Das himmlische Kind…

Er bläst, pfeift, stürmt und säuselt, er heult. Ums Dach heult er, um die Ecken, in den Fensterfugen und im Ofenloch. Und doch wäre er nichts ohne das, was ihn sichtbar macht, spürbar und hörbar. Gäbe es keine Häuser, Wiesen und Kornfelder, Dünengräser, Baumkronen und Buschreihen, kräuselte er keine Wasser, türmte schäumend und tosend nicht haushohe Wogen, schleuderte Möwen nicht drüber hin, trüge er nicht zwischen weißen, ziehenden Wolken Kranich und Adler und spielte er nicht in den Haaren der Liebsten, wisperte zärtlich im Gras und streichelte als Hölderlins Lüftchen sommers die Haut …

Der Wind weht übers Land. In den Städten weht er nicht wirklich, dort zieht’s, wenn es windig ist; der Wind treibt Blätter und Müll durch die Straßen.

Besonders schön zieht’s in Chicago. Wer schon mal da war, wird die Schluchten erinnern aus Sandstein, Stahl und viel Glas. Schluchten von Häusern so groß, dass sie oben den Himmel verengen. Sie laufen downtown alle aufs Wasser zu. Läuft man in die Richtung, drücken die Winde gegen die Brust. Downtown Chicago – the »Windy City« – grenzt mit riesigen hellen Bauten direkt ans Meer, das in Wahrheit der Michigansee ist. Man riecht den See im Wind, wenn man Glück hat, glitzert er bis ins Dunkel der überall windigen Straßen. In Hamburg zieht’s anders, die Häuser klein im Vergleich. Bläst der Wind aus Nordwest, riecht man auch hier das Meer und den Elbstrom am Hafen.

Der Wind ist in den Städten nicht wirklich zu Haus. Er wirkt wie verirrt, fremdelt, ist eingezwängt. Der Wind braucht viel Platz. Als Kind der Weite kommt er von den Horizonten, bläst und bläst. Kaum ein Tag, da er fehlt.

Windstille. Das grüne Land mit den Linien bis an die Kante zum Himmel wie blutleer, erschlafft, ein Frieden wie ausgeliehen.

Aber das Land ist selten windstill. Man sieht’s an den Weiden, den Pappeln, alle schief nach Lee hin, nach der windabgewandten Seite.

In der Marsch steht dem Himmel nichts im Weg. Er ist groß hier wie nirgends sonst, der Wind schiebt Wolken durch das Firmament. Sturmvögel stemmen sich ihm entgegen, sie stehen stolz am Himmel. Die Schwalben schießen in den Wind, in ihm zu Hause die Lerchen, unsichtbar in den Lüften als herziges Lebenslied.

Und ist euch schon aufgefallen, im Sommer geht der Wind mit den Menschen schlafen. Im Winter aber werden wir wieder zu Kindern, wenn in der Marsch im Dunkel der Sturm ums Dach heult und wir warm liegen und sicher unter der Decke, behaust und geborgen.

Der Ostwind bringt Schönwetter, macht keinen Druck, lässt als steife Brise blau-weiß-rote Fahnen flattern überm Ufer. Das Wasser kräuselt sich, der Wind stäubt Gischt auf unsere Nasen. Die Kronen der Bäume atmen im Wind, sie wiegen sich, die Zweige winken, alles so grün, so sommersatt. Welle auf Welle schlägt an den Strand.

Nicht zu vergessen der Regen. Was wäre er ohne den Wind? Der riffelt die Pfützen. Er treibt die Tropfen gegen die Scheiben, aufs Dach, es prasselt. Nur in den Schleiern der Böen des Regens ist in der Luft so viel Duft von Muscheln und Tang. Junge Welt, August 2020

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