Falls es irgendjemand nicht wusste: es ging ihm von Anfang an nicht vorab um einen guten Platz in der Tabelle der Nations League. Das wäre in der nicht besten Situation aller Zeiten vermessen gewesen. Er nutzt den europäischen Nationen-Wettbewerb zu einer Art Massencasting (sportschau.de) zwecks Sichtung des Potentials.
Was die elf Besserverdiener im schwarz-weißen Trikot dann allerdings gegen Griechenland auf den Rasen brachten, machte zornig. Nicht auf den Trainer. Auf die Spieler. Die Abwehr – abgesehen von drei gefährlichen Patzern (deren einer dann auch zum Tor des Abends führte) – agierte vielversprechend, der Neuling Yan Aurel Bisseck, seit zwei Jahren Stammspieler bei Inter Mailand, hat nicht nur eine imposante Figur, er machte auch eine gute an diesem Abend, eine Wette auf die Zukunft der Abwehr.
Aber der Angriff. Das Beste, was von ihm noch zu sagen wäre: er fand nicht statt. Bis auf Kimmichs blitzgescheiten Steilpass aus der Abwehr heraus auf Adeyemi, und dessen Solo, mit dem Ball am Fuß, zwei Griechen durchs Mittelfeld enteilend (26.), rannte er als erster in die Box und allein auf den Torwart zu und – Barca hin, Dortmund her – versemmelte sanéartig. Wäre dieser Coup gelungen, das Spiel hätte einen anderen Verlauf genommen, alle Diskussionen wären anders gelaufen; Klopps Heiligenschein wäre ohne Kratzer geblieben.
Dass er aber schiefging, dieser Coup und keine weiteren Torszenen in der Box folgten, war typisch für die mentale Verfassung der deutschen Offensivabteilung. „Der Trainer hat sein Konzept. Wir versuchen es umzusetzen“, sagte hinterher Jonathan Tah, „wir werden es weiter versuchen“. Was man vielleicht übersieht: Ihnen stecken auch noch die alten Konzepte in den Knochen, Reste der Vor-Guardiola Epoche, zurück bis zu Jupp Derwall. Egal – was sie gegen Griechenland aufboten, war eine Art technisch ausgebuffter, energiegeladener Rumpelfußball – da präsentierte sich ein Torso, eine durch ein Paar als Hoffnungsträger überlastete Statisten in Mittelfeld und Sturm ergänzte nationale Hintermannschaft.
In den kurzen anderthalb Tagen Beisammensein vor dem ersten Spiel konnten sie offenbar nur das Defensivspiel durchnehmen – es ist für Klopp die Basis und der Ausgangspunkt für Dynamik und Tempo seiner Art von Angriffsspiel. Das Offensivverhalten ist offenbar erst nächstes Mal dran, gegen Serbien .

„Wir hatten zu viel Ballbesitz auch in Zonen, wo wir es nicht so sehr brauchen“, resümierte Torwart Alexander Nübel gefühlt hintersinnig. Für Schade, Mnecha, Conté und wer sonst noch fürs Mittelfeld verantwortlich war, war der Ballbesitz nicht der zündende Funke, er war das lähmende Moment: Tempo raus, quer oder zurück, kaum Bewegung Richtung Gegnertor, von Torhunger keine Spur. Lieber immer schön langsam durchs Mittelfeld, sicher ist sicher. Und bloß keine Verantwortung übernehmen, besser schnell abgeben. Ehe einer was falsch machte, machte er lieber gar nichts. Vom Sofa aus sagt sich das alles leicht, klar, aber die sich da Kritik gefallen lassen müssen, sind hochbezahlte, megatrainierte Vollprofis. Eine Qual, ihnen zuzusehen. Christos Tzolis, offensiver Außenbahn-Spieler der griechischen Mannschaft, traf im Interview lächelnd den Nagel auf den Kopf: „Sie hatten sehr viel Ballbesitz, aber sie wussten nichts mit dem Ball anzufangen.“
Bei den verbleibenden Einheiten in Herzogenaurach wird das Lernziel Angriff ganz oben stehen. Hoffen wir, dass alle die Ohren spitzen und höllisch aufpassen und dass sie auf dem Trainigsplatz die Sache mit den Schnittstellen, Laufwegen, Steckpässen, den gechipten oder langen Bällen, hinweg über den tiefen Block so einer humorlosen Viererkette – organisch mit der Arbeit gegen den Ball verbinden. Da wird sich doch irgendwann, wenigstens in Umrissen, nicht bloß ein Rumpf, sondern eine Spaß machende ganze Mannschaft erkennen lassen und sich zeigen und uns erfreuen. Damit wir gleich wieder zuversichtlicher an einen wie Jürgen Klopp glauben mögen.

