Rameau.Sound of Light.Currentzis.

Klassik sieht sich als „ernste“ Musik. Große Teile ihres Publikums strafen immer wieder alles, was  Spaß macht, gewohnheitsmäßig mit Verachtung. „Unterhaltung“, von Euripides bis Kafka, von Breughel bis Chaplin war in den Tempeln der Klassik lange Zeit ein Schimpfwort.

Schluss damit! sagte sich irgendwann der griechische Dirigent Teodor Currentzis. Wenn Unterhaltung im Lauf des 19. Jahrhunderts im Prozess wachsender Verwertungszwänge auch für die Musik mehr und mehr aus dem Zusammenhang von Kunst herausgelöst wurde, ist das nicht irreversibel. „Rockmusik findet sich nicht damit ab, dass sie in eine bestimmte Realität gestopft wird und nicht mehr herauskommt“, so der Grieche. Warum soll sich die Klassik damit abfinden?

Entgegen Neigungen, Barockmusik infolge eines allzu gotteslastigen Bachbildes bevorzugt für Kirchenmusik zu halten, klingen uns in Currentzis’ neuer Rameau-CD Lied und Tanz in den Ohren als wahrhaft heilige Wunder des Diesseits. Statt hehrer Chöre und strengem Kontrapunkt begegnete den Kulturbesitzern des Barock, da sie auf Wirtshäuser verzichten konnten, derlei vor allem in der Oper.

So geht es auf der CD im Opern-Ballett „Les Fetes d’Hébé“ in der langsamen Einleitung, erotisch verhalten, in glühend dunklen Farben los. Dann bricht zu Ehren der Terpsichore eine Musette aus. Terpsichore, sagt Wikipedia über eine der neun Musentöchter des Zeus, ist die „Reigenfrohe“, die „Tanzfreudige“.

Farben, man denke an die Bilder Frans Hals’ oder Nicolas Poussins, spielen nicht nur in den Gemälden des Barock eine Rolle. Currentzis erleuchtet sie auch in der Musik. Im magischen Liegeton der Streicher anfangs der Szene II/IV von „Platée“ etwa sind, Currentzis sorgt dafür, György Ligetis farbig atmende Tonflächen vorweg genommen.

Das Barock nimmt sich auch – per Genreszene oder bukolischem Idyll – den nichtgöttlichen, nichtadeligen Menschen und seine Lebenswelt zum Gegenstand. Im sechsten der „Six Concerts“, bringen Rameau und die Holzbläser von Currentzis’ fabelhaftem Orchester musicAeterna – lange vor Haydns Sinfonie „La Poule“ – ein glucksendes, Würmer pickendes Huhn vor die Ohren. Und wenn die Sopranistin Nadine Koutcher im zweiten Akt von „Platée“ mit dem Singen beginnt, ist es mehr ein Sprechen und Keifen, sie gurgelt und grimassiert mit der Stimme, gackert in den Koloraturen, klar, sie stellt eine dumme Gans vor. Und im Rondeau aus „Les Sauvages“ stampft der Tanz so vital auf die Eins im Vierertakt, dass man ahnt, wie leicht es den   Militaristen gefallen sein mag, sich die Musik in Form des Parademarschs einzuverleiben.

Die Streicher in der Ouvertüre zu „Zoroastre“ klingen mit packenden Springbögen wie Schlagwerk. Zusammen mit dem Blech sausen sie in der sinfonischen Eröffnung von „Nais“ durch herrlich schräg harmonisierte Synkopen einer kontrapunktisch zerklüfteten Partitur; Carl Philipp Emanuel Bach, der älteste Sohn des heiligen Sebastian, ist auf diesen Wegen weitergeschritten. In der abschließenden Air aus „Castor et Pollux“ tönen die Streicher, die konzertierenden Hörner und schließlich der engelgleich von Vibrato befreite Sopran eichendorffumwaldet und weberisch wie deutsche Romantik.

Schön, dass es ein junger Grieche ist, der da die Klassik neu erfindet. Griechenland scheint derzeit am Zug*. Zumindest Teodor Currentzis hat große Chancen, am Zug zu bleiben.      Junge Welt, März 2015

Jean-Philippe Rameau: THE SOUND OF LIGHT – Nadine Koutcher / Alexei Svtov / MusicAeterna / Teodor Currentzis (Sony Classical)

* Der Text wurde zur Zeit des Aufbruchs der griechischen Linkspartei SYRIZA geschrieben, als der im weiteren Verlauf von der EU domestizierte Alexis Zipras noch der Held der europäischen Linken war.

Wer Teodor Currentzis entzaubert erleben möchte, durchschaut bis auf die Knochen, lese Jan Brachmann in der FAZ. Oder mich über Brachmann ->

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