Schubert.8.Sinfonie.Blomstedt.

Der Musikwissenschaftler, Autor und Dirigent Peter Gülke macht keinen Hehl aus dem wohlbegründeten, gleichwohl immer noch mehrheitlich als frivol angesehenen Gedanken, Schubert stünde in der Bedeutung für die Musik seinem Idol Beethoven in nichts nach. Wer Probleme mit diesem Gedanken hat, sollte auf Youtube aus dem fabelhaften Videoangebot der Elbphilharmonie die Aufführung der späten C-Dur Sinfonie Schuberts mit dem von Herbert Blomstedt geleiteten NDR-Elbphilharmonieorchester erleben.

Wie alles, was der späte und letzte Schubert komponierte, setzt sich auch sein sinfonisches Schlusswort mit Beethoven auseinander, in diesem Fall mit dessen neunter Sinfonie. Schuberts Autograph verfiel zu seiner Zeit, als zu lang (ca. 60 Min.) und zu schwierig beiseite gelegt, für mehr als zehn Jahre in den Archivschränken der Gesellschaft für Musikfreunde der, wie Marx für solche Fälle sagte, nagenden Kritik der Mäuse; die Wiener Musikfreunde selbst bekamen die zwischen 1825 und 1828 komponierte Sinfonie in voller Länge erstmals 1850 zu hören. Sie firmierte lange Zeit als Schuberts 9. Sinfonie, seit 1978 ist sie korrekt und definitiv die achte.

Wie ernst es Schubert mit dieser Wortmeldung war, tönt nicht zuletzt mit den absichtsvoll präsenten Pauken und drei Posaunen ins Ohr, die Schubert für nötig hielt. Sie geben der Musik an vielen Stellen etwas Feierliches oder Bedrohliches – eine Sorte Bedrohlichkeit freilich, die, wenn überhaupt an etwas, dann nicht an die triumphal sieghafte, wahlweise kerkertief verlorene Bedrohlichkeit Beethovens erinnert, mehr an Mozarts lebensvoll dramatische Don Giovanni-Musik.

Schuberts so gewaltiges, wie zu seinen Lebzeiten in großen Teilen übersehenes Spätschaffen ist kein angestrengtes „Das kann ich auch!“ in Richtung Beethoven. Es ist, selbstbewusst, unaufdringlich, meisterhaft verwirklicht, ein „Das mache ich auf meine Weise!“ Zum Beispiel das in Beethoven 9. Sinfonie im dritten Adagio-Satz ausgebreitete Idyll harmonischen Zusammenlebens. Bei Schubert findet es, eingeleitet von einem vorwärtsdrängend tänzerischen Marsch, an der „richtigen“ Stelle statt, im zweiten Satz, wenn der mit dem zweiten Thema verspätet seinen herrlich sanglichen Andante-Charakter bekommt. Oboe und Klarinette sind die Sänger, das Horn hat in dieser Sinfonie ohnehin eine tragende Rolle. In seiner dito auf Youtube vorhandenen Einführung führt Blomstedt Schuberts C-Dur Sinfonie auf eine, in der Zeit vor der Komposition absolvierte Alpenwanderung des Komponisten zurück. Der tänzerische Marsch führte in dem Fall durch die Berge, mit allem Drum und Dran.

 Die sich bei Beethoven erst im Finale entfaltende Haltung menschheitlicher Hochgestimmtheit höre ich – so etwas kann einen auch im Gebirge erwischen – bei Schubert schon im Trio des Scherzo. In seinem Beginn eine vom Rhythmus der ersten beiden Takte betriebene, schwungvolle Aufgeräumtheit. Blomstedt hört in seiner heiter freien Einführung an dieser Stelle in den Klarinetten und Oboen die Alpenbewohner jodeln, ein Musikstück vollendet sich endgültig erst in den verschiedenen Einzelnen, die zuhören, einerlei: eins kann in diesem Trio die hymnische Energie menschennaher Freude hören, wie sie so intensiv, so intim nur sozialen Utopien eignet.

Der Schwede Herbert Blomstedt, er fühlte sich von 1975 bis 1985 als Chefdirigent der dortigen Staatskapelle im Dresden der DDR gut aufgehoben, ist einer der allerletzten Vertreter der Generation großer Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Die am Beginn des 21. Jahrhunderts gefragte Grelle von Farben, Dynamik, Akzenten ist Blomstedts Sache nicht. Sein Espressivo kommt von innen, es ist darum nicht weniger deutlich und spürbar. Der Fünfundneunzigjährige strahlt zurückhaltend starke Empathie aus und lässt sie in seinen Orchestern musikalisch zu Klang werden. Er sorgt dafür, dass die mit ihm arbeitenden Klangkörper überaus verständlich sprechen, sie werden mit ihm zu Fremdenführern durch erstaunlich viel Unbekanntes.

Der alte Mann steht fest auf dem Podium. Er löst spielend gestisch, körperlich kaum reduziert, Impulse aus, er dämpft Wirkungen, bringt ins Scherzo und den Finalsatz den nur Schubert eigenen rhythmischen Spirit ein. Da ist – in dieser Form undenkbar bei Beethoven – das ungemein tänzerische, swingende, wie das gut geölte Uhrwerk freudiger Ungeduld kreiselnde zweite Thema des letzten Satzes. Auf eher still vergnüglichen Wegen hat es beim alten Blomstedt die ewigjunge Herzenstanzbarkeit Schuberts.

Der lässt danach seiner Beethovenverehrung freien Lauf: wörtliche Erinnerungen an Takte des Freudenthemas geistern, mehr variiert als zitiert, durch die Partitur – der perfekt verschuberte Beethoven. Am Vorbild interessierte Schubert kein großer Atem, kein Appell. Der Zug ins universell Humane bei ihm ist zurückgenommen in etwas, das nicht aufhören kann zu tänzeln. Dann aber doch. Es wird am Ende laut und groß auch bei Schubert. Den Höllenschluss im Don Giovanni streifend, Durchbruch und Zusammenbruch sind zum letzten Mal in dieser Sinfonie dichtebei, steuert Schubert das Werk zum Triumph.

Man hört das alles bei Blomstedt nur, weil er die enormen Kontraste, die Schubert im Kampf mit dem Titanen aufbietet, nicht im Augenblick schafft, in dem sie erklingen. Bei ihm entstehen sie im Zusammenhang ihrer Vorgeschichte und ihres weiten Umfelds. Herbert Blomstedt hat nicht nur nicht zu knapp Musikantenblut in den Adern, er hat den Überblick. Eine Frage offenbar nicht nur biblischen Alters. Junge Welt, November 2021

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