Currentzis in Perm 2014

Für eine Millionenstadt ist der Flugplatz von Perm winzig. Es ist dunkel, Temperaturen um den Nullpunkt. Den Leuten aus Mitteleuropa, die da in noch ungewohnter Winterkleidung ihre Rollkoffer durch die kleine Empfangshalle ziehen, fällt kaum auf, dass sie vier Stunden zusätzlich auf der Uhr haben. Sie werden es bald merken.

Jetlag am Westrand Sibiriens. Das Frühstück im Riesenhotel “Ural” am nächsten Morgen besteht aus fettig Gebratenem, allerlei Grützen und zwiebelstarrenden Salaten. Fünf Minuten sind es die Ulitsa Lenina hinauf bis zur Oper. Dreizehn Uhr. Die Musiker auf der Bühne des klassizistischen Zuschauerraums sind schon am Stimmen. Zwischen den Pulten und Stühlen überall Kabel und Mikrophone. Die Opernbühne ein Studio. Teodor Currentzis, seine Sänger und sein Ensemble MusicAeterna nehmen hier als letzte der drei Da-Ponte-Opern Mozarts »Don Giovanni« auf.

Er wurde 1972 in Athen geboren, studierte beim seinerzeit bedeutendsten Dirigentenlehrer Ilja Musin in St. Petersburg. Anders als Musin-Meisterschüler wie Gergiev oder Bychkov machte der junge Grieche schon zu Studienzeiten durch spektakuläre Opernaufführungen für Schwerkranke und Avantgarde-Konzerte im musikkonservativen Moskau auf sich aufmerksam. Die Türen öffneten sich weltweit für den jungen Wilden.  Er wurde Operndirektor in Nowosibirsk. Dort scharte er das bevorzugt auf alten Instrumenten spielende Ensemble MusicAeterna samt Chor um sich und zog, nachdem er 2011 in Perm utopische Arbeitsbedingungen herausverhandelt hatte, mit seinen Getreuen in den über hundertjährigen Operntheaterbau im kleinen alten Park an der  Ulitsa Lenina um.

Dort haben sie gerade Stress. Es wird nicht chronologisch aufgenommen und Mozart instrumentierte in seinen Opern nicht alle Nummern für dieselbe Besetzung. Also wissen die deutschen Klarinetten, die russischen Pauken, das  Fagott aus Spanien nicht genau, wann sie dran sind. Den Sängern geht es ähnlich. Keiner in den ersten drei Tagen kann mir sagen, wann sich Zeit finden wird für ein Gespräch vor meinem Radio-Mikrophon (ich bin für den SWR und das Schweizer Radio in Perm). Nur das Interview mit Currentzis steht fest. Für mich viel zu früh. Schon am zweiten Tag. Und nur 45 Minuten. Habe ich dafür die lange Reise gemacht?

Begleitet von seiner Entourage betritt er den Saal. Ein baumlanger Mensch mit Vorliebe für Grautöne und Schwarz. Die schwarzen Haare, nicht ganz schulterlang, lassen zur Hälfte an Franz Liszt denken, zur anderen an Prinz Eisenherz. Silberne Seeräuberringe an den Ohren, Seidenhemd über der Hose, elegante Weste. Über den schwarzen Röhrenhosen zwei Schöße eines dünnen, grauen Rocks – ein Westernheld in der Taiga, der Maestro als Edelpunk.

Kopfhörer auf den Ohren, schießt er, als es mit Mozart losgeht, mit langen Fingern Wünsche in die Musiker, er geht in die Hocke, kommt wieder hoch, stampft im Takt mit weichen, hohen Schnürstiefeln auf die Bretter und fordert mehr „Beat“, mehr „Drive“, „it doesn’t rock enough“. Er redet englisch, wenn er mit allen spricht, die Bläser sind international besetzt. Mit den russischen Streichern redet er russisch.

Auch die Sänger arbeiten mit Kopfhörer (Mika Kares, der Komtur, singt nicht vom Notenpult, er schaut aufs iPad). Currentzis hat als Jugendlicher in einer Rockband gespielt: »Rockmusiker sind im Ergebnis ehrlicher als wir«, sagt er. »Sie wollen ihr Publikum in Ekstase versetzen, es in gewisser Weise verändern.« Das wollte Mozart auch. Currentzis bedient sich allerdings modernster Technik. Erst wenn die Musik durchs Mischpult und den Schnittcomputer im Tonstudio seines Permer Hauses gegangen ist, kann sie jene geradezu körperliche Wirkung entfalten, die manche Klassikfreunde dem Konzerterlebnis vorziehen; andere fühlen sich überrumpelt und abgestoßen, für sie ist  es Hyperventilation.

Üblicherweise belasten Orchester die Budgets ihrer Plattenfirmen mit nicht mehr als drei, vier kostspieligen Aufnahme-Tagen. In Perm sind zwölf Tage angesetzt; wenn alles fertig ist, geht Currentzis in seinem Permer Haus und im Pariser Studio drei Wochen in die Postproduktion. Im Ergebnis meint man das Kratzen des geharzten Bogenhaars auf den Darmsaiten zu hören. Musik wie unterm Brennglas. Die Form liebt den Luxus. Sie gibt sich im durchsichtig farbigen Klang, im wie elektrisierten Tempo-Eros von MusicAeterna klarer. Currentzis schaut mich mit leicht zusammengekniffenen Augen an, wenn er Sätze sagt wie: »Unsere Radikalität liegt in der Präzision. In striktester Disziplin. Das hören Sie aber erst mit der entsprechenden Technik. Aber die Magie ergibt sich nicht aus dem Life-Erlebnis, sie steckt in der Partitur.«

Auf der Tapete, rot mit goldgelben Barockmustern, hängen in Currentzis Refugium jede Menge Bilder. Der Raum im ersten Rang, wo das Interview stattfindet, ist recht klein für ein Chefzimmer. Rechts über Currentzis Sessel auf einem Bord mit Fotos Gustav Mahler im Holzrahmen. Der Lehrer des Lehrers von Currentzis war Mahler-Schüler. Bevor Currentzis mit Glück auf den Kern meiner Fragen zurückkommt, holt er weit aus. Wenn eigentlich nach der Aufnahmetechnik gefragt war, landet er womöglich erst einmal bei Nietzsche und dem Dionysischen, einer seiner vielen Lieblingskathegorien. »Klassische Musik soll nicht hübsch und angenehm sein«, sagt er. »Sie soll wehtun, ihr Geist ist viel wilder und rücksichtsloser, als wir das im 20. Jahrhundert zu würdigen gelernt haben.« Mascha kommt herein, seine rechte Hand, die Pause ist um. Wann machen wir mit dem Interview weiter? Er sieht Mascha an. Wir werden sehen, sagen Maschas Augen: Keiner, der zum Ruhm Perms dreitausend Kilometer zu uns nach Osten geflogen ist, soll mit leeren Händen nach Hause gehen.

Als es weiter geht, bietet mir Currentzis einen Stuhl auf der Bühne an. Don Giovannis »Champagner-Arie« ist dran. Ich soll sie aus der Nähe erleben. Ein digitales Riesenmetronom gibt brutal laut das Tempo vor. Das Orchester, rhythmisch zum Bersten geladen, setzt ein. Mein Blick, der in diesem Moment nach unten geht, sieht dort gemütliche Lammfellpuschen, selbstgestrickte Wollsocken, einige Frauen tragen doppelte Pulswärmer über der Bogenhand, überall Thermoskannen, Handtaschen. Der blitzschnelle Bogenarm des Geigers im weißen T-Shirt unmittelbar vor mir ist komplett tätowiert. Es sind zehn erste Geigen. Aber noch in der furiosen Geschwindigkeit von »Fin ch’an dal vino« klingt es wie eine einzige. Currentzis scheint nicht zufrieden mit dem Eindruck, den all das auf mich macht. Ich soll Kopfhörer aufsetzen. Es ist plötzlich, als beginne die Musik nicht – sie schlägt ein. Es ist immer noch Mozart. Aber Mozart wie Rock’n Roll.

Die Präzisionsraserei des Orchesters scheint auch die Sänger anzufachen. Es macht Andrei Borenko sichtlich Freude, von der singulären Perfektion MusicAeternas begleitet zu werden (er sei »Ukrainer«, sagt er mir in der Kantine, spricht dann aber trotz fünf Jahren Studiums in St. Petersburg aus eher Kiewer Sicht über die Russen, also nicht gut, er denkt sich offenbar nichts dabei). Er ist als Don Giovanni bei Currentzis nicht der handelsüblich ältliche Lebemann mit baritontypischem Frauenbedarf. In Borenkos Giovanni-Stimme lebt genau der sportlich-laszive, mit aristokratisch rücksichtslosem Lebenshunger ausgestattete Jungedelmann, den Mozart komponiert hat; Luigi Bassi, Sänger von Mozarts Uraufführung, war zweiundzwanzig.

Über Lautsprecher ist Nicolas Bartholomée, Chef des französischen Aufnahmeteams, immer präsent auf der Bühne. Unsichtbar aus dem Aufnahmeraum stoppt er jede Gesangskantilene, jede Bravourpassage des Orchesters sofort, wenn er wieder »etwas« gehört hat. Nach jedem Take lauscht alles, ob Nicolas’ Okay kommt. Es kommt gefühlt oft erst nach zehn, fünfzehn Takes. Dann braust Jubel über die Bühne. Einmal hebt Currentzis zu fast mitternächtlicher Stunde selbst nach einem ewigspäten Okay erneut den Taktstock und will etwas noch besser. Was sind für einen wie ihn schon hundert Prozent? Er will Zukunft, da müssen es hundertundfünfzig sein, mindestens.

Oft geht es von Mittag bis Mitternacht, Currentzis ist trotzdem im Verzug. Und wo bleibt mein Interview? Mascha hebt die Schultern. Ein Blick zu ihrem Chef. Sorry, er muss zusehen, dass er fertig wird.

Am dritten Tag geht es endlich los mit den anderen Interviews. Simone Kermes (Donna Anna) erzählt mir von Currentzis’ Super-Highend-Anlage im Permer Haus irgendwo in den Wäldern vor der Stadt, von Koch und Chauffeur. Er lebt im goldenen Käfig, sagt sie. Klarinettist Florian Schüle berichtet, dass es unter den neuen Bläsern, die er aus ganz Mitteleuropa nach Perm vermittelt, nur zwei Verhaltensvarianten gibt: Sie reisen an, flüchten sehr schnell entsetzt nach Hause – oder reihen sich begeistert ein. Ich spreche mit Maxim Emeljanitschev, alle nennen ihn Max; er sitzt vorne an der Rampe am Hammerflügel und spielt nicht nur Continuo, sondern »Col Basso«, wie Mozart selbst es machte; er ist mit langen, leichten, schnellen Fingern ein Teil auch des die Sänger begleitenden Orchesters. Man hört es auf den CDs.

Ungefähr alle drei Wochen, erfahre ich, werden lange Tische ins Foyer geschoben. Nach getaner Arbeit sitzt der Maestro im Kreis seiner Jünger, man isst einen Happen, trinkt Rotwein. Im Kerzenlicht lesen die Deutschen Reime aus Max und Moritz oder Rilke vor, die Russen bieten Puschkin auf, die Spanier Cervantes oder Lorca; wer nichts versteht, berauscht sich am Klang der fremden Syntax. Max spielt Mussorgsky, jemand anders Jazz, Filme werden gezeigt, man diskutiert und philosophiert bis in die Dämmerung.

Morgens, wenn die Musiker noch schlafen, habe ich dienstfrei. Ich hülle mich in meinen warmen Mantel und steige vor dem Hotel in die Linie 4. Meinen Fahrschein reißt eine beleibte Mitfünfzigerin aus der kleinen Registrierkasse vor ihrem gut sitzenden Bauch. An der Oper vorbei rattert die betagte Tram die Ulitsa Lenina hinauf bis an den östlichen Stadtrand. Hier sind »die Fabriken«.

Ulitsa Sowjetskaja

Perm wurde im Ende des 19. Jahrhunderts aus einem Gouvernementzentrum mit 45.000 Einwohnern zum Zentrum der russischen Metallurgie. Als Stalin die Rüstungsindustrie vorm drohenden faschistischen Überfall bis an den Ural zurückzog, wurde die Stadt zum 500.000-Einwohner-Rüstungszentrum. Die Fabrikgebäude stehen noch. Dazwischen wetterdunkle Blockhäuser von vor dem Oktober. Heute werden hier nur noch Turbinen gebaut, der militärisch-industrielle Komplex Russlands ist weitergezogen. Ich besichtige das Freilichtmuseum mit den Katjuschas, Feldhaubitzen und Panzerabwehrkanonen, die die Metallarbeiter Perms zur Vernichtung der Hitlerhöllenbrut beisteuerten. Waffen, die ich mit Freude sehe.

An den Wänden des Foyers hängt derzeit eine Ausstellung mit gerahmten Plakaten aus der Permer Operngeschichte. 1942 haben sie hier »Carmen« gespielt und »Pique Dame«. Hinterm Bühnenhaus führt die Sowjetskaja vorbei, vorn im Park, in Sichtweite zur Haltestelle der Linie 4, steht ein von Tauben geschätzter Lenin. Aber sonst? Sieht man jede Menge Siebenliter und Allrad-Karossen aus der Produktion der westlichen Wertegemeinschaft, Jaguar hat eine Filiale gleich neben dem Hotel. Nur die Pelmeni in der echtrussischen Pelmenaja schräg gegenüber schmecken wie sie wahrscheinlich immer geschmeckt haben: unglobalisiert gut.

Ich kriege mein Interview in der Nacht vor dem Abflug um halb zwei. Currentzis ist freundlich und konzentriert, nur ein bisschen müde. Um vier bringt mich ein Wagen zum Flugplatz. Sechsuhrzwanzig fliegt Aeroflot über Moskau nach Berlin. Wieder in Hamburg höre ich ein Paar Tage später aus Perm: Sie sind nicht fertig geworden, sie müssen nachsitzen. Teo, so nennen ihn seine Leute, ist auch diesmal nicht unter seinen Ansprüchen geblieben. Als ich ihn während meiner Permer Nachtschicht nach seiner Idee von klassischer Musik fragte, holt er noch einmal ganz weit aus: »Was ist der Reiz an der Liebe?«, fragt er zurück und gibt selbst die Antwort: »Die Möglichkeit, dass etwas Wundersames geschieht. Die Hoffnung, dass etwas Schönes geschieht. Die Gefahr, dass etwas Schreckliches geschieht. Das macht die Liebe so kostbar. Wer sich in den Konzertsaal setzt und weder diese Hoffnung spürt noch diese Gefahr, braucht gar nicht erst hinzugehen. Denn dann ist es schlimmer als Fernsehen.«                         Junge Welt, Herbst 2014

 

 

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