Brachmann.FAZ.Sokolov70.

Irgendwann hatte ich keine Lust mehr. Es fehlte mir nichts, nachdem ich aufgegeben hatte, seine Texte zu lesen. Die Welt, dachte ich mir, wird nicht dümmer durch ihn als sie ohnehin ist. Und die, die seinen Wortwolken nachsinnen, lesen die Zeitungen ohnehin nicht, die mich drucken.

Aber dann wurde Grigori Sokolov siebzig, der russische Pianist mit der Frau im Pelzmantel mit dem wie selbstgeschnittenen Grauhaar und der dicken Sonnenbrille an einem Abend im Winter. Er saß mir Anfang der Nullerjahre nach einem Konzert in München gegenüber. Es war nicht sehr kalt, aber Sokolov behielt drinnen seinen Wintermantel an überm Anzug, darunter eine dicke Wolljacke mit Reißverschluss, über den schweren Schuhen schwarze Gummigamaschen. Sein Deutsch ist erlesen; es war für mein Radiomikrofon gleichwohl kaum etwas Eindeutiges aus ihm herauszubekommen.

Vorher im Herkulessaal hatte er es wieder getan. Sokolov war, kurz gesagt, ein Magier. Ich weiß nicht, ob er es immer noch ist, ich gehe nicht mehr hin. Er konnte ein Auditorium verzaubern. Das hat mich damals an ihm interessiert. Seine Schubert Sonate G-Dur höre ich immer noch sehr gern.

„Das unwiederbringliche Fest“ steht über dem Geburtstagstext. Begeistert ist nicht das richtige Wort. Beduselt ist besser. Der Autor steigt groß ein. „Das Geheimnis von Klang und Zeit“ sei es, sagt er, mit ihm bringe Sokolov andere aus der Fassung. Nicht übel. Aber diesem Autor reicht es nicht, wenn einer Menschen aus der Fassung bringt, er muss sie “in eminentem Sinn” aus der Fassung bringen. Denn der Autor spürt, dass es vom Inhalt her oft etwas dürftig ist bei ihm. Er baut Steigerungen ein, die allerdings detto etwas viel Luft haben. Er hat einen Trick für das Problem: den Wort-Shaker. Der funktioniert ähnlich wie der Metallbecher für Cocktails: Man gibt Worte hinein, Deckel drauf, kräftig schütteln – schon hat man die interessantesten Gebilde.

Mein verstorbener Freund, der Cellist Anner Bijlsma sagte einmal, Musik sei viel mehr, als die Musiker je tun könnten. Der Pianist Artur Schnabel in ähnlichem Sinn: Ich interpretiere nur Werke, die besser sind, als ich sie spielen kann. Was macht der Sokolov-Gratulant daraus? Einen „unaufhebbaren Geist-Klang-Dualismus“. Geist und Klang, sollte man doch meinen, gehen in jedem gesprochenen Satz, in jedem angespielten Ton, egal wie unschön oder wie dumm er ist, ineinander auf. Eines bedarf des anderen. Geist-Klang-Dualismus wäre demnach, auch unaufhebbar, wabernder Quatsch.

Das kommt davon, wenn man geistig vom „Nicht-Sein“ lebt. In Sachen „Geist und Klang“ – war es vorhin nicht Klang und Zeit? egal – bemüht der Festredner, er war schon immer Spitze  in Fremdnutzungen, die „Grammatik der Schöpfung“ des laut Die Zeit „freien Geistes“ George Steiner. „Geformtes Sein beherbergt die Erinnerung, die immer begleitende Möglichkeit des Unerschaffenen“, hat der herausgefunden. Auf die Musik angewendet wäre das nach Steiner deren Rückkehr zu „erfülltem Verschwinden“. Man könnte stattdessen einfach sagen, Musik ist, wie Theater oder Tanz, eine flüchtige Kunst. Aber nein, im Geburtstagstext steht: „Bei Sokolov klingt die Möglichkeit des Nicht-Seins oder des Anders-Seins in geheimnisvoller Weise mit als Umgebung von Kontingenz um den hörbaren Sinn.“ Kontingenz? Eine Spezialität bürgerlicher Philosophie. Eine, wie es scheint, seit der Scholastik verschwindend kleine Wahrscheinlichkeit von etwas, eine „besonders offene Form der Möglichkeit“ (Wikipedia), leicht zu verwechseln mit der ähnlich problematischen Kontinenz, und weiter:„Wahrscheinlich ist es diese Erfahrung inniger Zuwendung, die Sinn schafft, Freiheit schenkt, zugleich aber eine immense Umgebungskontingenz mitschwingen lässt. Es ist das Innewerden einer Gehaltenheit ins Nichts, welche uns bis ins Mark erschüttert“. Genau. Eine Art Happy hour philosophischer Durchschüttelung. „Eine Zeit ohne Werke“, heißt es dann gipfelnd, „wäre leer, ein Werk ohne Zeit wäre tot“. Ein Autor ohne Boden unter den Füßen seines Kopfes aber, was wäre der? Für klassische Musik verantwortlich im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Junge Welt, Mai 2020

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