Beethoven liest

 

So hell Ludwig van Beethovens Stern leuchtet, so weit im Dunkel liegt seine Bonner Kindheit und Jugend. Selbst auf das Geburtsdatum im Dezember 1770 ist kein Verlass. Die Grundschule besuchte er für drei, vielleicht vier Jahre. So war Schreiben für ihn zeitlebens ein Problem. Im Rechnen kam er über einfachste Multiplikationen nicht hinaus. Und nur das Lesen fiel ihm leicht. Er begann früh damit, war geistig früh geprägt und hörte, in bis zuletzt wachsendem Umfang, nicht mehr auf mit dem Lesen. „Der beste Weg, sich die Gedanken- und Geisteswelt eines Menschen zu vergegenwärtigen (ist) es, seine Bibliothek zu rekonstruieren“, zitiert Mitherausgeberin Julia Ronge im 28. Band der Schriften zur Beethoven-Forschung „Beethoven liest“ die Romanautorin Marguerite Yourcenar. Das vom Beethoven-Haus in Kooperation mit der seit Dezember 1787 bestehenden Bonner Lese- und Erholungsgesellschaft herausgegebene Buch basiert auf einer Vortragsreihe. Ihre Akteure haben sich die Erforschung der in Beethovens letzter Wohnung im Wiener Schwarzspanierhaus vorgefundenen Bände zur Aufgabe gemacht.

„Ohne auch nur im mindesten Anspruch auf eigentliche Gelehrsamkeit zu machen“, schreibt der 39-jährige Komponist selbstbewusst in einem Brief, „habe ich mich doch bestrebt von Kindheit an, den Sinn der Bessern und Weisen jedes Zeitalters zu fassen. Schande für einen Künstler, der es nicht für (seine) Schuldigkeit hält, es hierin nicht wenigstens so weit zu bringen“. Er hat es weiter gebracht. Seine überragende Bedeutung in der Musik des Abendlands ergibt sich, auch darin war er Bahn brechend, nicht nur aus dem von ihm geschaffenen Werk. Sie resultiert auch aus einem – wie alles an Beethoven – außergewöhnlichen, ihn mit seiner Zeit dynamisch verbindenden, brennenden und Partei ergreifenden geistig-künstlerischen Interesse am Zustand der Welt. Medien dafür waren, neben den Menschen seiner grundstürzenden Epoche, ihre Bücher und Presseerzeugnisse.

Partei ergreifen, das war in einer Epoche, in der es Parteien noch nicht gab, nur im übertragenen Sinn möglich. Etwa dadurch, dass man durch die Wahl der Dichter und Philosophen, die man las, zu erkennen gab, wes Geistes Kind man war und wo in den politischen Kämpfen der Zeit man stand. In ihnen ging es, ganz wie heute, im Kern um den Konflikt der Unteren gegen die Oberen, der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter. In Frankreich zum Beispiel waren das zur Zeit der Kindheit Beethovens 23 Millionen Untere gegen 400000 Aristokraten. Alexander Wolfshohl und Geert Müller-Gerbes machen im einleitenden Gespräch zum Thema „Beethoven liest Schiller“ darauf aufmerksam, dass dieser Autor im Hinblick besonders auf die rebellischen bis aufrührerischen Stücke seiner Jugend zur Zeit Beethovens für die Bekundung einer politischen Gesinnung nicht nur im deutschen Sprachraum von überragender Bedeutung war. Die aus der Revolution hervorgegangene französische Nationalversammlung ernannte Schiller 1792 zum „Bürger Frankreichs“.

Kurfürst Maximilian Franz

Das war der vorläufige Endpunkt einer geschichtlichen Entwicklungsetappe des europäischen Bürgertums, die mit dem von Schiller nicht unwesentlich mit angeheizten „Sturm und Drang“ begann. Der wiederum war einer von vielen Trieben der Aufklärung. Beethoven wuchs in der Bonner Residenz des Kölner Kurfürsten Maximilian Franz auf, eines Bruders des aufgeklärt-despotischen Wiener Kaisers Joseph II., den Max Franz in Bonn kulturell und atmosphärisch zu kopieren versuchte. So weisen Müller-Gerbes und Wolfshohl darauf hin, dass ein Jahr vor dem der Nachwelt viel bekannteren Mannheimer Nationaltheater das Bonner Nationaltheater seine Türen öffnete. Die Gründung von die deutsche Sprache bevorzugenden Nationaltheatern war damals Ausdruck wachsender Distanz von den das aristokratische Französisch und das vom Volk dito nicht verstandene Italienisch pflegenden Hoftheatern und Hofopern. Im zeitweilig dem gebildeten Publikum sogar kostenlosen Zutritt gewährenden Bonner Nationaltheater fand 1783 die Welturaufführung von Schillers „Fiesco“ statt; ein Jahr zuvor gingen „Die Räuber“ über die kurfürstliche Bühne. Beide Dramen widerständiges Theater der Aufklärung und Ausdruck einer sich aus ihr in Teilen der Gebildeten entwickelnden, in Deutschland weitgehend nur „im Luftreich des Traums“ (Heine) geglückten Rebellion. Der blutjunge Hoforganist Beethoven ging mit dreizehn vermutlich noch nicht ins Theater. Aber die Aufregung, die solche Werke unter den Bürgern der 1783 etwa 9600 Einwohner zählenden Residenz hervorriefen dürfte er bemerkt haben.

Schon der 23-Jährige, so Müller-Gerbes und Wolfshohl, hat sich erstmals kompositorisch mit der für Schillers eigene politische Entwicklung recht symptomatischen Ode an die Freude beschäftigt. In einem Brief weist der Schillerfreund Bartholomäus Fischenich das Ehepaar Schiller 1793 auf einen „jungen Mann (hin), deßen musikalische Talente allgemein gerühmt werden (…). Er wird auch Schillers Freude und zwar jede Strophe bearbeiten. Ich erwarte etwas vollkommenes denn so viel ich ihn kenne, ist er ganz für das Große und Erhabene“. Erste Hinweise darauf, dass Beethoven sich fast lebenslang begeistert nicht nur allgemein mit Schillers Dramen, sondern ganz speziell mit der Ode beschäftigt hat, finden sich zwar erst im Wiener Skizzenbuch von 1798. Manches deutet aber darauf hin, dass der frühe Schiller – mit Ode-Zeilen wie den folgenden von 1785 – bereits dem jungen Beethoven und seinem dissidenziellen Bonner Freundeskreis aus dem Herzen sprach:

Männerstolz vor Königsthronen –

Brüder, gält es Gut und Blut, –

Dem Verdienste seine Kronen,

Untergang der Lügenbrut!  

Dass der Dichter so etwas noch bei der Wiederveröffentlichung 1803 nicht änderte, dem Text allerdings ein Jahr darauf, kurz vor seinem Tod, dann doch – sozialdemokratische Staatstreue vorweg übend – das Aufbegehrende nahm, führt Alexander Wolfshohl auf Schillers „Erfahrungen des Revolutionsjahrzehnts“ zurück. Mit solchen Formulierungen meint bürgerliche Geschichtsschreibung durchweg den Terreur während der Jakobinerherrschaft nach 1792. Frankreich war zu der Zeit – wie bei Revolutionen üblich – von oben bis unten von konterrevolutionären Truppen besetzt, Staatsbankrott und Hungersnot drohten. Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat angemerkt, dass nach dem Terror Robbespierres alle Fremdsoldaten vertrieben, die Hungersnot beseitigt und die Währung so stabil war, wie in Frankreich danach nie wieder. Und während die Erwähnung der 17000 Guillotine-Opfer aufseiten der Aristokratie bis heute dazu dienen, die Revolution generell zu diskreditieren, ja mit ihr identifiziert zu werden, ist von den 70000 Opfern des konterrevolutionären Massakers nach Ende der Pariser Kommune – um nur ein Beispiel von sehr vielen zu nennen – in der bürgerlichen Historiografie, soweit ich feststellen kann, nirgends die Rede.

Als Beethoven Schillers Ode Anfang der 1820er Jahre für den heute geradezu populären Schlusschor der 9. Sinfonie verwendete, findet sich darin vom rebellischen Geist des ursprünglichen Textes nichts mehr. Selbst geistig kleine Lichter wie Hitler und Goebbels haben sich, wenn auch wohl nur widerwillig, mit dieser Hymne des Humanismus schmücken können. Die Ode wurde zum Soundtrack der Annexion des Staates DDR, ja zur offiziellen Hymne des neoliberal gekaperten Europa. Wolfshohl führt Beethovens defensiven Umgang mit dem Text aufs „politische Klima nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819“ zurück, das heißt, aufs Wirken des metternichschen Überwachungsterrors. Die Zitate der Musik französischer Revolutionsarmeen im selben Schlusschor legen eine zweite Spur: Die politischen Sympathien auch noch des letzten Beethoven galten revolutionären Ideen; nur braucht man zur Feststellung entsprechender Töne Voraussetzungen, die den Bütteln der Obrigkeit meist abgehen, so etwas ist schwerer zu kriminalisieren als aufmüpfige Reime.

Johann Gottfried Seume

Alexander Wolfshohl führt in seinem Einzel-Vortrag „Beethoven liest Autoren und Texte mit Bezug zu Religion und Theologie“ in einem dem 21. Jahrhundert näheren Sinn politische Bücher wie Johann Gottfried Seumes „Spaziergang nach Syrakus“ oder seine „Apokryphen“ an, wobei man sich natürlich fragt, was gerade dieser Autor unter dem Label Religion und Theologie zu suchen hat. Denn Seume-Zitate wie „Blödsinn und Eigennutz haben die Privilegien erschaffen und Schwachheit und Leidenschaft verewigen beides“ klingen so wenig nach Theologie wie etwa seine Feststellung, dass „Edel-Sein und Adel nicht zusammenfallen“. Der in dem Buch eigens Seume gewidmete Beitrag „Et lector in Europa Ego“ von Matthias Sträßner erzählt ausführlich und interessant über Seumes abenteuerlich-abwechslungsreiches Leben, bekommt am Ende aber die Kurve zu Beethoven nur recht unvollkommen. Wie auch immer, fünf der Bände aus der Bibliothek des Komponisten verschwanden gleich nach ihrer Erfassung in den Kellern der Polizeibehörden.

Beethoven las neben Schiller und Goethe auch andere deutschsprachige Literaturprominente seiner Zeit wie Kloppstock, Herder oder Gellert, in Übersetzungen hatte er Shakesspeare und die antiken Klassiker im Haus. Seinerzeit beliebte „Erbauungsliteratur“ wie Christoph Christian Sturms „Betrachtungen der Werke Gottes im Reiche der Natur“ oder Christoph August Tiedges „Urania“ fanden sein Interesse ebenso wie – Beethoven war häufig krank – Lilienthals „Ideen zu einer Diätik für die Einwohner Wiens“; sein Eifer, Versäumtes nachzuholen ließ ihn sogar zu Fergars „Kleinem poetischen Hand-Apparat; oder die Kunst, in zwey Stunden ein Dichter zu werden“ greifen.

um 1800

Von zentraler Wichtigkeit für den Kampf um die Lufthoheit in den Köpfen stand am Beginn des 19. Jahrhunderts die Frage nach dem Verhältnis zu Gott. Es gibt in Beethovens Tagebuch ein von allen Seiten immer wieder gern beanspruchtes Zitat: „Der bestirnte Himmel über uns, und das Sittengesetz in uns, Kant!!!“ lautet es. In „Beethoven liest“ beleuchten aus je verschiedenen Perspektiven mit Alexander Wolfshohl, Bernhard R. Appel und Franz Michael Maier gleich drei Autoren Beethovens Umgang mit dem infolge der Aufklärung vom Dogma zur offenen Frage mutierten Christen-Gott und Kants Rolle dabei.

Kant wurde von den Herrschenden mit voller Berechtigung verachtet. Man las ihn als Erzdissidenten. Franz Michael Maier hat eine Stelle aus der Haydn-Biografie Guiseppe Carpanis ausgegraben, wo der Italiener von Beethoven als von dem „Kant der Musik“ spricht. Maiers höchst anregender Text klärt darüber auf, dass Beethoven das Kant-Zitat in der von ihm gern gelesenen, in der „Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode“ veröffentlichten Artikelserie „Kosmologische Betrachtungen“ des Direktors der Wiener Sternwarte, Joseph Johann Littrow (1781-1840) fand, ein später nicht unbedeutender Astronom. Littrow drehte Kants Sätze aus dem „Beschluß“ der „Kritik der praktischen Vernunft“ von 1788 zitierend allerdings um: Aus Kants „Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir“ wurde bei Littrow „Das moralische Gesetz in uns, und der gestirnte Himmel über uns“. Kants „Ich“, so Maier in einer schönen Passage, sei „das Ich des empfindsamen Jahrhunderts. Dieses Ich hat durch Rousseau Confessions gelernt, auf seine innere Stimme zu hören, es hat durch die Briefe Friedrich Heinrich Jacobis zu fühlen und durch Goethes Werther zu schluchzen gelernt“. Mit Kant, der als junger Mann in seiner „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ den Himmel naturwissenschaftlich entzauberte, ohne sich von Gott zu verabschieden, wozu er sich erst 1755 durch den Schock des Erdbebens von Lissabon veranlasst sah, setzte das bürgerliche Ich sich selbst an die vormals im abendländischen Weltbild zentrale Stelle Gottes; der Weg zu Feuerbach und später Freud war frei (der zu Hegel und Marx in dialektischer Orientierung auf historisch-materialistische Objektivität auch). Littrows Texte traten gegen die progressive Hegemonie des Subjekts auf. Die „Umformung des Kantischen Zitats“, so Maier, „ist eine Distanzierung von der Philosophie der Zeit“. Dass Beethoven Kant nach Littrow und nicht nach Kant zitiert, könnte eine durch Metternichs Repression motivierte Vorsichtsmaßnahme gewesen sein. Was er, außer der Allgemeinen Naturgeschichte“, von Kant verstanden und gelesen hat, wissen wir nicht. Sein Lebens- und Arbeitsethos aber war praktizierte, genuin Kantische Philosophie.

Aufschlussreich erinnert Bernhard R. Appels in „Beethoven und die indische Geisteswelt“ im Anschluss an Maier und Wolfshohl an die Quellen, aus denen die der mittelalterlichen Gottgewissheit beraubten Denker und Künstler der Beethovenzeit die Lücke füllten, ein kreativer, poetischer Prozess. Gott wird in dieser Zeit vom geistigen Körperteil zur mehr oder minder frei gewählten und ausgestalteten Weltanschauung. Wie Goethe (West-östlicher Divan), Humboldt, Herder und viele andere liest auch der „aufgeklärte, kirchenferne Katholik Beethoven“ (Appel) Morgenländisches, so der zeitgenössische Begriff für alles Exotische vom vorderen Orient bis nach Indien. Eine wahre Fundgrube für Beethoven war in dieser Hinsicht offenbar das „Taschenbuch der Reisen“ des Geographen und Biologen Eberhard August Wilhelm Zimmermann (1743-1815). Die Exzerpte in Beethovens Tagebuch deuten auf die Neigung, das, was künftig unter Gott zu verstehen wäre, dem Erlebnis der Natur (die Sonne, der Wald, die Riesengipfel), der Welt der Menschen (die Liebe) oder der Dinge (sakrale Kunst) zu entnehmen. Gott wird zum pantheistisch oder sonst wie immanent erlebten Gleichnis, die fern- oder nahöstlichen Dichter und Philosophen geben Beispiele. Anstelle seiner grandiosen „Missa solemnis“ hatte Beethoven ursprünglich die Absicht, einen „indischen Chor religiösen Sinns“ zu komponieren. Appel weist in diesem Zusammenhang auf die enorme Bedeutung der, auch von Beethoven bewunderten indischen, von Georg Forster (aus dem Englischen) ins Deutsche übersetzten Nationaldichtung „Shakuntala“ hin, für die gebildeten Europäer eine Sensation und ein Muss. Wie ein heilsamer Schock wirkte das indische Wunderwerk auf die helleren Köpfe Europas. Denn ab nun war nicht mehr der „alte Kontinent“ Ursprung und Zentrum alles Geistig-Kulturellen in der Welt. Das „Klischee wilder, rauer und kulturferner asiatischer Völker“ (Appel) wird künftig nur noch von Geisteszwergen wie Kaiser Wilhelm II. und anderen AfD-Vorfahren aufrechterhalten. Beethovens Zeilen aus dem Schlusschor der neunten Sinfonie – „diesen Kuss der ganzen Welt“ – bekommen, auf diese Weise anti-kolonial erleuchtet, einen geradezu  internationalistischen Klang.

August von Kotzebue

In ihrem lesenswerten Text „Beethoven liest August von Kotzebue, Vom Adel“ untersucht Martella Gutiérrez-Denhoff, seit 1989 Leiterin des Kammermusiksaals im Beethovenhaus, Beethovens – für einen revolutionär denkenden Menschen (Frau Gutierrez spricht von „republikanisch“) ja nicht ganz unwichtiges – Verhältnis zur Wiener Aristokratie. Sie arbeitet dessen Ambivalenz heraus. So wurde er für die Widmung der 9. Sinfonie an den Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. mit einem minderwertigen Ring belohnt. Der Freund Karl Holz, als er hörte, Beethoven wolle dieses „Honorar“ schnöde weggeben, wies darauf hin, der Ring käme immerhin von einem König. „Ich bin selbst ein König!“ fuhr Beethoven auf. Als aber ein französisches Musiklexikon ihn rätselhaft als uneheliches Kind eben dieses Preußenherrschers auswies, hat er nie protestiert; der Fehler wurde erst 1833 (sechs Jahre nach Beethovens Tod) in der 8. Auflage korrigiert. Auch ist Beethoven adelsgeilen Missdeutungen des „van“ vor seinem Namen nie entgegengetreten. Allerdings, die sein explizit bürgerlich-revolutionäres Selbstbewusstsein, gepaart mit großer Empfindlichkeit gegenüber adeliger Arroganz zum Ausdruck bringenden Anekdoten und Begebenheiten sind deutlich in der Überzahl. Gutierrez-Denhof vergleicht Beethovens Ambivalenz mit der Ambivalenz des Dichters August von Kotzebue, indem sie den Komponisten fiktiv Kotzebues Betrachtung „Vom Adel“ lesen und gedanklich abwägen lässt. Kotzebues Ambivalenz, so ihr Fazit, unterschied sich in ihrem opportunistischen Ehrgeiz, ihrer Geschäftstüchtigkeit deutlich von Beethovens Haltung, die letztlich geprägt war von der in allen Belangen eingelösten Verpflichtung einem von Menschenfreundlichkeit, Großmut und Genie erfüllten Großwerk gegenüber.

Schöne Beispiele dafür, dass die gründliche Recherche auch bei Wissenschaftlern nebenbei oft überraschende Funde zutage fördert, liefert schließlich Julia Ronges Beitrag „Beethoven liest musiktheoretische Fachliteratur“. Für Nichtfachleute vielleicht weniger interessant die von ihr untersuchte Kernfrage, ob Beethovens Beschäftigung mit theoretischen Klassikern wie Carl Philipp Emanuel Bachs „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“ oder Daniel Gottlob Türks „Kurze Anweisung zum Generalbaßspielen“ aus Exzerpten bestand oder aus Studien und ob der Tonsetzer sich um dergleichen schon in seiner frühen Wiener Zeit bemühte oder, wie der Beethovenforscher Gustav Nottebohm meinte, erst 1809. Nottebohm entdeckte am Rand eines Exzerptblattes eine Notiz Beethovens. Dort bemerkt der Musiker ungehalten, dass alle Wiener Wohnungsmieten von 101 Gulden bis 1000 Gulden von den französischen Besatzungstruppen zur Begleichung der Kriegskosten mit einer Zwangssteuer in Höhe von 25 Prozent belegt wurden. Die Maßnahme kam am 28. Juli 1809 heraus. Damit konnten Beethovens Exzerpte nicht schon 1793 entstanden sein. Zugleich wusste man ab nun aber auch, warum Beethoven um 1809 kurzzeitig nicht gut auf den von ihm ansonsten fast durchweg bewunderten Napoleon zu sprechen war. Auch aus Ronges fundiert belegten Zweifeln an der These, der Anlass für Beethovens theoretische Bemühungen sei sein Edel-Schüler Erzherzog Rudolph gewesen, ergeben sich zwei bislang noch kaum verbreitete Schlussfolgerungen: Das Verhältnis des Komponisten zum jüngsten Kaiserbruder, dem er eine Vielzahl wichtiger Werke widmete, war die längste Zeit kaum von echter Freundschaft geprägt, eher von der Abhängigkeit eines Untertanen. Und Beethovens theoretische Arbeiten beschränkten sich nicht, wie von vielen bisher vermutet, auf seine Zeit als Lehrer Rudolphs – er betrieb sie lebenslang. Lustig auch Ronges Entdeckung, dass der oft auf seine Kopisten schimpfende Beethoven selbst beim Notenabschreiben peinlich viele Fehler machte. Und mit Hilfe des wissenschaftlichen Spürsinns dieser Autorin erhaschen wir einen direkten Blick auf Beethovens Rechenkünste. Sie fand einen Zettel mit Geldrechnungen. Die Multiplikation 4 x 36 löste der Gigant, indem er die 36 viermal untereinander schrieb und alles addierte.

In den in „Beethoven liest“ versammelten Texten geht aus der Geistes- und Gedankenwelt des großen Tonsetzers viel vom geschichtlich-gesellschaftlichen Hintergrund der Menschheits-Musik Beethovens hervor; auch das öffnet Wege zu ihrem Verständnis. Mit Beethoven, das wird vielschichtig klar, betritt erstmals eine deutlich progressive Variante des bürgerlichen Ich die Bühne der Musik.  Junge Welt, Dezember 2017

Appel/Ronge (Hg.): Beethoven liest. Beethoven-Haus Bonn. 2016

 

nach oben