Das Bett.

Was ist Magie? Im Philosopischen Wörterbuch des Marxismus zwischen „Macht“ und „Malthusianismus“ – nichts. Bei Wikipedia das Gegenteil. Im Zusammenhang der Kunst taucht dort das schöne Wort „Zauber“ auf. Die dort dito figurierende Esotherik hat sich die Magie unter den Nagel gerissen. Tommaso Campanella im 16. Jahrhundert war da schon weiter. Magie sagt er, sei das von der Erkenntnis noch nicht erfasste Geheimnis der Natur. Also keine Metaphysik. Mehr etwas in uns, etwas mit Sensoren für die unbekannte Energie der Dinge und Wesen. Wie ich darauf komme? Durch ein Bett.

Meine Lieblingsredakteurin beim SWR hatte den Einfall, mir das Baden-Badener Brahmshaus zu zeigen. Der gemischte Wald mit seinen die Augen wundermild streichelnden Grüntönen gegenüber den zwei hölzernen Balkonen des mit Holzschindeln gewandeten, mit Fensterläden versehenen Hauses stand, als Brahms den Wald von seinem Balkon im ersten Stock aus beobachtete, noch ganz allein in der bergigen Gegend vor der Stadt Baden-Baden.

Ein seltsames Gefühl beschleicht mich beim Gedanken, die kleinen hellen Augen meines bedeutenden Mithamburgers müssen diesen Blick – nicht mit denselben Bäumen, aber mit ihren nicht wesentlich anders gefiederten und gewachsenen Vorfahren – genossen haben wie ich ihn jetzt genieße.

Im Hausinneren ist es eng. Eine Welt für Menschen, die allesamt kleiner gewesen sein müssen als wir. Die knarrende Treppe hinauf – sind das noch die Stufen, die seine modischen Schnürstiefel getreten haben? – kommt man ins Wohnzimmer mit der blauen Tapete. Hier knarren die Dielen besonders spooky. Die Tür zum Schlafraum hat keinen Flügel. Das Bett steht längs der Wand links vor dem Fenster. Alles klein, die Zimmerdecke tief, der Fensterausschnitt viel zu minimal für die große Schönheit draußen.

Brahms hat hier neun Sommer verbracht zwischen 1865 und 1874. Teile des Requiems sind in Lichtenthal entstanden, Teile der ersten beiden Sinfonien und – die vertonte Landschaft – das Horntrio. Bismarck, weniger mit Gottes als mit Krupps Hilfe, kanonierte in diesen Jahren seines Königs und Kaisers deutsches Reich zusammen. Das Bett ist erstaunlich klein. Mir dämmert, die Bilder haben ihn alle größer gemacht. Einssechzig plus sei er gewesen sagt Frau Blumeyer, Hüterin und guter Geist des Brahmshauses. Das Bett ist nicht nur zu kurz, es ist auch viel zu schmal für den beleibten älteren Herren, den man von vielen Bildern her kennt. Er war in Baden-Baden noch mehr der Jüngling mit dem schmalen Gesicht und den langen, seitlich über der Stirn gescheitelten Haaren mit den scharfen Geheimratsecken. Darum, sagt Frau Blumeyer, habe er sich in späteren Jahren den Riesenbart wachsen lassen. Er wollte äußerlich größer wirken, da half keine Musik.

Es war damals nicht weiß, sagt Kerstin…

Sinn für schöne Orte hat er gehabt. Das Bett. Es bannt mich. Da hat er gelegen, allein und wahrscheinlich oft einsam, wie man mit um die fünfzig in einem so schmalen Bett wohl ist. Der Weg vom Bett zum Pianino im kleinen blauen Wohnzimmer nebenan ist, ohne dass man es sieht, ausgetreten von seinen barfüßigen Schritten unterm langen Nachthemd. Ihm fiel dauernd etwas ein. Das Fenster war offen. Aber niemand außer der alten Wirtin des Hauses hörte die Einfälle, die er sich per Klaviertastendruck vor Ohren führte des nachts, des morgens, des abends. Das Häuschen lag oben auf einem Felsenhügel. Die Gegend war menschenleer. Mittendrin Brahms’ Bett. Es ist, als wäre er vor kurzem erst aufgestanden, hätte die Tagesdecke flüchtig übers Plumeau gebreitet, sich Überzieher, Hut und Stock gegriffen und wäre auf einen Spaziergang am Heimbach entlang grußlos aus dem Haus verschwunden. Zurück bleibt das Bett. Es steht vor mir. Brahms scheint nicht weit. Es ist so eine Sache mit der Magie. Vielleicht als Übersetzung aus dem Chinesischen, wird sie irgendwann im Wörterbuch der Philosophie des Marxismus auftauchen. Als eine Art interaktiver Fantasie des Unbewussten. Marxismus und Zauber? Never, sagt das Politbüro. Es hat Brahms’ Musik vielleicht noch nie wirklich gehört. Und war noch nicht an Brahms’ Bett in Baden-Baden. Junge Welt, Oktober 2019