Café Zimmermann.Bach.Konzerte

Eine CD mit Instrumentalwerken Bachs macht neuerlich klar, was Klassikfreundinnen an der historischen Aufführungspraxis haben. Unter anderem kann man dort  das a-moll Konzert für vier Cembali BWV 1065 hören, es verdankt sich der Begeisterung des Thomaskantors für die Instrumentalmusik Vivaldis, denn es ist die Bearbeitung von dessen h-moll Konzert für vier Solo-Violinen aus den „L’Estro Armonico“. Bachs Fassung erlangte traurige Berühmtheit durch eine Schallplattenaufnahme vom Anfang der 1980er Jahre, an der unter anderem der dieser Tage wieder schwer populäre Oberleutnant d. R. Helmut Schmidt beteiligt war.

Während Alt-Kanzler Kohl, die Kultur betreffend, auf ewig mit dem Saumagen in Verbindung stehen wird, ist es bei Alt-Kanzler Schmidt die öffentliche Beschäftigung mit Tasteninstrumenten. Die um Marketingideen selten verlegene Deutsche Grammophongesellschaft bat Schmidt deshalb zusammen mit den Pianisten Eschenbach, Frantz und Oppitz sowie den Hamburger Symphonikern in ein Tonstudio, das die Abmessungen eines mittleren Flugplatztzterminals gehabt haben muss, denn noch Anfang der 1980er Jahre spielte man Bachs Cembalowerke selbstredend auf Steinwayflügeln, deren jeder etwa vier mal so viel Volumen und Gewicht hat wie ein Cembalo.

Damit lässt sich der flirrend klappernde Klang der Zupfmechanik von vier Cembali allerdings nicht erzeugen, wie das in BWV 1065, anschwellend von ganz leise (ein Cembalo) zu ganz stark (vier Cembali), schon beim eröffnenden sechsfachen E dem historisch informierten französischen Ensemble Café Zimmermann gelingt. Warum Bach es für richtig hielt, ein Konzert mit gleich vier solistisch eingesetzten Tasteninstrumenten zu bestücken? Beim Hören des dito auf der neuen CD vertretenen A-Dur Konzerts für nur ein Cembalo BWV 1055 erschließt es sich. Denn obwohl Café Zimmermann als Ripieno für dieses Werk lediglich ein kontrabassverstärktes Streichquartett einsetzt, dauert es lange, bis man hinterm kompakten Unisonoklang des eröffnenden Tutti die emsigen Sechzehntelläufe des Cembalo wahrnimmt. So silberstiftfein und klar ein Cembalo klingt, so schwach ist sein Ton dynamisch. Und anders als in BWV 1065 fehlt in BWV 1055 die deutliche Trennung von Ripieno und Solist. Die „Soli“, das sind im A-Dur Werk jene Passagen, in denen Bach per ausgedünntem Satz und Dynamik-Vortragszeichen dafür sorgt, dass das Cembalo, das bis auf wenige Acapella-Stellen eingebunden ist ins Stimmengefüge, lauter klingt als die anderen.

Das mag Bach, dem virtuosen Beherrscher von Orgel- und Cembalotasten, auf die Dauer zu wenig gewesen sein, auch wenn dem zarten Cembaloklang seiner Zeit entgegenkam, dass die Räume, in denen er seine Musik präsentierte, deutlich kleiner waren als heutige Konzertsäle. An Orten wie dem um die 120 Hörer fassenden Café Zimmermann in Leipzig muss also der gleichzeitige Einsatz von vier Cembali akustisch besonders imponiert haben. Und wenn Bach und drei seiner Söhne als Solisten im schnellen Mittelteil des langsamen Satzes, simultan und harmonisch leicht gegeneinander versetzt, Arpeggien auf vier Cembali präsentierten, mag das schon damals so neu geklungen haben, dass sich György Ligeti davon noch zweihundert Jahre später für seinen Cembalo-Klassiker „Continuum“ hat inspirieren lassen. Solch ein fast mikrotonales Glitzern ist auf modernen Konzertflügeln nicht darstellbar.

Und schon gar nicht mit vieren auf einmal und auch noch zusammen mit einem Streichorchester, das auf modernen, das heißt meistens, für Barockmusik zu lauten Geigen agiert. So etwas klingt – wenn auch gekonnt unmerklich – zu dick aufgetragen und eigentlich öde, helmutschmidtartig eben. Dass da so gut wie nichts mehr zusammenstimmt, kann auch die in solchen Fällen enorme Leistung moderner Studiotechnik nicht verbrämen.

Wie viel Freude der sehr lange als für alle Zeiten archetypischer Kirchenmusiker in Geltung befindliche Bach am prallen Diesseits hatte, zum Beispiel an Fragen klanglicher Balance und Delikatesse, macht freudig auch das erste Brandenburgische Konzert deutlich, das die neue CD abrundet: Gute-Laune-Musik dass es kracht, komponiert am reformierten Hof in Köthen, wo kein Ton Kirchenmusik geduldet war. Nirgends sonst, heißt es, sei Bach glücklicher gewesen.  Junge Welt, Dezember 2011

Bach: Ouvertüre Nr. 4 BWV 1069, Konzert für Cembalo A-Dur BWV 1055, Brandenburgisches Konzert Nr. 1 BWV 1046, Konzert für Vier Cembali BWV 1065 – Frisch/Fontana/Boerner/Ensemble Café Zimmermann (Alpha/Note1)

 

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