Saisonstart 2022/23. Ensemble Resonanz.

Prohaska und Minasi

Saisonauftakt. Das Ensemble Resonanz holt Luft, ohne Maske. Dass es inzwischen zur Normalität gehört, wenn das Residenzorchester des kleinen Saals der Elbphilharmonie auch im großen Saal auftritt, verweist auf die immer noch wachsende Bedeutung dieses Elite-Kammerensembles der Hansestadt.

Auch der Anspruch wächst. Unter dem Motto »höre, was Du hier nicht siehst« hat sich die Gruppe in der Spielzeit 2022/23 vorgenommen, die der Musik aufgrund ihrer einzigartigen Möglichkeiten der Codierung von Bedeutungen und Gehalten spezifische Uneindeutigkeit zu erkunden.

Dabei bleibt sich das Ensemble treu. Es vermeidet Schritt für Schritt programmatisch die Wege eines konventionellen Klassikbetriebs, dessen Spuren – bei extremer äußerer Glätte und Exzellenzakrobatik – so ausgetreten sind, dass es meist schon eine arge Langeweile ist, so einem Klassikkonzert beizuwohnen.

Am Mittwochabend war ein Klangkörper zu erleben, der die Bühne zwanglos im freilich immer noch obligaten Schwarz nicht zunächst ohne einen Dirigenten betrat, der dann, nach einer erwartungsvoll gespannten Pause üblicherweise unter Applaus nachfolgt.  Riccardo Minasi kam an der Spitze seiner Musiker relativ entspannt herausgeschlendert, hielt nichts vom Bad im Beifallsgeprassel und legte nach kurzer Verbeugung los.

Allegro-Beginn „Haffner Sinfonie“ KV 385. Man hört ihr an: ganz knapp noch nicht der „große“ Mozart (1756-1791). Aber schon der Schöpfer des Idomeneo und der Entführung; ein 26jähriger, den die Arbeit mit dem    Mannheimer, späteren Münchner Hoforchester über Samartini und den frühen Haydn schon weit hinaus getragen hat zu einer innovativen Behandlung der Struktur und Dynamik des Orchesterklangs. In die vier Sinfoniesätze Mozarts in wohlüberlegtem Wechsel eingeflochten, mit ihnen zusammen in den Ablauf der Dramaturgie eines neuartigen Konzertabends gebracht: die sechs Sätze der Lyrischen Suite Alban Bergs (1885-1935), dazwischen mit vier Arien noch ein Querschnitt durchs Opernschaffen Mozarts.

So hat man schon zur Beethovenzeit Programme gebaut. Wäre zu hoffen, dass bemerkenswerte Teile des Hamburger Publikums sich, wie die Leute damals, aufs produktive Glatteis aufmerksamen Hinhörens und offener Fragen einließen: Was an Mozarts Musik ist anders als an der Alban Bergs? Hört eins dieselben Gefühle und wenn ja, welche? Oder die ganz einfache Frage, die sich auftut, wenn die gewohnten Abläufe weg sind: Was um Himmels willen kommt jetzt?

Manch eines wird sich gewundert haben an diesem Abend. Wie verblüffend, im Wortsinn stimmig etwa Bergs Andante amoroso (man hatte die Reihenfolge kurzfristig vertauscht) geradezu überging ins Andante der Haffner Sinfonie. Wie Bergs Presto delirando – schon der Titel legt es nahe – die berühmte Arie der sich vor lauter Liebestreue in einen moralischen Leuchtfelsen verwandelnden Fiordiligi aus Cosi fan tutte vorab rein nervlich schon geradezu antriggert. Anna Prohaska als Diva des Abends war eine stimmlich duftend gartentaugliche (bei der Musik!) Figaro-Susanna, eine in moralischen Koloraturen trefflich rasende Fiordiligi, eine – vorbereitet von Bergs herzzerreißendem Largo desolato – mit der dunkelfröhlichen Bassklarinettenbegleitung warm und spielerisch harmonierende Vitelia aus La Clemenza di Tito. Allein die Traurigkeit der Konstanze aus der Entführung wollte nicht einleuchten. Das gebrochene Verhältnis der Oberklassenmitglieder zu ihren Gefühlen glaubhaft darzustellen, ist sängerisch nicht leicht, selbst Mozart hatte komponierend Probleme damit; noch Pamina in der Zauberflöte findet das Leben in sich am Ende nur im Hinblick auf ihren Freitod, respektive im Duett mit Papageno, dem Helden der Unterklasse.

Beim Hören solcher Programmierungen ergeben sich Fragen: Wie etwa handeln Mozart und Berg über gut ein Jahrhundert hinweg so etwas wie „Intimität“ ab. Die Intimität der von Susanna in ihrer „Gartenarie“ listig versteckten Liebesbotschaft an den im Gartendunkel gewussten Titelhelden dieser Mozartoper löst sich melodisch unfassbar glückselig in den Charakteren beider Liebenden auf.

Alban Berg

Auch Bergs Musik ist intim. Aber gebrochen in ihrem Verhältnis zur Form und zum Gehalt. Seine Klage, sein Schmerz, sein Liebestoben – der biografische Anlass der Arbeit war eine, infolge schon vorhandener Lebenspartner uneinlösbare Liaison – sprechen sich auch in seiner Musik aus. Auch das imaginäre Eintauchen ins Liebeserlebnis mit der Unerreichbaren wird Berg, etwa im Adagio appassionato zu von Leidenschaft durchpulstem Klang. Das rätselhafte Allegro misterioso mit dem chromatischen Gewisper der sordinierten Streicher, mit ihrem Pizzikatofeinstgewebe – kontrapunktische Schreibweise, beim mittleren Mozart noch zurückgehalten, wird von Alban Berg in dauernd vielfach geteilten Streichern, oft auf engstem Raum unfassbar detailliert ins Extrem einer raffinierten Polyphonie getrieben.

Übers „Undefinierbare“, den unverzichtbaren Rest jeder großen und besonders der musikalischen Kunst, war ansonsten im wie immer vorzüglichen Programmheft des Ensembles leider nichts weiter zu erfahren. Schade. Aber dafür gab’s ja beim Hören diesbezüglich viel zu sinnieren. junge Welt, September 2022

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