Tobias.Koch.Schubert.Die drei letzten Sonaten.

Schubert war zu Lebzeiten, wenn überhaupt, durch seine Lieder bekannt. Dass er ganze Sinfonien schrieb, Kammermusik und 22 Klaviersonaten war fast nur seinem Freundeskreis bekannt. Eine Unzahl Skizzen, Entwürfe, Fragmente verrät, wie wichtig ihm das Soloklavier war und wieviel Mühe er sich damit gab.

Die von Mai bis September 1828 im unmittelbaren Schatten des nahenden Endes entstandenen drei Sonaten c-Moll, A-Dur und B-Dur liegen in zahllosen Einspielungen vor. Ihre Interpreten werden, unterschiedlich überzeugend, der Tragik eines sich noch einmal mächtig aufbäumenden Lebenswillens, einer, obschon in ihrer Entwicklung unabgeschlossenen, großen Meisterschaft gerecht. Sie bewegen sich dabei weitgehend in einer im Lauf der Zeit entstandenen Schubert-Konvention aus technischer Unbeschwertheit, einem mit dem Risiko der Glätte behafteten Gleichmaß der Fortbewegung und einer in aller Traurigkeit und Tiefe stabilen Selbstverständlichkeit des Ablaufs. In seiner kürzlich erschienen Neuaufnahme der drei letzten Sonaten geht der Hammerflügel-Enthusiast Tobias Koch etwas anders zu werke.

Die Eingangs-Sonate findet seit langem weniger Beachtung, sie wird seltener aufgeführt als die Folgenden. Ihre Tonart c-Moll ist die der fünften Sinfonie, der Pathétique und der letzten Klaviersonate Beethovens, seine Hammertonart. Das lässt sich denn auch in den einleitenden Kraftakkorden hören. Schubert hatte das vergötterte Vorbild stets im Kopf, kompositorisch öffnete es ihm Türen, er ging hindurch; fand dann aber – woher nahm er die Sicherheit? – stets auf Wege, die einzig ihm gehören.

Koch wirft seinen eigenen Blick auf solch beethovenerfüllte Unabhängigkeit. Er stellt in der c-Moll Sonate den Übergang vom Ton beethovenscher Kraft ins schubertsche Idiom lyrischen Singens, auch Schuberts Dialektik beider Welten, zart eindringlicher dar als viele andere. Das ihm vom Tiroler Landesmuseum für diese Einspielung zur Verfügung gestellte Wiener Pianoforte von 1835 aus der Werkstatt Conrad Grafs hilft sehr dabei. Der Diskant ist schärfer, die Register, vor allem der Bass unendlich klangvariabler, charakteristischer und farbiger als beim modernen Instrument. Sein wundersam transparentes Volumen lässt die Materie hören, das Holz von Korpus und Mechanik, das Metall der Saiten – nichts vom von allen Schlacken des Diesseits bereinigten Komfort-Tonraum eines modernen Flügels.

In der Tarantella des Finalsatzes der c-Moll Sonate, im Scherzo der B-Dur Sonate und in anderen leichtlebigeren Sonatenteilen zeigt Koch durchaus, wie gut er, wenn er will, schnelle Tempi mit Witz dahinfließen lassen kann. Aber er will nur, wo es ihm frommt. Er bricht den Fluss des Eröffnungssatzes der A-Dur Sonate durch kaum merklich längere Pausen, absichtsvolle Rubati, betonte Vorschläge. Er „entglättet“ sogar die Vertikale, zieht einzelne Töne vor die Akkorde oder schlägt den Leitton, den Akkord zum Vorschlag machend, nach. Selbst in den fast allgegenwärtigen Arpeggien, Scalen und Triolenketten glaubt eins der Musik ihren Fortlauf oft nur bis zum übernächsten Takt.

Bei mehrmaligem Hören wird eine Idee erkennbar. Außer dass es Tobias Koch zu gefallen scheint, alle im Gehalt der Musik erlaubten Spielfreiheiten zu nutzen,  fügt er der Leichtigkeit genialer Einfälle Schuberts, seiner satztechnischen und harmonischen Raffinesse, der ungebrochenen Kraft seines Genies eine Ahnung erschöpfter Bewegung hinzu. Schubert, von den finalen Folgen der Syphilis gezeichnet, unfähig, Nahrung bei sich zu behalten, schleppte sich während der Arbeit nach eigenem Bekunden vom Schreibtisch und Pianoforte zum Bett und wieder zurück.

Tobias Koch

Kochs Konzept verhindert allenfalls die Bestätigung liebgewordner Hörerfahrungen, nicht das Erlebnis der Größe dieser so innenwelthaltigen Sonatentrias. Wer die anfängliche Fremdheit aushält, wird vielleicht auch die Bereicherungen dieser Aufnahmen hören. So etwa die qua Einsatz zweier Moderator-Pedale in einigen Wiederholungen des Hauptthemas in der Eröffnung der A-Dur Sonate so nur den alten Instrumenten mögliche Klangdarstellung ätherisch leichter Traumverlorenheit der Musik Schuberts. Oder im Anfang der B-Dur Sonate den berühmten Basstriller, der – so unterirdisch tief; Alfred Brendel hat in ihm die „Eröffnung einer dritten Dimension“ gehört – jener fast digitalen Klangausgewogenheit des modernen Konzertflügels nicht möglich ist. Wer sich von dessen Standards nicht losmachen kann, wird beim Wiederauftauchen des Trillers die in den Klang zurückgenommen bedrohliche Dynamik nicht verstehen, wenn Schubert nach dem im Zitat der vier Anfangstöne der Fünften gipfelnden Bezug auf den Geist Beethovens, dessen Lösungen ausschlägt. Er bricht ab und kommt auf sein beschwingt trauriges Anfangsthema zurück. Kochs Langsamkeit, fern von der Markenzeichenhaftigkeit etwa eines Claudio Arrau, hat dieses Thema davor schon im Bass wie einen Trauermarsch erscheinen lassen.

Andantino der A-Dur Sonate D 959

Die gebrochenen Begleitakkorde des Andantino der A-Dur Sonate extrem stumpf, der Bass wie getupft: dunkeltrockene Staccatotropfen; die karge Herrlichkeit der Melodie darüber erst einsam, dann wie Hilferufe. Den zunächst seltsamen, dann gewaltigen Mittelteil leitet Koch einleuchtend rezitativisch ein, im Gestus unwirscher Fantasie geht es auf den cis-Moll Zusammenbruch zu. Koch gibt dieser formal unergründlichen Abirrung von irdischer Ordnung, man weiß nicht wie, einen Anschein von Logik. Einem kleinlauten Träumer wird da scharf auf  die Finger geschlagen, sein Ausweg: eine herzenswarme Überleitung ins moderatorumdämmerte Zuhause des nun traulich leuchtenden Eingangsthemas. Auch im letzten Satz der letzten Sonate, in dessen Anfangston und überhaupt als Kontrastprinzip erneut Beethoven west, wieder der pedallose Bass. Schubertvertraute mögen das Ganze als Provokation empfinden. Ein an anders disponierte Lesarten dieser Musik gewöhntes Ohr neigt zur Ablehnung, fühlt sich beim ersten Hören von fern an die Extravaganz Glenn Gouldscher Dekonstruktionen Mozarts oder der Romantiker erinnert. Möglich aber auch, dass Kochs Interpretationen die Erkenntnis fördern, wie nicht mehr Wiener Klassiker und schon gar noch nicht Romantiker Schubert war. Tobias Koch hat sich etwas im gängigen Klassikbetrieb, betriebswirtschaftlich bedingt, rar Gewordenes erlaubt: Er trotzt dem Mainstream, er wagt. Und gewinnt Schubert Freunde da, wo bisher vielleicht kaum jemand war.

Zukunftsmusik. Franz Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten – Tobias Koch, Fortepiano Conrad Graf (musikmuseum / note 1)

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