers. Sein Foto hängt im Fenster seines Ladens am Ossietzky-Platz in Hamburg. Er war eine der kulturellen Herzkammern des Stadtteils an der Alster. Mit seinem Ableben wird voraussichtlich im Frühjahr 2026 auch der Buchladen sterben. In der dritten Generation. Es war der anspruchsvolle – und erfolgreiche – Versuch einer nicht eben mit Reichtümern gesegneten Familie, in Hamburgs Zentrum einen unabhängigen Buchladen von Bedeutung zu betreiben. mehr…
Goethe 2.0
Der alte Goethe wusste schon vor 200 Jahren wie es läuft. Zündeln, eskalieren, Spannung halten. Und wenn sich die Gegendseite endlich zur Wehr setzt – Heureka -, sind es wieder die anderen, die den Krieg angefangen haben.

Eine Tagesschau nach der anderen vergeht. Die Welt verändert sich. Das Weltbild der Tagesschau bleibt dasselbe. Die guten Zionisten in USA und Israel bleiben dieselben, der böse Putin bleibt derselbe. Da kann ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg des US-Gewaltsystems dem nächsten folgen. Es bleibt dabei:

Johann Wolfgang von Goethe, Faust II

Ein sprechend einleuchtendes Ölbild von der Hand des koblenzer Malers Joseph Willibrord Mähler (1778-1860). Mein Beethoven-Büchlein sieht sich – im Verhältnis zur Beethoven-Ikone eines aufs Altbekannte wie festgenagelten Bürgertums – in der Perspektive dieses Porträts.
Herausgekommen in der 100-Seiten-Serie des Reclam Verlag.
Volker Hagedorn in den Autoren-Tips der ZEIT (hyperkurz, hypergenau, hyperrichtig mit jedem Wort) – Stefan Siegert: Beethoven (Reclam) Leben, Werke, Welt, fließend verbunden, engagiert, kundig und gewitzt geschrieben – ein randvolles Brevier.
VIDEOS FILMTIPPS
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Vorausgeschickt, ich schaue, außer Fußball (only free TV), kaum viel Live-Fernsehen. Auf Anja Reschke bin ich durch einen mir von meinem Sohn zugesendeten Link auf die letzte Folge ihrer seit 2022 in der ARD laufenden Sendereihe Reschke Fernsehen gestoßen. Ich kenne nur diese eine Arbeit von ihr und ihrem in diesem Fall zu roughly 80 Prozent aus Frauen bestehenden Team.

Es geht um ein ganz heißes Eisen, die „Familenstiftungen“. Von Reschke ungemein kreativ und unterhaltsam bearbeitet, wird es zum medialen Frontalangriff auf die Besitz- und also Machtverhältnisse in Deutschland, denn es geht um die systemkonforme Vermeidung von Steuern durch die Megareichen. Wäre Frau Jeschke der Normalfall im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, könnten alle einpacken, die seit Jahren kein gutes Haar an dieser, vom Ursprungsgedanken her (Rundfunk-Staatsvertrag) segensreichen Einrichtung lassen. Man wundert sich freilich. Eine derart empiriegeneigt recherchierende, krass kritische und dazu auch noch satirisch witzige Moderatorinnenfigur wie sie Anja Jeschke aus sich gemacht hat, steigt in so gut wie komplett auf regierungsfromm formatierten Sendeanstalten so weit auf? Wie ist das zugegangen, wie geht es mit ihr weiter? Die Dinge liegen doch so: hätte meine bescheidene Homepage mehr Reichweite und wäre ich gar ein Influencer – ich hätte ernsthaft zu überlegen, ob ich der Frau mit so viel „Beifall von der falschen Seite“ nicht eher schaden könnte, es liegt mir fern.
Ich war siebzehn, als Fritz Bauer im Dezember 1963 gegen einen Staat der Altnazis den Frankfurter Auschwitz-Prozess durchkämpfte. Ich wuchs in einer Nazi-Familie auf. Fritz Bauers (1903 – 1968) Persönlichkeit und Leistung beeindruckte mich fürs Leben. In Erinnerung ist er vielen Menschen meiner Generation als moralisches Leitbild – aufrecht, unfassbar beharrlich, ein exzellenter Jurist. Die launige, witzige, lebenfrohe Seite Bauers hat die Journalistin Renate Lasker-Harpprecht ihm genial abgeschmeichelt (Bauer wird im FEUILLEPOL politisch gewürdigt).
Auf dem Foto Anne Brorhilker, bis zu ihrem überraschenden Rücktritt als Oberstaatsanwältin, Leiterin und treibende Kraft der für die juristische Aufarbeitung der „Cum Cum“ und „Cum Ex“ Skandale verantwortlichen Abteilung der Kölner Staatsanwaltschaft. Sie ist eine der Hauptpersonen in der unbedingt sehenswerten ZDF-Doku Systemfehler – der Cum Ex-Skandal. Im Moment der Niederschrift dieser Zeilen…
„Am Morgen vorgelesen“ hieß die NDR-Sendung schon vor mehr als 60 Jahren, sie heißt bis heute so. Die Auffassung davon, was Literatur ist, hat sich freilich während der Zeit Hanjo Kestings – als dem Kopf und Gesicht dieser Sendereihe – deutlich verändert. mehr…

Im Menü TIEF AUS DEM ARCHIV aus den goldenen Jahren des Freelance-Journalismus: ein Portät Eckhard Henscheids in Essen und Trinken von 1995:

Das letzte Wort auf meiner Startseite hat ein Bild. Der Metzgersohn Filippo Lippi (um 1406 – 1469) ist neben den anderen Renaissance-Riesen, neben Leonardo, Rafaelo, Boticelli, Tiziano, Michelangelo leicht in den Hintergrund geraten. Unverdient. Er gehört, wenn auch als einer der älteren, dazu. Wie irdisch, ja wie erotisch das freigelassene rechte Ohr der Madonna. Die Doppelfigur der Madonna mit Kind ist fast grell aus dem Dunkel des Muscheldekors hervorgehoben. Innerhalb beider Figuren überwiegt – zulasten der Plastizität – das Licht die Schatten, Kontraste und Kontur kommen zum Zuge. Aber die deutliche Linie, die beider Köpfe auseinanderhalten soll, trennt nicht. Sie ist Chiffre für ein Zusammengehören. Die kleine linke Hand des Kinds hält sich im Rückentuch der jungen Frau fest, deren Rechte das Kind zugleich trägt und liebkost. Sie ist das Lieblingsmodell des Malers, Lippis Lebensgefährtin (darum das Ohr). Man könnte, noch als Agnostiker, religiös werden angesichts solcher Kunst. Sie enthält – neben ihrer ästhetischen Vollkommenheit – Form gewordene Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit, Einssein, mithin edelste Menschlichkeit und ergo alles, was haltlose Menschen, so scheint es, der Menschheit zurzeit austreiben und in Vergessenheit geraten lassen wollen. Fra Filippos Arbeit sagt uns noch 600 Jahre später, dass – wie der Kuckuck im Volkslied -, was er da gemalt hat, langlebiger ist als alles, was die Botschaft eines solchen Bildes mit aller Gewalt vernichten will.









