WM 2026 -TAGEBUCH

So lacht die Zukunft

Geschrieben während der im Juni und Juli laufenden WM in USA, Mexiko, Kanada, halte ich mein Tagebuch zum Thema Fußball WM etwas länger verfügbar. Es hat die Besucherzahlen auf meiner Homepage in für Autoren meiner Provenienz erfreuliche Höhen schnellen lassen, dafür darf ich mich bedanken. Als Ganzes mag es maximally ein Erinnerungsstück sein.

Für alle, die das WM 2026-Tagebuch nicht (mehr) interessiert: hier die Links auf die bis heute (10. August) aktuellen Folgen dieser WM. Deutschland hat sich einen Epilog besonderer Art geleistet . Dort spielt die Fußballwelt nämlich bekloppt. Auch schreibt sich in Sachen Infantino in einer in seiner Entschiedenheit überraschenden Wendung mein Tagebuch fort.

Ich mache ab heute den Versuch, Kommentare nicht nur zuzulassen, sondern ausdrücklich dazu aufzufordern, sie mit Kritik und Zuspruch zu ergänzen. Die Chronologie verläuft von oben nach unten, fürs Aktuelle also bitte geduldig nach unten scrollen.

Auch diesseits des Atlantik war es heiß, als in Mexiko, Kanada und den USA am 11. Juni 2026 die Fußball-WM begann. Die Vorfreude war gemischt. Wenn es so weitergeht mit dem Fußball, gibt es bald nur noch VIP-Lounges statt Fankurven (die besorgt künftig die KI) und eine einzige Superliga mit vier Spitzenmannschaften, der Rest: Sparringspartner. Aber NOCH hat die freie (kapitalistische) Marktwirtschaft den Fußball nicht final erledigt. Noch gibt es zweite Bälle, Supertore und Superparaden, noch lebt der Fußball – zwischen den Werbeblöcken. So unerträglich sichtbar war diese desolate Situation des Weltfußballs noch nie. Ihr Inszenator der korrupte Glatzkopfs Gianni Infantino.

Mondpreise noch für die Fahrt zum Stadion, astronomische Eintrittspreise, Show und Kommerz überall. Und: wann hätte wohl China – die angebliche „Überwachungsdiktatur“ – zu einem Fest der Völkerverständigung einzelne Sportler und ganze Mannschaften aus politischen Gründen geheimdienstlich vorsortiert, nicht zugelassen oder diskriminiert und behindert, wie die iranische Mannschaft, deren Spieler nach Mexiko ausquartiert wurden, die die USA nur für den Spieltag betreten dürfen und in 24 Stunden teils 2000 Kilometer anreisen und nach dem Spiel wieder ausreisen müssen?

Kommt für deutsche Fans hinzu die zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes eigentlich mehr undurchsichtige Verfassung der deutschen Mannschaft. Alles Training, Freude, Eierkuchen? Man mag es nicht recht glauben. Ich bitte um Verständnis, dass dieses Tagebuch keinen Anspruch auf auch nur annähernde Vollständigkeit erhebt. Ich war noch nie Sportreporter und bin es derzeit schon gar nimmer, es ist mehr ein rhapsodisches persönliches Vergnügen. Und letztens: Meine Einträge zu den Spielen sind jeweils am Tag des Spiels oder am Tag nach dem Spiel geschrieben und nicht nachträglich verändert (ausgenommen die Korrektur spät entdeckter Fehler oder eitle Verbesserungen). Man verfolgt, wie sich auch meine Stimmung, meine Meinung zum Geschehen auf dem Rasen und insbesondere zum deutschen Bundestrainer während des Turniers wandelt.

13. Juni 2026, Nachmittag – Fragen über Fragen. Werden Wirtz und Musiala rechtzeitig in Form kommen? Wird Haverts halten können, was er in der Champions League zuletzt versprach? Wird das Dauerproblemkind Sané endlich zeigen, was in ihm steckt? Wird sich einer der Mittelfeld-Kandidaten Pavlovic, Kimmich, Goretzka und vielleicht auch Felix Nmecha in letzter Minute als der dringend benötigte Spielmacher herausstellen? Wird die quälende Torwartfrage am Ende irgendwie noch gut ausgehen, nachdem der anfangs so sympathisch energische Trainer Nagelsmann den zuverlässigen Torwart Oliver Baumann so empathiefrei auf die Ersatzbank zurückversetzte? Wird es sich auszahlen, dass Nagelsmann im Zweifel auf junge bis sehr junge Spieler setzt, statt (wie die Bundestrainer früherer Zeiten) auf bewährte aber inzwischen zu langsame (Antonio Rüdiger) Kräfte? Werden sich vielleicht gar Hoffnungsträger wie Denis Undav oder Asan Ouédraogo sensationell in die Startelf spielen und dort Furore machen? Auf dem Papier, so sieht es vor dem ersten Spiel gegen Curacao aus, hat die deutsche Elf keine Chance gegen die Qualität von Mannschaften, wie Frankreich, Spanien, England. Wie steht’s mit vermeintlichen Geheimtips wie Marokko, Türkei oder Algerien? Die ersten Spielergebnisse der Vorrunde brachten Überraschungen. Den Wettbüro-Favoriten werden in den Hitzekesseln der amerikanischen Riesenstadien von vermeintlichen „Fußballzwergen“ die Grenzen aufgezeigt. Die Schweizer liegen gegen Katar 0:2 hinten, bevor sie noch die Punkteteilung schaffen, auch die Brasilianer erreichen gegen Marokko nur ein Unentschieden. Mal sehen, wie es Deutschland morgen ergeht.

14. Juni 2026, 23 Uhr – Es erging ihnen fast durchgehend großartig. Nach Wirtz‘ trocken kurzem Zuspiel in der dichtbevölkerten Box Curacaos gelingt Nmecha (6.) das erste deutsche WM-Tor, der bislang wirkungsvolle aber eher unauffällige offensive Mittelfeld-Mann hat auch Torjägerqualitäten Man lehnte sich bequem zurück auf der Couch und freute sich auf ein lockeres Trainingsspiel. Da schießen, abgefälscht durch die Beine von Kimmich, die Blaugelben aus dem Lande Curacao (185.000 Einwohner) wie aus dem Nichts den Ausgleich. Deutschland (83,5 Millionen Einwohner) wackelt. Und findet sich wieder. Einen Standard, getreten vom starken Nathaniel Brown, verwandelt Schlotterbek (38.) mit dem Kopf zum (er)lösenden Ausgleich, und erneut Nmecha holt noch in der ersten Halbzeit einen Elfmeter heraus, den Haverts (43.) nach der Harry-Kane-Methode, mit getrappeltem Anlauf, ungemein entspannt verwandelt. Nach der Pause geht es so weiter. Von Kimmich steil rechts in die Box geschickt, gelingt Musiala (47.) aus engem Winkel, fast wie mit dem Rücken zum Tor (nach Art Gerd Müllers), von halbrechts mit dem rechten Fuß ein Treffer ins lange Eck, das wird ihn weiter aufbauen. Er wird danach, um ihn zu schonen, durch Undav ersetzt. Der führt sich stark als Vorbereiter ein. Sein kurzes Zuspiel per Hacke auf Brown macht auch den ungemein beweglichen Linksverteidiger (Bayern ist an ihm dran) zum Torschützen. Es ist Kimmich, der Undav (78.) in die eigentlich voll zugestellte Box schickt, der schießt in echter Mittelstürmer-Manier das 6:1 und vollendet (sich) im Rahmen eines Konters mit einem genialen Steilpass auf Haverts (88.), der den Ball, bis zum letzten Moment spannend, per Chip über den herauslaufenden Torwart hinweg einnetzt. 7:1 – das kann sich für den Anfang sehen lassen. Das vorerst einzige Problem bleibt Sané. Wer Undav lobt, muss über Sané endgültig den Stab brechen, denn nur die rechte Außenposition steht derzeit zur Disposition. Bis auf eine weitere 100 Prozent-Chance, die er wieder nicht im Tor unterbringt, kam von Sané nicht viel. Mein Vorschlag: Sané raus, Haverts auf rechts, Undav in die Mitte. Er und Havertz haben beim letzten Treffer gezeigt, wie viel ihnen zusammen noch möglich ist. Die Flanken von rechts in den Strafraum (die von Sané ohnehin selten kamen) können, wenn’s sein muss und passt, auch Leute wie Kimmich oder Musialla oder Havertz schlagen.

15. Juni, 21 Uhr – Die Sache mit den Underdogs wächst sich aus. Katar mit dem Unentschieden gegen die Schweiz ist der bisherige Star am Himmel des globalen Südens (vergessen der Irankrieg). Aber nun Kap Verde (530.000 Einwohner), der kleine Inselstaat an der nördlichen Westküste Afrikas schaffte, wie es hieß, „eine der größten Sensationen in der WM-Geschichte des Fußballs“. Die kapverdische Mannschaft spielte, nachdem die 10 Minuten Nachspielzeit der zweiten Halbzeit durchgestanden waren – 0:0 gegen den großen WM-Favoriten Spanien!

Die Aufstockung der Teilnehmerzahl auf 48 Länder durch die FIFA hatte mit Sicherheit allein finanzielle Gründe. Doch es ist sicher kein Zufall, dass in der Zeit der großen Transformation, in der sich die Welt zurzeit befindet, damit – ungewollt aber symbolhaft und erstmals in solcher Ballung – Ländernamen wie Jordanien, Katar, Iran, Kap Verde, Curacao, Panama, Senegal, Elfenbeinküste, Irak, Haiti et al. leibhaftig und verschwitzt und unermüdlich und teils schon wirklich heroisch in Erinnerung bleiben.

Ergänzend dazu aus der ARD-Sportschau:

16. Juni 2026, 00.30 Uhr – Die nächste Sensation. Belgien (mit de Bruyne und Lukaku) rettet sich nach 0:2 Rückstand in ein Unentschieden gegen Ägypten (der große Mo Salah, er verlässt den FC Liverpool nach neun glorreichen Jahren).

17. Juni 2026, 15 Uhr – Einer der Geheimtips für den Titel, die Mannschaft von Portugal, hätte mit etwas Pech gleich im ersten Spiel gegen die Fußballer aus der Demokratischen Republik Kongo verlieren können. Wieder so ein Blitzer in der im Westen laufenden Entstehung eines endlich realistischen Bilds von der Leistungskraft und Moral der Menschen, die in den Staaten des globalen Südens leben. – Ganz eurozentriert nun aber die Partie England gegen Kroatien. Thomas Tuchel hat mir nach Jürgen Klopps Wechsel von Dortmund nach Liverpool die Freude an dieser neuen Art des wohl von Pep Guardiola erfundenen Umschalt- und Konterfußballs erhalten. Mein Friseur kommt aus Manchester, sein Deutsch hat selbst nach 30 Jahren Deutschland noch immer Luft nach oben, seine Zeitung bleibt der Guardian. Und der, so erzählte er mir beim letzten Besuch, habe Tuchels Mannschaft, selbst nach deren grandiosem Spiel gegen das keineswegs den Unterlegenen zu geben bereite Kroatien, krass bekrittelt. Die Mannschaft sei vorn zwar gut besetzt, aber hinten Kontrahenten wie etwa Spanien oder Frankreich nicht gewachsen; ähnliche Befürchtungen kennen wir hinsichtlich der deutschen Mannschaft. Das wird sich weisen. Niemand bestreitet allerdings, dass diese von Tuchel trainerte englische Mannschaft einen Fußball spielt, so inspiriert, beweglich und überraschend, wie noch keine vor ihr.

Am 19. Juni 2026, 20 Uhr sind wir alle freudig gespannt darauf, was unsere Jungs denn morgen so auf den Platz bringen werden in Toronto. Der Rotwein ist warmgestellt. Es sind diesmal keineswegs leere Sprüche, wenn der vor den Kameras übrigens souverän lockere Kimmich in seiner PK am trainingsfreien Dienstag wie alle anderen danach davon spricht, man dürfe diesen Gegner (mit Spielern, die im letzten Champions League Finale gestanden haben) nun wirklich nicht unterschätzen. – Antonio Rüdiger habe ich als „zu langsam“ eingestuft, zu früh. Er wirkte in den Interviews der letzten Tage selbstsicher und gut gelaunt. Er verriet auch, warum. Sein Ziel in den vergangenen Monaten sei gewesen, nach seiner Verletzung wieder auf den Stand davor zu kommen; das sei ihm gelungen, darum habe Real Madrid seinen Vertrag erneut um ein Jahr verlängert, das mache ihn froh. Es sieht aus, als sitze als Backup für die Innenverteidigung (neben Anton) der richtige Mann auf der Bank. – Was die zu erwartende Aufstellung angeht, streitet sich die – laut Bild 84 Millionen starke – Fachwelt einzig um die Position Sané.

Am 21. Juni. 2026 ist das im Vorfeld von viel echtem Respekt vor dem Gegner geprägte zweite Vorrundenspiel Vergangenheit. Für alle, die dieses Red Bull-Zeugs zum Wachbleiben nicht mögen, war das ganze schon vor dem ungewohnt späten Anpfiff eine Herausforderung.

Musialla schießt sich (hopefully) so langsam ein

Trotz zweier vom ansonsten überforderten bis hilflosen Schiedsrichter aus Paraguay zu Recht nicht gegebener schöner Tore von Havertz (38.) und Pavlovic (.21.), trotz gut herausgespielter Tormöglichkeiten von Haverts (10.), Musiala (17.), Nmecha (20.) bot in der ersten Häfte die Deutsche Mannschaft wenig von allem, was man sich nach dem 7:1 davor von ihr erträumt hatte. Kein Ballzauber auf der linken Seite; Musiala und Wirtz brauchen offensichtlich noch weitere Zeit, bis sie wieder die Weltklasse im Eins-gegen-eins draufhaben, die sie im Jahr vor der WM zu bieten hatten; keine explosiven Umschaltmomente, keine unerwarteten Tempowechsel, kein überraschender Pass in die Tiefe, kein nach Torhunger riechender Spielfluss.

Alles das boten nach ihrem überraschenden Führungstor (30.) die Ivorer (bisher ist dies die WM der überraschenden bis sensationellen Führungs- oder Gegentore von sogenannten „schwächeren“ Teams). Einer ihrer Spieler, der Ivorer Außenstürmer Yan Diomande zeigte in der Entstehung des 1:0 für die Elfenbeinküste dem Weltklasseverteidiger Joshua Kimmich Grenzen auf.

Jeder Angriff der Deutschen – ein oft allzu durchschaubares Planspiel der Laufwege. Jeder Angriff des Teams der Elfenbeinküste – ein munterer, immer gefährlicher Konter. Nagelsmanns Brachialwechsel (60.) wirkte wie eine dringend gebotene Notmaßnahme. Von den drei neuen Zündkerzen, die der Trainer dabei einwechselte, erwies sich Undav als Wunderkerze. Der Motor des deutschen Teams begann endlich rundzulaufen. Nagelsmann habe, so die Medien, „den Sieg eingewechselt“.

So war es nach einer Stunde endlich vorbei mit dem, ein ums andere Mal mit großer Bugwelle auf dem rechten Flügel anlaufenden – und stets mit Rückpass oder Quergeschiebe flau abschließenden Sané. An seiner Stelle von null auf Undav nun endlich ein echter Neuner. Nagelsmanns zweite neue Zündkerze: der seit U 21-Zeiten vielversprechende, in der ganz großen Fußballwelt allerdings bislang seltsamerweise nicht ganz angekommene Nadim Amiri. Von ihm halbrechts aus vollem Lauf geschlagen, segelte in der 68. Minute, wie mit dem Kurvenlineal gezogen der Ball durch die Luft über Haverts Kopf hinweg exakt auf den linken Fuß des heranstürmenden Undav, der ihn unter die Latte zimmerte.

Uns fiel in diesem Moment das Riesengebirge vom Herzen. Und als in Minute 90. + 4 das bis zur 60. Minute immer vager gewordene Glück eines Sieges des nur sehr vermeintlichen Favoriten Wirklichkeit wurde, war das schon fast unwirklich.

In Wirklichkeit gehörte freilich Nmechas scharf geschlagener Vertikalpass auf den halblinks vor der Box lauernden Undav zu den Realitäten allerfeinster Sorte. Was Undav dann aber daraus machte – mit zunächst seinem, den Ball mit dem Rücken zum Tor stoppenden rechten Oberschenkel, zwei kurze, drehende Zwischenschritte und sein linker Hammer beförderte den Ball hyperschallwuchtig ins Tor – es war der Schlusspunkt einer mit den Leistungen der letzten letzten halben Stunde nicht unverdienten Katharsis. Aber ob die Mannschaft ein 1:2 – wäre Goretzka nicht gewesen – zwei Minuten vor Ende der Partie aufgeholt hätte?

21. Juni 2026, abends – Die von mir bereits als einer der Geheimfavoriten gehandelten Türken – in der Vorrunde ausgeschieden.

21. Juni 2026, 23 Uhr Nico Schlotterbecks Innenband ist gerissen, das Aus für ihn. Schlotterbeck als der offensiv kreative, auch torgefährliche Innenverteidiger hatte den Vorzug vor Antonio Rüdiger. Dieser aggressiv knorrige Verteidiger jeden Meters der Gefahrenzone ist nun aber, mit Blick auf was im weiteren Turnierverlauf auf die deutsche Mannschaft zukommen könnte, keine schlechte Lösung. Links neben ihm zeigte sich Nathaniel Brown nach einer beeindruckenden Offensivpartie gegen Curacao gegen die Elfenbeinküste auch defensiv stabil. – Schließlich Leon Goretzka. An Nadim Amiri und ihm hält der Bundestrainer, unberührt vom aktuellen Marktwert der beiden, seit langem fest. Goretzka ist nicht so dynamisch, so kraftvoll und jung wie Pavlović; er hat mehr Erfahrung, mehr Überblick, eine Großtat dieses Spiels geht auf Goretzkas Konto: Tah hatte mit einem kapital misslungenen Tackling dem Ivorer Pepe die komplett überraschte deutsche Abwehr ausgeliefert. Pepe sieht und bedient den links völlig frei stehenden Adringa. Da kommt der in Höchstgeschwindigkeit zurückeilende Goretzka herangerauscht und spitzelt Adringa (88.) den Ball vom Fuß. Waren die Spieler aus Westafrika sonst durchweg eine Sekunde reaktionsschneller als die Deutschen – in dieser spielentscheidenden Situation ist Adringa zwei Sekunden zu langsam. Das hätte mit Sicherheit das 2:1 für die Elfenbeinküste sein müssen. Zwei Minuten vor Schluss. Es wäre der Sieg gewesen. – Resümee für heute: Nagelsmann hat mit diesem Jahrgang der Nationalmannschaft eine nicht nur scheint’s herzlich eingeschworene Gruppe geschaffen, er hat auch, hinter einer sich hoffentlich immer besser einspielenden Startelf, für eine unerwartet starke Bank gesorgt. Ob es aber gegen Spieler wie Mbappé, Olise, Yamal, Mikel Oyarzabal, gegen Kane, Gagpo, Brobbey und Co. reicht? Undav jedenfalls hat sich nun endlich und unwiderruflich in die Startelf gespielt. Oder etwa wieder nicht?

22. Juni 2026, morgens – Wieder so ein Ergebnis, das die anno 2026 laufende Veränderung des geopolitischen Kräfteverhältnisses in der Welt widergibt: Den Fußballern der 530.000 Einwohner zählenden Inseln am Kap Verde wird nur durch einen kurz vor Spielende nicht gegebenen klaren Elfmeter der Sieg gegen den hohen Favoriten Uruguay gestohlen.

Harry Kane rauft sich die Haare über verbaselte Chancen

Mittwoch, 24. Juni, 0:02 – Wieder nur die zweite Halbzeit von England gesehen. Gegen Kroatien waren die zweiten 45 Minuten eine glänzende Empfehlung. Gegen Ghana waren sie schwierig bis problematisch wie das ganze Spiel. Eine afrikanische Mannschaft stellte Thomas Tuchel vor große Probleme. Sie spielte einen radikalen Umschaltfußball, aggressiv und körperlich. Radikalverzicht auf Ballbesitz. Manndeckung für Kane, für Bellingham, enorm schnell in den Kontern, durchsetzungsstark. Sie wären dem englischen Druck am Ende fast erlegen, ein Kopfball des jungenEngländers Rogers gegen das Lattenkreuz, den Abpraller ballerte Kane übers Tor. Ein gebrauchter Tag für England, auch wenn der eine Punkt für die K.o.-Runde reicht.

27. Juni 2026  – Von einer Sensation zu sprechen, wäre übertrieben. Die Mannschaft von Ecuador, gegen die das deutsche Team vorgestern im Stadion von New York/New Jersey im dritten Spiel der Vorrunde 1:2 verlor, ist kein Niemand (in der WM-Quali hat das Team Argentinien mit 1:0 besiegt). Es handelte sich bei dieser Niederlage aus deutscher Sicht eher um die dritte Stufe einer Abwärtstreppe, die spätestens im Achtelfinale gegen Gegner wie Frankreich direkt ins Flugzeug nach Hause führen dürfte. Wer das Interview erinnert, in dem Jürgen Klopp zur Empörung der Fachwelt als WM-Experte mit Blick auf Julian Nagelsmanns Entscheidungen als Bundestrainer das Wörtchen „noch“ heraufrief, macht sich so ihre Gedanken.

Im Licht des Geschehens im Ecuador-Spiel vom letzten Donnerstag hat Nagelsmanns spätes Setzen auf Manuel Neuer statt auf Oliver Baumann, die Nominierung eines Stürmers wie Nick Woltemade statt des jungen Kölners El Mala, sein Verzicht auf einen erfahrenen und in Bestform befindlichen Innenverteidiger wie Matthias Ginter fette Fragezeichen hinterlassen. Sein Vertrauen auf die Startelf gegen Ecuador hätte Sinn ergeben, wenn es ums weitere Einspielen gegangen wäre. Sanés Führungstor (2.) machte Hoffnungen, dass mit diesem Treffer die vielen Knoten, die Sané seit Ewigkeiten nicht nur auf dem Schädel mit sich herumträgt, endlich geplatzt sind. Im Lauf der zweiten Halbzeit konnte von „Einspielen“ nun allerdings endgültig nicht mehr die Rede sein. Jeder ecuadorianische Spieler lief jedem deutschen Spieler an Schnelligkeit, Bissigkeit, Konsequenz und Zielstrebigkeit den Rang ab. Nagelsmann sah sich gezwungen, von Einspielen auf Ergebnisrettung umzuschalten.

Dass er aber, statt des bereits erprobten Amiri, der mit seiner Traumflanke auf Undav den Ausgleich im Spiel gegen Elfenbeinküste herbeigeführt hatte, den nicht eingespielten und für Nichtstuttgarter eher unbekannten Angelo Stiller auf den Rasen schickte, statt des instabilen Pavlovic den keineswegs altersmüden Goretzka, dass er schließlich mit dem zweiten Anzug zu retten versuchte, was schon der erste Anzug zu retten nicht mehr imstande war, rief den Eindruck kompletter Kopf- und Ratlosigkeit dieses Bundestrainers hervor.

So sieht kein Weltklassetorhüter aus – Manuael Neuer vor dem entscheidenden 1:2

Wenn selbst einem vermeintlichen Weltklasseverteidiger wie Joshua Kimmig die Außenstürmer aus dem globalen Süden davonlaufen, wäre es so langsam an der Zeit, die deutsche Selbsteinschätzung (nicht nur im Fußball!) zu korrigieren. Die Verfassung der deutschen Mannschaft in der zweiten Hälfte gegen Ecuador erinnerte von fern an den Zustand der deutschen Bahn. Wie wäre es für die DFB-Entscheider denn wohl mit einer kleinen Aufffrischungstour auf die Kap Verdischen Inseln?

29. Juni 2026, vormittags – In der englischen Presse lässt sich Gary Lineker zitieren: Die aktuelle deutsche Mannschaft, so der britische Stürmerstar der 1980er Jahre, sei eines der schwächsten DFB-Teams, an das er sich erinnern könne.

30. 06. 2026, vormittags – Geschafft! Deutschland hat endlich fertig. Die letzte Stufe auf einer Treppe nach unten ist erreicht. Wir sind im Fußballkeller. Unsere vier Sterne haben wir während Höhepunkten westdeutscher Zeitgeschichte erreicht: 1954 Wirtschaftswunder. 1974 Reform- und Wohlstands-Euphorie. 1990 Anschluss DDR. 2014 Merkel-Taumel. Das war’s.

Amiri kann es nicht fassen…ausgeschieden gegen Paraguay

2026 ist nun Energiekrise, Deindustrialisierung, kaputte Brücken, Schulen, Menschen. 2026 ist die krampfhaft herbeihalluzinierte russische Bedrohung. Und 2026 ist eben Julian Nagelsmann. Mit seinem Namen verbindet sich nun auch das erneut frühe Ausscheiden aus einer Fußball-WM. Zweimal 1 : 2 gegen zwei Ex-Kolonialvölker aus Lateinamerika. Grund dafür ist – wie so vieles in diesem schönen Deutschland – die Verspätung aus voriger Fahrt. Oder war’s die Signalstörung oder der Vogel auf der Oberleitung?

Für mich der Höhepunkt im deutschen Spiel gegen Paraguay: als Sané in der 88. Minute endlich – zwei Spiele und 88 Minuten zu spät – den Rasen verließ. Drastisch wie aus dem Bilderbuch verkörperte er die Saft- und Kraftlosigkeit des gegenwärtigen Deutschland.

Dafür, dass die wenigen Ausnahmespieler seines Kaders einfach nicht wieder in die Ausnahmeform kamen, die sie zu Ausnahmespielern gemacht hat, kann der Bundestrainer nichts. Aber dafür kann er, dass seine Mannschaft in keiner der beiden Niederlagen den Schatten eines realistischen Konzepts hatte, keinen Zusammenhang, keinen funktionierenden Matchplan. Sie klöppelte ideenlos immer wieder nur an den altbekannten Spielzügen herum, setzte auf Zufallschancen, kam nie ins Tempo, weil der Impuls zur rechten Zeit nicht da war, die Gier, der Hunger und alles andere fehlte, über was die Gegner aus dem globalen Süden bis in die Haarspitzen verfügten. Den bislang so grandios aufspielenden Holländern erging es in derselben Nacht mit der vermeintlichen Durchgangsstation Marokko nicht anders, sie (die Holländer!) packen die Koffer. Armes, klappriges Europa.

Wie in diesen Zeilen verschieden variiert, erleben wir in der laufenden WM eine Götterdämmerung der alten Fußballmächte, die Allegorie des geschichtlichen Abstiegs Europas. Unmittelbar vor dem deutschen Trauerspiel durften wir Zeuge des athletischen, schwebenden, tanzend vollendeten Tempofußballs der Brasilianer sein; vom grandseigneuralen Trainer Carlo Ancelotti (67) auf ein japanisches Team vorbereitet, das den Ballkünstlern aus Lateinamerika mit seinem dynamisch perfekt abgestimmten 5 : 4 : 1 -System auf Augenhöhe alles abverlangte – eine Art Japanisierung der Chinesischen Mauer. Großes Fußballvergnügen auf Dreisterne-Küchenniveau.

1. Juni 2026, 19.01 – Ich schalte mich kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit ins Spiel England gegen die Demokratische Republik Kongo ein. Und was sehe ich? Die Kongolesen liegen mit 1 : 0 vorn. Die nächste Sensation? – Die Nacht zuvor hatte Marokko die hoch favorisierten Niederländerländer mit 1 : 0 aus dem Wettbewerb befördert. Gegen die Qualität Frankreichs, meint man, werden diese Marokkaner keine Chance haben. Ganz sicher kann man sich da bei dieser WM aber nicht sein. In den börsennotierten Mannschaften des alten Europa ist – schaut man sich die Hautfarbe der Spieler Frankreichs, Englands, Hollands an – der globale Süden ethnisch sowieso immer schon unverzichtbar voll dabei.

1. Juni 2026, 20:05 – Die Stärke der Three Lions scheint bei dieser WM nicht die erste Halbzeit zu sein. Dem Kommentar des Spiels war zu entnehmen, bei den englischen Fans sei komplett die Stimmung weggewesen, so flau spielte Tuchels Truppe in den ersten 45 Minuten. In der zweiten Halbzeit wurde es besser. Aber die Hellblauen aus dem Kongo waren – wie schon die Japaner, die Kapverdischen, die Senegalesen zuvor – überhaupt nicht gesonnen, die Underdogs zu geben, sie spielten mit, auf Höchstniveau. In Minute 60 wechselte Thomas Tuchel mit Gordon und Saka zwei neue Außenbahnstürmer ein, eine spielentscheidende Maßnahme. Die Engländer bekamen aufgrund ihres wachsenden Drucks lange Phasen das gleiche Problem wie tags zuvor die Deutschen: eine ungeheuer kompakt stehende Abwehr zwang sie immer wieder zu horizontalen Ballstafetten entlang der Außengrenzen des gegnerischen Bollwerks, zu Chips auf ihre im Gedränge lauernden Stürmer, zu Versuchen über die Außenbahn – alles ungefähr viermal so schnell wie die deutsche Mannschaft. Der Kongo hielt stand und brachte immer noch einzeln gefährliche Konter vor Pickfords Tor. Dann kam die 75. Minute. Der eine Viertelstunde zuvor eingewechselte Gordon bekam von rechts quer über die Box den Ball auf den Fuß, löffelte ihn von links ins dichte Gewimmel vor Mpasi Nzaus Tor. Und wie aus dem Nichts (des Gewimmels) tauchte dort im genau richtigen Moment wer auf? Genau, Harry Kane, mit dem Kopf. Der großartige kongolesische Torwart streckte sich vergebens. England im Jubilotissimo. Sie machten weiter, spielten weitere Chancen heraus.

Kane zieht ab zum 2 : 1

Und bevor die Verlängerung wirklich „drohte“ (87.), ist es erneut der Edeljoker Gordon, der sich nach einer knapp gescheiterten Großchance von Bellingham den Ball im Rückraum schnappt, überraschend steil zu Kane in die Box passt, der Mittelstürmer aller Mittelstürmer schafft sich mit drei, vier schnellen Schritten gerade eben genug Raum, um die Pille von halbrechts aus roughly 15 Metern mit gefühlt 200 km/h unters Queraluminium zu nageln. Zum Haareausraufen schön. Aber vergessen wir nicht die Leute aus der Demokratischen Volksrepublik. Sie bieten einen Fußball wie vom Planeten Zukunft, ihnen fehlt allein die Coolness einer längeren Spielpraxis auf dem großen internationalen Parkett (einen famosen Trainer, Sébastien Desabre, haben sie schon). England und der endlich einmal in die Kamera lachende Thomas Tuchel sind allerdings nicht zu beneiden. Am Montag geht’s in den Hexenkessel von Mexiko City gegen die Nationalmannschaft des Landes der Azteken und ihres frenetischen Anhangs. Basti Schweinsteiger tippt, sie verlieren.

Uli Hoeneß in seinem schönen Haus am schönen Tegernsee

3. Juli 2026, morgens – Noch kurz vor der WM hat ein so lebens- wie fußballkluger Mensch wie Uli Hoeneß in einem Interview ( Thema Nagelsmann ab 40′ f.) mit DAZN auf die vage Prognose des klugen Reporters, dass es mit dieser Mannschaft und Julian Nagelsmann wohl nicht gar so gut aussähe, reagiert. Das könne man nicht sagen: „Er hat ja das Glück, dass er eine relativ leichte Gruppe ( ! ) hat, man kann sich da einspielen und wenn er es dann schafft…“ Noch über das Spiel gegen die Elfenbeinküste fand Hoeneß lobende Worte. Dann war Schluss mit Zustimmung. So ging es ja den meisten. Aber jetzt! Jetzt bricht die eine das Schweigen, der andere rechnet ab, sie graben sogar noch einen wie den Kölner Pierre Littbarski aus, ja der lebt noch, und er muss auch noch seinen Senf dazu geben. Andere „brechen das Schweigen“, sie „packen aus“ oder rücken wie Jürgen Klopp mit einer „bitteren Erkenntnis“ heraus; der designierte Trainer von Real Madrid, José Mourinho, langweilt mit einer „Schock-Analyse“. Uli Hoeneß kennt „den Julian“ aus der Nähe, Nagelsmann war für kürzere Zeit als Bayern-Trainer sein Angestellter. Sicher, er, Nagelsmann, sei bisweilen beratungsresistent, er habe seinen eigenen Kopf. Aber „das kann man so machen. Wenn’s erfolgreich ist, bin ich der erste, der ihm gratuliert. Aber hat er keinen Erfolg, wird’s für ihn schwer“. So klug geirrt, so klug gesprochen vor der WM 2026.

6. Juli 2026, 9 Uhr.  –  Es ist die „Wer-hätte-das gedacht-WM“, dieses Treffen der 48 besten Fußballmannschaften der Welt im heißen Sommer 2026 (im Moment regnet es in Ost-Holstein). Wer hätte gedacht, dass Frankreich nur so knapp gegen Deutschland-Bezwinger Paraguay gewinnt, Marokko so deutlich gegen Kanada? Und wer, dass ich letzte Nacht so schlecht geschlafen habe.

Basti Schweinsteiger und die, endlich einmal entspannt und klimagerecht gekleidete und ansonsten ja echt frische Esther Sedlarcek, hatten uns in ihrer lebendig kompetenten Moderation den Mund schon wässrig gemacht: Die Prüfung der Prüfungen wartet auf die Engländer am kommenden Montag im Azteken-Stadion von Mexico City.

Das Problem, wie sich herausstellte: es gehört zur Freiheit der freien Marktwirtschaft, dass sie nicht nur die Freiheit der Andersdenkenden nicht wirklich auf dem Zettel hat, auch die Freiheit der Einkommensschwachen fehlt auf ihrer To do-Liste, will sagen: infolge der Finanzkraft der Telekom hat sich Magenta TV alle Spiele des Turniers unter den Nagel gerissen. Vom Achtelfinale kriegen wir nicht ganz so finanzstarken Mitbürger im Free-TV folglich gerade drei Begegegnungen mit (USABelgien, ArgentinienÄgypten, SchweizKolumbien). Die zwei Burner des Achtelfinales, Brasilien-Norwegen und England-Mexiko, gibt’s für uns noch per Audio und Live-Ticker, dafür bleib ich nicht wach.

Als fast lebenslanger Fußballjunky musste ich freilich, als mein Schlaf dann und wann an Tiefe verlor, doch mal eben die Brille suchen und aufs Telefon schauen, wie steht’s mit den Engländern im Hexenkessel? Beim ersten Mal war es etwa halb zwölf und ich bekam mit, die Norweger führten gegen Brasilien 2:1, schon wieder eine Sensation? Der Schlaf war stärker. Der Morgen graute bereits, da machte die Neugier mich wieder wach. Wie sieht’s mit Tuchel und seinen Mannen aus? Ich wusste nicht, dass der Spielbeginn sich infolge Gewitters um eine Stunde nach hinten verschoben hatte, es stand 2:2. Wieder zog es mich ins taumelige Nichts. Am nächsten Morgen verschaffte ich mir Klarheit.

Als Matchwinner waren sie zu zehnt – Bellingham (2) und Kane (1) schossen die Tore

Im Aztekenstadion von Mexico City besiegten zehn, am Ende völlig ausgepumpte Engländer elf alles gebende Mexikaner mit 3:2. Die Three Lions waren durch zwei famos herausgespielte Bellingham-Treffer in der 36. und 38. Minute in Führung gegangen. Die Mexikaner machten Druck, sie verkürzen (42.) durch einen Elfmeter auf 1:2. In der zweiten Spielhälfte entwickelt sich eine nervenaufreibende Dramaturgie. Nach einer roten Karte (57.) für Quansah spielen die Briten bald 40 Minuten in Unterzahl, das Stadion siedet. Da startet Gordon durch und kann im Sechzehner nur regelwidrig gestoppt werden. Kane verwandelt den fälligen Elfmeter (60.) zum 3:1. Aber der alte Abstand hält gerade mal neun Minuten, da bekommt Mexiko (69.) den nächsten Elfmeter dieses epischen Dramas zugesprochen, Raúl Jiménez verwandelt sicher, das Stadion kocht. Die Mexikaner spielen auf Augenhöhe, die Three Lions mit einem Mann weniger. Die Weltklasse-Stürmer Bellingham, Gordon, Kane (in der 90. Minute totalerschöpft ausgewechselt) werden zu Türmen in der britischen Abwehr. Das 3:2 bleibt, Albion tanzt. Thomas Tuchel, an dem sie in UK, seitdem er die Nationalelf trainiert, nur herumgemäkelt haben, ist reif für den Ritterschlag: Sir Thomas Tuchel? Klingt doch nicht schlecht. „Es ist eines der größten Ergebnisse in Englands WM-Geschichte“, jubelte die BBC über diesen, laut Guardian, „legendären Sieg“. Er mag persönlich nicht ganz einfach sein, der Thomas Tuchel, fand ich schon in seiner Dortmunder Zeit. Aber langweilig ist sein Fußball nie, er macht keine halben Sachen, er ist ein sehr kluger Trainer.

Turnierbaum am 8. Juli 2026

Legendär auch das Ergebnis des ersten Achtelfinalspiels vier Stunden zuvor. Die bisher eher etwas schwerfällig wirkenden Norweger bezwangen in New York City die gegen Japan noch so unbeirrbaren Ballzauberer aus Brasilien mit 2:1, ein Haaland-Festival mit zwei entscheidenden Toren – wer hätte das gedacht? Die Sache mit der Trommel und den Ruderern wird um sich greifen. Die Sache mit Trumps Intervention in Sachen roter Karte für seinen „besten Mittelstürmer der Welt“ auf ihre Art wohl auch, aber es ist so langsam fad, sich über einen wie Trump aufzuregen.

Am Morgen des 7. Juli 2026 wache ich auf, und die Frage, wer muss nach Haus fliegen – Ronaldo oder Lamine Yamal – ist beantwortet. Der Altstar und fünfmalige Weltfußballer mit dem langen steifen Hals und dem strengen schnellen Schritt muss heimreisen; das junge Großtalent vom FC Barcelona dagegen wird am 13. Juli seinen 19. Geburtstag in den Vereinigten Staaten feiern. Zwei Nachbarländer, beide ganz oben in der FIFA-Rangliste, der Schiedsrichter aus England ­­­­­- europäischer hätte es nicht sein können. Ich habe mir das Spiel etwa 50 Minuten lang angeschaut, mir gab es zu viele Abspielfehler auf beiden Seiten, zu wenig Abwechslung. Die Klasse beider, mit Spielern aus den führenden europäischen Mannschaften gespickten Teams, leuchtete selten auf. Spanien wird sich im Viertelfinale gegen Belgien von seiner Zuckerseite zeigen müssen, denn die Belgier, rechtzeitig zu voller Kraft erwacht, ließen die USA (mit dem freitelefonierten Rotsünder Balogun im Sturmzentrum) schnöde untergehen.

21.30   – Nach den Gala-Vorstellungen der Engländer, Norweger, Franzosen, der Spanier gegen Ronaldos Portugiesen nicht ganz so gala – in der bisherigen K.o.-Runde wäre es eventuell an der Zeit, dachte ich, meine These von einer „Götterdämmerung“ des Fußballs der Alten Welt während der WM 2026 zu revidieren. Ich möchte sie relativieren. Was ich gemeint habe, das demonstrierten heute Abend in Atlanta die Spieler um Mo Salah. Der Kopf und Leitstern des ägyptischen Spiels machte aus allem, was die Mitglieder seiner Mannschaft aufzubieten haben, ein faszinierendes Maximum.

Der erste Angriff der Nordafrikaner – – und der Ball ist drin!

Curacao, Kap Verde, Ghana, die Demokratische Republik Kongo und zuletzt Mexiko machten es vor. Freilich, Ägypten brachte es – fast! – zum finalen Wunder der neuen Verhältnisse. Aber sorry, Wunder gibt es in der Bibel, in der Weltgeschichte dauern sie etwas länger. Zeitlos sind sie im Fußball. Dessen große Veränderungen vollziehen sich nicht erst mit dem Welttitel-Gewinn durch eine Mannschaft aus dem Kreis der großen Weltmehrheit. Die Wunder des Fußballs haben sich heute Abend in Vollendung im Match Ägyptens gegen Argentinien gezeigt. Für Ägypten war bereits das Erreichen des Achtelfinals ein historischer Moment. „Der 4:2-Sieg nach Elfmeterschießen gegen Australien war der erste K.O.-Runden Sieg Ägyptens in der Geschichte“, textet ARD Sportschau. de. Das heißt, Mannschaften wie die aus Ägypten haben im Bewusstsein des Westens die Länder der einstigen „Dritten Welt“ erstmals körperlich in Verbindung mit einer „Geschichte“ gebracht, die eine Westweltgeschichte ist. Und man darf nicht vergessen: Argentinien gehörte zum „unterentwickelten“ Süden, bevor es der Westen kolonisierte und europäisierte.

Das Tolle an dieser Begegnung waren die grundverschiedenen Auffassungen von Fußball. Argentinien verbindet die Spielfreude, die sensible Ballbehandlung, die man bevorzugt dem Süden nachsagt, mit der Disziplin und dem Kontrollbedürfnis des Nordens – und es verfügt über einen luxuriösen Fundus an Qualität. In Ägypten hat(te) der Fußball eine viel schmalere materielle Basis, er musste sich in viel kürzerer Zeit entwickeln. Mo Salah war erst in Jürgen Klopps Zeit bei Liverpool Ägyptens erster Weltstar, Argentinien dagegen war bereits 1930 Vizeweltmeister. Darum wetteten die wenigsten in Atlanta auf die Nordafrikaner. Aber sie (Yasser Ibrahim) schossen (15.) das erste Tor. Die Argentinier drängten und kombinierten, sie hatten jede Menge Chancen, Messi verschoss einen Elfmeter. Es war dann (67.) allerdings Mostafa Zico, der für Ägypten das grandios einfach und effektiv herausgespielte zweite Tor nachlegte.

Das 2:0 durch Zico war nur der Abschluss eines schöner nicht denkbaren Angriffs

Dem vorausgegangen war ein wahrscheinlich noch viel schönerer Angriff der Ägypter, der leider zurecht (VAR) nicht gegeben wurde, weil er durch ein ägyptisches Foul eingeleitet worden war. Wieder einer dieser magischen ägyptischen Umschalt-Konter vom eigenen Strafraum weg, mit zwei drei Pässen durchs Mittelfeld. „Was war das bitteschön für ein Weltklasseangriff?!“, fragt begeistert tagesschau.de (57.): „Tief aus der eigenen Hälfte heraus startet Hassan einen Konter, schüttelt auf dem Weg nach vorn zwei Argentinier wie lästige Fliegen ab, ebnet Salah den Weg, der dann den Traumpass durch die Gasse auf Zico spielt – und der chippt den Ball lässig ins Netz.“ Da dürften am Nil die Pyramiden gewackelt haben. Man traute in dieser Phase des Spiels den Ägyptern so langsam das Unmögliche zu, das Wunder. Das Spiel brachte alles auf den Rasen, was Fußball unwiderstehlich macht.

Das vollbrachten, allerdings auf ihre Art, auch die Argentinier. Nicht nur kamen sie bis etwa zur Minute 70 in diesem Spiel, sondern auch in diesem Text bis genau hier nicht wirklich zur Geltung. Aber die restlichen 20 Minuten gehörten auf eine Weise ihnen, die ihnen so leicht keiner nachmacht. Das Phänomen Messi (39) hat sich zur Krönung seiner Laufbahn noch einmal selbst erfunden. Immer wieder gesucht, löffelte er unermüdlich seine Kunstflanken in den Sechszehner. Altersbedingt langsamer im Antritt und konditionsschwächer als seine Mitspieler war er auf rätselhafte Weise immer zur rechten Zeit am rechten Ort, besonders in der Box. Sein Tor zum Ausgleich (83.) war der Gipfelbeweis dieser Fähigkeit. Argentinien spielte, einmal im Flow, so zwingend logisch und schnell nach vorne, dass der Siegtreffer durch Enzo Fernandes im letzten Moment (90. + 2) vor Beginn einer anstehenden Verlängerung wie selbstverständlich erschien.

Enzo Fernándes köpft das Siegtor

Zum Anfang zurück, zum Begriff „Götterdämmerung„. Sie erweist sich nicht immer im richard-wagnerisch schlussendlichen Untergang der Götter. Sie tritt in historischer Dialektik schon zutage, wenn in den Siegen der – oft immer noch recht leistungsfähigen – Götter die Verlierer als mindestens ebenso große Sieger den Platz verlassen. Diese WM wird neben Spanien oder Frankreich oder England oder Argentinien von Kap Verde über Ghana bis Curacao viele ruhmreiche weitere Weltmeister haben.

Am Folgetag, 9. Juli 2026, 14.50 drängt sich zum Spiel Ägypten – Argentinien ein Thema drastisch auf: während der laufenden Übertragung war es niemand aufgefallen, dass der argentinische Abwehrspieler dem angreifenden Ägypter in der rechten Ecke der Box (s. Abb. unten) absichtlich auf den Fuß getreten und ihm den Ball abgenommen hatte, womit der Angriff zu Fernándes‘ Siegtor begann. Anders als bei Zicos erstem Anlauf zum ägyptischen 2:0, der dito mit einem ägyptischen Foul eingeleitet wurde und bei dem sich der Video-Keller nachträglich eingeschaltet und dafür gesorgt hatte, dass der Treffer annuliert wurde – blieb der Keller im Fall des argentinischen Fouls (90.) stumm. Weitere Minuten davor, so reklamierten die Ägypter, hatte MacAlister im Sechzehner den angreifenden Fathy elfmeterreif am Trikot gezogen und am Torschuss gehindert.

Die Ägypter protestierten so vehement wie vergeblich. Schiedsrichter und VAR ließen sich im Fall des nichtgegebenen Elfmeters für Ägypten nicht einmal dazu bewegen, die Sache noch einmal zu begutachten. Das argentinische 3:2 hätte annuliert werden müssen. Der den Ägyptern gestohlene Elfmeter hätte mit großer Wahrscheinlichkeit, wäre er so kurz vor Spielende verwandelt worden, das Ausscheiden des amtierenden Weltmeisters mit sich gebracht. Das durfte offenbar nicht sein. Es war der bisherige Höhepunkt fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen bei dieser WM. – Der gegenwärtige Zustand der FIFA entspricht in seiner Rechtsfreiheit der Völkerrechtsfreiheit US-amerikanischer Außenpolitik. Trump und Infantino, zwei Kumpel im Geist der Welt Jeffrey Epsteins. Durchaus nicht auszuschließen darum, dass hier hinter den Kulissen Strippen gezogen wurden, die alles mit sehr viel Geld und nichts mit fairem Fußball zu tun haben.

Freitag, 10. Juli 2026, 8 UhrMarokko gegen Frankreich. Das erste Viertelfinalspiel weckte Erwartungen. Einer der Favoriten des Turniers gegen das Spitzenteam des globalen Südens. Es war eine Enttäuschung.

Dem marokkanischen Team fehlte der Mann, auf den sein Offensivspiel offenbar fundamental zugeschnitten ist: Ismael Saibari (die Bayern haben ihn, fraglich, wie lange Olise noch bleibt). Die Klasse der Marokkaner blitzte gelegentlich in ihrem gekonnt riskanten Defensivspiel auf, es schien über lange Phasen, als hätten sie nicht die Absicht, die eigene Hälfte zu verlassen. Das ähnelte dem Matchplan der Ägypter von vorgestern. Die setzten auf überraschend vorgetragene Konter. Dafür fehlten den Marokkanern aber Spieler und Mut. Und Frankreich hatte es nicht eilig. Mbappé verschoss erst einen Elfmeter (27.), bevor er sein Team mit einem Weltklasse-Rechtsschuss aus dem Gedränge vom halblinken Sechzehnerrand an den langen Innenpfosten, unhaltbar für den famosen Bono, nach einer Stunde (59.) endlich auf die Siegerstraße brachte. Ólise in seiner leichten, körperlos, mühelos wirkenden Art, sich mit Ball zu bewegen, war wieder eine Augenweide. Dembelé machte (65.) im Abschluss eines schnellen Spielzugs auf der Innenbahn den Sack zu.

Die Mannschaft Frankreichs – die perfekte Einheit von Eleganz, Schnelligkeit und Effektivität. Mbappé wächst gerade in einen Mythos hinein. Und er lässt sich den Mund nicht verbieten. Ein politischer Sportler gegen rechts, ein leuchtendes Gegenbild zum wüstenrot-braven deutschen DFB-Kicker. Mal sehen, ob irgendwer diesen lächelnden Siegern im Marseillaise-Format gewachsen sein wird. Aber zuerst mal morgen spätabends: Kane gegen Haaland.

12. Juli 2026, 14 Uhr – Wieder geht bei dieser WM der vermeintlich Schwächere „erhobenen Hauptes“ (sportschau.de) vom Platz. Norwegen war nach Ansicht der meisten Experten in der zweiten Halbzeit die bessere Mannschaft. Aber England gewann. Wieder zwei Sieger, von denen nur der eine in die nächste Runde einzieht. Es war auch nicht das erwartete Duell der beiden Mittelstürmer-Giganten. Sie gingen beide leer aus (wie all jene Fußballfans, die einfach keinen Bock auf Bezahl-Fernsehen haben und darum auf ein Live-Erlebnis dieses Spiels verzichten mussten). Es war gleichwohl ein großartiges Match wie immer, wenn Thomas Tuchel seine Hand im Spiel hat. Es gab ein bisschen Zoff danach, als der zweifache Torschütze Jude Bellingham im abklingenden Eifer der heißen Auseinandersetzung seinem Trainer widersprach. Der hatte trotz ihres Sieges seine Spieler kritisiert, sie hätten schlampig gespielt und zu langsam, sie hätten Glück gehabt, das heißt, hätten sie es nicht gehabt, hätten die Norweger gewonnen. So kann nur einer reden, sprach Bellingham trotzig, der in dieser Affenhitze nicht gegen Gegner wie Haaland, Oedegaard und Nyland hat spielen müssen. Der englische Kapitän Harry Kane besänftigte am Ende die Gemüter: der Trainer hat recht, sagte er, er verlangt von uns, dass wir im Spiel alles abrufen, was wir draufhaben – das haben wir in diesem Spiel nicht getan.

Nicht Glücklich mit der Performance, schlampig viele technische Fehler, es ist nötig, dass sie es besser machen„, so in den Worten Thomas Tuchels der Guardian-Cartoonist Ben Jennings, freilich mit Bezug auf die bisherigen Leistungen des neuen Mieters von 10, Downing St. (Tuchel ist nicht sehr beliebt in England, selbst seine Karikatur spricht böse Bände).

14. Juli 2026, 10 Uhr – Auf meine These vom Anfang dieses WM-Tagebuchs zurückzukommen, der globale Süden sei der eigentliche Gewinner dieser Weltmeisterschaft, stellt sich die Frage: wo bleibt in der Halbfinal-Reihe Frankreich, Spanien, England Argentinien der globale Süden? Denn Argentinien, wie schon erwähnt, ist heute faktisch ein stark europäisiertes Ex-Kolonialland.

Nun hat auf die dummerhaft direkte Weise der Faschisten (heute vornehm „Rechtsextremisten“) der spanische Ex-Premier Mariano Rajoy obige Frage beantwortet: Frankreich, so zitiert ihn tagesschau.de, verfüge über einen „Kader von höchstem Niveau. Allerdings ohne Franzosen“.

Nehmen wir zum selben Problem das Beispiel Deutschland. Dort spricht die AfD im Fall von Immigrantenkindern, die qua Geburt deutsche Staatsbürger sind, von „ Passdeutschen“. Komischerweise war nun gerade einer der Helden weiter Teile dieser AfD – er wurde im österreichischen Braunau geboren – ein klassischer Passdeutscher. Jesus Christus war zwar kein Passdeutscher, aber immerhin Palästinenser. Und der deutsche Fußball, was wäre er ohne AfD-Passdeutsche wie Jérôme Boateng, Mesud Ösil, Miroslaw Klose, Lukas Podolski, Karim Adeyemi, Antonio Rüdiger, Jamal Musiala und so weiter und so weiter?

16. Juli 2026, 10 Uhr – Es war bisher Frankreichs brillante Offensive, welche die Mannschaft strahlend über alle anderen erhob, wer sollte sie aufhalten? Im Halbfinale trafen die Franzosen nun auf Spanien, eine Mannschaft, die wie niemand sonst so mannschaftlich geschlossen, so logisch aufeinander abgestimmt verteidigt und angreift. Aber denken wir an Spanien in der Vorrunde gegen Kap Verde. Da wurde offenbar, dass dieses Team, immer wenn es das Spiel machen muss, Probleme bekommt. Insoweit war Frankreich der ideale Halbfinal-Gegner für die Iberer. Die spanischen Spieler sind ein vom Trainer Luis de la Fuente schon in ihren U15-Zeiten auf geradezu intuitive mannschaftliche Geschlossenheit orientiertes und eingespieltes Team, so einer der ZDF-Experten, Chris Kramer. Bis auf den unermüdlichen Youngster Lamine Yamal (19) haben sie nicht einen echten Weltstar in ihren Reihen, sind allerdings auf allen Positionen mit famosen Fußballern wie Dani Olmo oder Marc Cucurella oder Rodri besetzt. Sie mussten das Spiel nicht machen. Ihr Spiel bestand in der Entthronung der Rasenkönige Mbappé, Dembélé, Olise, Doué, für die es, wie für alle Könige, viele Höchsterwartungen, aber nur einen Thron pro Spielfeld gibt. Frankreich fiel seiner Prominenz zum Opfer, und da ist sie noch einmal, die Frage dieses Turniers: Wer hätte das gedacht?

Ein für die erste Halbzeit typisches Bild: mit zwei Mann kloppen die Argentinier Bellingham (10) zu Boden

13 Uhr – Ein richtig schönes Spiel war‘s nicht, das zweite Halbfinale England gegen Argentinien. Hitzig war‘s, spannungsgeladen, hochklassig, beinhart und wieder – wie so oft, wenn die Argentinier dabei sind – ein Spiel mit zwei sehr verschiedenen Hälften. Wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte Argentinien das Halbfinale nicht erreichen dürfen. England hätte es statt mit den Lateinamerikanern mit einer brandgefährlichen ägyptischen Mannschaft zu tun bekommen müssen. Denn Ägypten wurde das Halbfinale vom VAR-Keller gestohlen (siehe 9. Juli). Ein Halbfinal-Teilnehmer Ägypten passte offenbar nicht in die Pläne der FIFA, wie die ARD Sportschau nicht ohne gute Gründe vermutet. – Die ersten 70 Minuten kontrollierten die Engländer das Spiel, Thomas Tuchels Matchplan ging bis dahin voll auf: aus einer stabilen Abwehr heraus (unter besonderer Berücksichtigung Lionel Messis) forderten sie mit schnellen Kontern und atemberaubend weiten Diagonalpässen eins gegen eins den Gegner heraus. Die Argentinier setzten ihnen mit bösartig aggressiven Fouls Grenzen, bevorzugt Bellingham fiel ihnen zum Opfer.

Anderson (8) am Boden bekommt noch voll einen Tritt ab

Das hätte der Schiedsrichter mit drastisch gelben Karten von Anfang an beenden müssen, tat er aber nicht. Eine weitere unterirdische Schiedsrichterleistung dieses Turniers. Trotzdem gelang Anthony Gordon im Abschluss einer dieser schnellen, vertikalen englischen Reaktionen (55.) das 1:0, schönster Tuchel-Fußball. Über die Gründe, warum die Engländer danach „das Fußballspielen einstellten“ (Tuchel) lässt sich rätseln. England geriet in den letzten 20 Minuten der Partie in eine immer bedrohlichere Defensive. Tuchel habe falsch gewechselt, begann die englische Presse anderntags erneut zu fauchen, er habe ohne Not auf Fünferkette umgestellt. Meinem Eindruck nach war die englische Umstellung auf 5-4-1 die Folge des von Minute zu Minute ungeheuerlich anwachsenden Drucks der Argentinier. Ihre Möglichkeiten zum Ausgleich häuften sich in immer kürzeren Abständen. Messi bekam immer mehr Raum, er konnte immer häufiger ins Spiel eingreifen, Argentinien war zu diesem Zeitpunkt das eindeutig überlegene Team. Es schien geradezu unvermeidlich, dass die Südamerikaner durch Enzo Fernández (85) und Lautaro Martínez (90. + 2) noch gerade vor Beginn der Verlängerung den letztlich dann auch verdienten Sieg einfuhren. Der Grund aus meiner Sicht nicht falsche Taktik und nicht mangelnder Mut. Kane, Bellingham, Rice & Co hatten zu Beginn des Halbfinals ein Achtel- und ein Viertelfinale mit je einer Verlängerung in den Knochen (gegen Mexiko noch dazu 40 Minuten mit 10 Mann); dazu die strapaziösen Flüge zu den Spielen. Es fehlte ihnen nicht, wie die Britenpresse meinte, an der in diesen Fußballtagen fast mythisch immer wieder beschworenen „Mentalität“. Die hatte England gegen Mexiko und gegen Norwegen wahrhaftig bewiesen. Beide Male allerdings wie erwähnt unter Aufbietung letzter Reserven; kam hinzu, die Argentinier hatten die deutlich leichtere Strecke bis zum Halbfinale, ihnen war die Hitze vertrauter als den Europäern. England war um die ominöse 60. Minute herum schlicht am Ende seiner Kräfte. – Bliebe noch der Faktor Messi. Es war ein Erlebnis eigener Art, das Spiel dieses Fußball-Phänomens zu verfolgen. Bastian Schweinsteiger erinnerte im Gespräch mit Esther Sedlarcek daran: die deutsche Abwehr des WM-Endspiels in Brasilien konnte den 27jährigen Messi noch ausschalten. 2022 wird der bereits 35jährige als Herz der argentinischen Mannschaft in einem legendären Finale gegen Frankreich (Mbappé schoss damals drei Tore) nach Elfmeterschießen Weltmeister. Und nun, dreizehn Jahre später, stellt sich der fast 40jährige Mann noch einmal den Maßstäben eines WM-Turniers. Und wird ihnen auf eine Weise gerecht, die in der Geschichte des Fußballs bislang einmalig sein dürfte.

Standort Computer (C) S.Siegert

Freitag, 17. Juli 2026, 15.30 – Mal sehen, wie die Spanier Messi ausschalten oder eben nicht; wie sie selbst ihre Angriffe organisieren und zuspitzen, ohne die vielgepriesene Abwehr zu schwächen. Und was die Argentinier gegen eine ausgeruhte spanische Mannschaft auszurichten imstande sind. Ich hätte mir Tuchels Engländer im Finale gewünscht. Gegen ein locker aggressives Spanien. Ich wünsche Argentinien die unverzügliche Rückgabe der Malvinas, ich wünsche Spanien die unverzügliche Rückgabe Gibraltars. Ich gönne Lionel Messi den letzten Triumph seiner großen Karriere (aber bitte nicht auf diese zweckmäßig megabrutale Tour seiner Mitspieler wie gegen England und nicht unter Mithilfe eines erneut skandalös pfeifenden Schiedsrichters). Und ich wünsche Lamine Yamal den großen Durchbruch nach seiner Verletzung, ihm und uns einen großen Abend.

Argentiniiens Torwart Martinez hatte viel zu tun

20. Juli 2026 – Den großen Abend hatten wir. Auch ohne die großen Torszenen am laufenden Band, ohne Yamals großen Durchbruch, ohne das große Spektakel. So aufregend ist Fußball, wenn sich zwei Mannschaften auf Augenhöhe und auf technisch höchstem Niveau auf Fehler hin belauern, wenn sie in jedem Moment umschalten können oder überraschend auf vertikal schalten statt auf quer oder zurück. Alle schauten ausdauernd – wo ist Messi, kommt er irgendwann wie gegen England doch noch spielentscheidend an den Ball, vollendet er seine Vollendung (ein pathosverliebter Oliver Schmidt im ZDF-Kommentar) auch im letzten Spiel seiner internationalen Karriere? Er tat es nicht, Spanien ließ es nicht zu, die Mannschaft spielte weltmeisterlich perfekt. Es war faszinierend, wie organisch und ruhig die Iberer in den wenigen Momenten dieser Begegnung, in denen die Argentinier bis in den spanischen Sechzehner vordrangen und Gefahr heraufbeschworen, die Ordnung wiederfanden, sich ausbalancierten und erneut, ohne sich dem Risiko des Zufalls zu überlassen, zum Angriff übergingen. Argentinien brachte erneut die skandalös absichtliche Härte und die ekligen Gemeinheiten ins Spiel, für die sie in dieser WM berüchtigt waren und auch der Schiedsrichter dieser Partie brauchte erneut 40 Minuten, bis er die erste gelbe Karte gegen die Südamerikaner zückte. Deutschland war an diesem Abend dort vertreten, wo es zurzeit hingehört: im Keller. Aber auch dort versagten wir: ob in der 96. Minute Merino, bevor Williams zur Führung einnetzte, den Argentinier Otamendi tatsächlich regelwidrig abräumte wie der deutsche VAR Bastian Dankert am Bildschirm bestätigte, scheint mir auf dem von Argentinien in diese WM eingebrachten Härtenivea fraglich. – Reden wir kurz von der nur noch so genannten „Halbzeitpause“. Sie entsprach fulltrumpy der Zukunft, die uns aus Richtung FIFA droht. Und niemand, auch der ansonsten unter den vom ZDF aufgebotenen Experten beeindruckend eloquent sachkundige Chris Kramer nicht, traute sich, die Dinge beim Namen zu nennen:

Jenniver Hudson vermasselte die US-Hymne stilsicher; wir alten Leute sehnten uns an dieser Stelle intensiv nach Jimi Hendrix

Mit Ausnahme der südkoreanischen Band BTS – peinlich billigster Popschrott aus der Klamottenkiste der epsteinesken Kehrseite einer großen Kulturnation. Die UEFA sollte aus der FIFA austreten, falls sich sowas (inklusive Trink/Werbepausen) bis nach Europa ausbreitet.

Die Herrschaften hinterm Panzerglas der Eitelkeiten

Im Sinn meiner Gedankenspiele vom Fußball als einer Allegorie der Zeitgeschichte fragte man sich während der Übertragung: wo in dieser Show zweier eitler, alter weißer Männer von den beiden Seiten des Nordatlantik; wo in der bei Weltmeisterschafts-Schlussritualen üblichen Reihe der Gratulanten aus Sport und Politik war der im Stadion anwesende spanische Regierungschef Pedro Sanchez? Ein Wunder, dass Trump ihn überhaupt ins Land ließ. Wie es sich für westliche Demokratien gehört, wurde Spanien bei der Zeremonie vom König vertreten. Immerhin ist Sanchez der einzige westeuropäische Politiker, der sich der trumpistischen Politik der Gewalt, desTerrors und der Open end-Kriege verweigert. Man brauchte zuschauend nach der Monster-Show eine Weile, bis man wieder aufs Niveau des spanischen Fußballs zurückfand. Argentinien versuchte anfangs, etwas höher zu pressen als es vor Madonna und Shakira der Fall gewesen war. Es fruchtete nicht. Rodri, Olmo, Cucurella, Cubarsi behielten die Oberhand und steuerten souverän und mit jeder

Minute gefährlicher auf Spaniens zweiten Stern zu. Man ging zufrieden zu Bett in dieser Nacht. Trotz Trump und Infantilo Intriganti. Man wachte klaren Kopfes auf heut morgen und dankte von Herzen noch einmal dem zurückhaltenden, großartigen Luis de la Fuente in seiner ganzen, wunderbaren Bescheidenheit und Konzentration aufs Wesentliche für einen anspruchsvollen begeisternden Fußballabend.

Hier noch der deutsche Nationalepilog zur WM 2026.

(Foto: DFB-Website)

Nach der Tabula rasa, die Julian Nagelsmann am Ende seiner Bemühungen hinterließ, bedurfte es der Ultima ratio, ein Messias musste her. Der hatte sich, gewieft wie er ist, als Magenta-Experte bereits feixend in Stellung gebracht. Jürgen Klopp, Supermann und Erlöser vom Dienst.

Schon die Anbahnung hatte etwas von sixtinischer Kapelle. Die Kardinäle Neuendorf und Watzke reisten zunächst nach New York zum Kandidaten. Da war Deutschland für Momente eine einzige Fankurve, die schwarzrotgelbe Wand sozusagen. Nach Tagen nicht ganz so einfacher Verhandlungen war offenbar alles gebongt. Weißer Rauch stieg auf. Das Volk war erleichtert. Aber der Erwartungshorizont war so grell, die Vorschusslorbeersuppe so dick und fett, dass sich ein leises „Wenn das man gutgeht!“ einfach aufdrängte. Denn was von Jürgen Klopp erwartet wird, hat nicht weniger als etwas Übermenschliches. Immerhin, dachte man fürs Erste, habemus papam – wer, wenn nicht ER, kann auch übermenschlich und sogar Papst?

Ersten Aufschluss darüber, wie es weitergehen kann, brachte Klopps Pressekonferenz am 24. Juli in der DFB-Zentrale in Frankfurt. Was er vorhat mit der Nationalelf weckt Hoffnungen. Was er mit der Verpflichtung eines handverlesenen Trainerteams an Wegrichtungen vorgibt, macht positiv neugierig. Den stärksten Eindruck hinterließen (offensichtlich nicht nur bei mir) seine Worte direkt an die Presse. Harte Worte gegen eine amöbenhafte, chimärische Branche, die es verdient, geduzt zu werden. „Ich lade euch ein, ich habe Bock“, sagte er ihnen. „Das, was ich gemeinsam mit meinem Trainerteam mache, mache ich nicht für mich. Ich mache das nicht gegen euch, sondern für euch“. Er meinte mit „Euch“ natürlich auch die Fans. Aber überdeutlich hatte er damit erst einmal nicht „die“ Presse im Blick, sondern vorrangig eine bestimmte Presse. Was einige Kollegen dazu inspirierte, seine klaren Worte gegen die gewissenlose Brutalität des privaten und öffentlich-rechtlichen Boulevards als Forderung nach einem Maulkorb für alle Journalisten misszuverstehen. Sie warfen sich ins Zeug:

Auf diese Weise hat nun Jürgen Klopp auch noch das Verdienst, die ganze, soll man sagen, Verlogenheit 2.0 von Teilen der schreibenden Zunft herausprovoziert zu haben, vielleicht auch die Feigheit oder am Ende den Herdentrieb. Der sportschau.deReporter Johannes Seemüller krönte in seinem oben zitierten Kommentar zur PK diese Haltung allen Ernstes mit dem flammenden Appell: „Auch dem großen Hoffnungsträger Jürgen Klopp sollte klar sein: Respekt erzwingt man nicht durch die Androhung von Liebesentzug oder Jobflucht ohne Abfindung. Man verdient ihn sich im offenen, manchmal auch schmerzhaften Dialog.“

Im „auch schmerzhaften Dialog“ mit der Anzeigenabteilung, möchte man ergänzen. Mit der Textredaktion, dem Herausgeber, der Fraktionsführung, dem Bundesvorstand – mit allen, die einem offen oder indirekt Sanktionen androhen, sollte man sich im Interesse von Eigenheim und Pensionsregelung nicht im Rahmen des angesagten Wording und Framing bewegen. „Offene und manchmal auch schmerzhafte Dialoge“ sind – angesichts der Wirklichkeit der von Johannes Seemüller herbeigebeamten „freiheitlichen Demokratie“ – nurmehr ein zynischer Witz.

Jürgen Klopp ist das wahrscheinlich alles egal. Er ist auf eine vergleichsweise irgendwie sympathische und glaubhafte Weise Teil des Systems. Er dient ihm, aber er geht dabei hopefully nicht über Leichen. Es ginge ihm um die Sache, sagt er, um den deutschen Fußball, von der Kreisliga bis zur Nationalelf. Also nicht um seine Karriere. Krönend abgeschlossen mit dem Bundestrainer ist sie kein Thema mehr. Und es geht Klopp um sich in dem Sinn, dass er von der Presse nicht so behandelt werden möchte wie Julian Nagelsmann oder Thomas Tuchel von der englischen Presse. Darum geht es ihm auch um seine Familie, die er vorm grenzüberschreitenden Boulevard schützen muss. Dass es ihm auch um das Land geht, darf man ihm abnehmen.

Aber wer ist „das Land“? Ist es der Staat Deutschland, sind es mithin die Eliten und ihre Regierung, die natürlich darauf zählen, dass sich mit Jürgen Klopps begeisterndem Umschaltfußball die Produktivität wieder ein bisschen steigern ließe, bei Rheinmetall etwa, bei Krupp-Thyssen Kriegsschiffbau und so weiter. Das funktioniert aber nur über die analogen Faktoren Arbeitskraft und Kreativität. Da sind wir wieder bei den sogenannten „Massen“, bei der Bevölkerung, den „84 Millionen“ Fußball-Fans in Deutschland. Um die geht es Klopp, wenn er vom „Land“ spricht. Rheinmetall und Konsorten, so möchte man ihn verstehen, muss er dabei systembedingt hinnehmen.

Die Massen, das sind am Ende wir. Und im Interesse unseres Fußballvergnügens hoffen wir, dass Kloppo es schafft. Dass er aus der Asche eines unvermeidlichen weiteren Bedeutungsabstiegs Deutschlands einen frischen spielwitzigen Phönix aufsteigen lassen kann. Und dass er uns, die wir materiell von der Asche unmittelbar betroffen sind, das Leben für die Länge eines Fußballabends wieder einmal so richtig schön lebenswert macht.

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