Beethoven.Sinfonie Nr. 7.Von der Goltz.FBO

Schon wieder Beethoven. Es ist aber auch. Aber was kann einer, der CDs bespricht, in Zeiten, da immer noch eine neue, umwerfende Beethoven-Aufnahme auf den Markt drängt, anders tun, als reagieren.

Nun also die Siebte. Wieder beim Lable Harmonia Mundi France. Wieder besetzt mit dem fabelhaften Freiburger Barockorchester (FBO), diesmal indes weder unter Stabführung des spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado noch des Belgiers René Jacobs, sondern unter Leitung des ensembleeigenen Konzertmeisters Gottfried van der Goltz. Der leitete das FBO schon vor zwanzig Jahren vom Pult aus. Aber eben „nur“ Barock. Dann zögernd auch Haydn, Mozart. Er spielt NB die Geige so exzellent, dass eine maßstäbliche Aufnahme der Partiten und Sonaten Bachs aus seinen Händen vorliegt. Bei Haydn und Mozart traute er sich bislang eher nicht an die großen Brocken. Seine Aufnahme der ganz frühen Mozartsinfonien oder die Sinfonie Concertante der Pariser Jahre gehören für mich gleichwohl zum Besten, was ich von diesem Repertoire an Reproduktionen kenne.

Das größte Problem dieses Freiburger Ausnahmemusikers scheint zu sein, wenn ich das sagen darf, dass er sich sein beeindruckendes Niveau irgendwie nicht glaubt. Nun ist das vielleicht viel schwieriger, als sich das einer wie ich vorstellt. Von der Goltz macht seinen Job aber auch zu gut. Er verwandelt mit dem FBO das Wort „Klangkörper“ ins Erlebnis eines lebendigen Organismus aus Klangmaterie, Klangfarben und Bewegung. Der Klangkörper kann wunderbar atmen mit ihm. Atmen bei Beethoven?  Im Kopfsatz der Siebten entfaltet sich, bevor mehr und mehr der Rhythmus als das Bestimmende hervortritt, eine Haltung atmenden Umblicks. Von Tuttischlägen angestoßen, blicken nacheinander Oboe, Klarinette und Horn in langen Kantilenen über die Welt. Dann steigen von unten crescendierend in den von Beethoven offenbar geliebten Staccato-Tonleitern die Streicher herauf und bringen eine rhythmisch charakteristische Dynamik ins Spiel, die sich zu großer Kraft aufbaut. Atem und Kantilenen mischen sich immer wieder ein, sie sind die Antithese zur großen Kraft. Wenn die extrem lange und eigenständige Einleitung vorüber ist, leitet Beethoven faszinierend vertrackt ins schnelle Tempo eines, den ganzen Satz dominierenden, geradezu monorhythmischen Fanals über. Keine, wie Wagner meinte, „Apotheose des Tanzes“, ein eher – vom FBO so inszeniert – tänzerisches Stürmen auf etwas hin, so gewaltig, dass man mit Majakowski in diesem Fall über Beethoven sagen möchte: Er rührte in der Siebten an den Schlaf der Welt, als wollte er eine träge im Jetzt verharrende Mitwelt mitreißen ins Offene.

Auch das scharf skandierte Dahineilen stellen die Freiburger Musiker, inspiriert von von der Goltz, mehr feinnervig als, wie so oft, pompös dar. Die Tuttischläge der Streicher kommen wie Paukenschläge (und oft zugleich mit Pauken und Trompeten), exakt und druckvoll elastisch. Der klingende Körper des FBO dabei stets durchhörbar.

Die Siebte war bislang in der Reihe der „ungeraden“ Sinfonien Beethovens, seiner Weltanschauungs-Sinfonien, als die unspektakulärste angesehen. Auf eine feinsinnig mitreißende Weise machen Gottfried von der Goltz und die Seinen in dieser Neuaufnahme klar, dass auch die Siebte in die Reihe gehört. Der Katalog an Siebte-Aufnahmen ist riesig. Eins darf sich freuen auf alles, dem sich von der Goltz an größeren Brocken künftig noch zuwenden wird. Junge Welt, April 2021

Beethoven: Sinfonie A Nr. 7 op. 92; Die Geschöpfe des Prometheus op. 43 – Freiburger Barockorchester / Gottfried von der Goltz (Hamrmonia Mundi France)

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