Jürgen Klopp intra portas

(…) Schon die Anbahnung hatte etwas von sixtinischer Kapelle. Die Kardinäle Neuendorf und Watzke reisten zunächst nach New York zum Kandidaten. Da war Deutschland für Momente eine einzige Fankurve, die schwarzrotgelbe Wand sozusagen. Nach Tagen nicht ganz so einfacher Verhandlungen war offenbar alles gebongt. Weißer Rauch stieg auf. Das Volk war erleichtert. Aber der Erwartungshorizont war so grell, die Vorschusslorbeersuppe so dick und fett, dass sich ein leises „Wenn das man gutgeht!“ einfach aufdrängte. Denn was von Jürgen Klopp erwartet wird, hat nicht weniger als etwas Übermenschliches. Immerhin, dachte man fürs Erste, habemus papam – wer, wenn nicht ER, kann auch übermenschlich und sogar Papst?

Ersten Aufschluss darüber, wie es weitergehen kann, brachte Klopps Pressekonferenz am 24. Juli in der DFB-Zentrale in Frankfurt. Was er vorhat mit der Nationalelf weckt Hoffnungen. Was er mit der Verpflichtung eines handverlesenen Trainerteams an Wegrichtungen vorgibt, macht positiv neugierig. Den stärksten Eindruck hinterließen (offensichtlich nicht nur bei mir) seine Worte direkt an die Presse. Harte Worte gegen eine amöbenhafte, chimärische Branche, die es verdient, geduzt zu werden. „Ich lade euch ein, ich habe Bock“, sagte er ihnen. „Das, was ich gemeinsam mit meinem Trainerteam mache, mache ich nicht für mich. Ich mache das nicht gegen euch, sondern für euch“. Er meinte mit „Euch“ natürlich auch die Fans. Aber überdeutlich hatte er damit erst einmal nicht „die“ Presse im Blick, sondern vorrangig eine bestimmte Presse. Was einige Kollegen dazu inspirierte, seine klaren Worte gegen die gewissenlose Brutalität des privaten und öffentlich-rechtlichen Boulevards als Forderung nach einem Maulkorb für alle Journalisten misszuverstehen. Sie warfen sich ins Zeug:

Auf diese Weise hat nun Jürgen Klopp auch noch das Verdienst, die ganze, soll man sagen, Verlogenheit 2.0 von Teilen der schreibenden Zunft herausprovoziert zu haben, vielleicht auch die Feigheit oder am Ende den Herdentrieb. Der sportschau.deReporter Johannes Seemüller krönte in seinem oben zitierten Kommentar zur PK diese Haltung allen Ernstes mit dem flammenden Appell: „Auch dem großen Hoffnungsträger Jürgen Klopp sollte klar sein: Respekt erzwingt man nicht durch die Androhung von Liebesentzug oder Jobflucht ohne Abfindung. Man verdient ihn sich im offenen, manchmal auch schmerzhaften Dialog.“

Im „auch schmerzhaften Dialog“ mit der Anzeigenabteilung, möchte man ergänzen. Mit der Textredaktion, dem Herausgeber, der Fraktionsführung, dem Bundesvorstand – mit allen, die einem offen oder indirekt Sanktionen androhen, sollte man sich im Interesse von Eigenheim und Pensionsregelung nicht im Rahmen des angesagten Wording und Framing bewegen. „Offene und manchmal auch schmerzhafte Dialoge“ sind – angesichts der Wirklichkeit der von Johannes Seemüller herbeigebeamten „freiheitlichen Demokratie“ – nurmehr ein zynischer Witz.

Jürgen Klopp ist das wahrscheinlich alles egal. Er ist auf eine vergleichsweise irgendwie sympathische und glaubhafte Weise Teil des Systems. Er dient ihm, aber er geht dabei hopefully nicht über Leichen. Es ginge ihm um die Sache, sagt er, um den deutschen Fußball, von der Kreisliga bis zur Nationalelf. Also nicht um seine Karriere. Krönend abgeschlossen mit dem Bundestrainer ist sie kein Thema mehr. Und es geht Klopp um sich in dem Sinn, dass er von der Presse nicht so behandelt werden möchte wie Julian Nagelsmann oder Thomas Tuchel von der englischen Presse. Darum geht es ihm auch um seine Familie, die er vorm grenzüberschreitenden Boulevard schützen muss. Dass es ihm auch um das Land geht, darf man ihm abnehmen.

Aber wer ist in diesem Fall „das Land“? Ist es der Staat Deutschland, sind es also die Eliten und ihre Regierung, die natürlich darauf zählen, dass sich mit Jürgen Klopps begeisterndem Umschaltfußball die Produktivität wieder ein bisschen steigern ließe, bei Rheinmetall, Krupp-Thyssen Kriegsschiffbau und so weiter. Das funktioniert aber nur über den Faktor Arbeitskraft und Kreativität. Da sind wir bei den sogenannten „Massen“, bei der Bevölkerung als 84 Millionen Fußball-Fans. Um die geht es Jürgen Klopp, das ist ihm abzunehmen. Rheinmetall und Konsorten, so möchte man ihn verstehen, muss er dabei systembedingt hinnehmen.

Die Massen aber, das sind am Ende wir. Und im Interesse unseres Fußballvergnügens hoffen wir alle, dass Kloppo es schafft. Dass er aus den Trümmern der Vergangenheit einen Phönix generieren kann. Der aus der Asche eines unvermeidlichen weiteren Bedeutungsabstiegs des Landes aufsteigt und uns, die wir materiell von dieser Asche unmittelbar betroffen sind, das Leben für die Länge eines Fußballabends wieder einmal so richtig schön lebenswert macht.

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