Letzte Nachricht im Fall Infantino

Gianni Infantino hat den Bogen überspannt. Er ist ihm – auf dem Höhepunkt seiner Macht – unter den langen Fingern zerbrochen. Erstaunlich, welch taktische Fehler sich das IT-gerüstete Establishment des Westens noch leistet. Da haben sie es doch tatsächlich geschafft, das politisch heillos zerstrittene und ins Aus gemanagte Europa innerhalb eines Tages an einen Tisch zu bringen und sich dann auch noch auf uralte Traditionen der europäischen Arbeiterbewegung zu besinnen, denn: „Mann des Fußballs aufgewacht / Und erkenne deine Macht“, tönt es da wie von fernher aus der aktuellen UEFA-Entschließung zum Fall Infantino herauf – „alle Stadien stehen still/wenn dein starker Fuß es will“ (Smiley).
Aleksander Ceférin und Hans-Joachim Watzke als die führenden Köpfe der UEFA haben sich bisher keineswegs eilfertig um die sozialen Belange jener übergroßen Bevölkerungsmehrheit gekümmert, denen sie Macht und Geld verdanken. Jetzt aber, in einer Front mit den 55 Mitgliedsverbänden des europäischen Fußballs, kramen sie das einzig verlässliche MIttel gegen einen Putsch von oben aus der sozialdemokratischen Mottenkiste: den Generalstreik. Denn zwei Tage nach Infantinos dreistem Putschversuch (Verkauf des Fußballs an Börse und Investoren) verkündete die UEFA eine unmissverständliche Drohung: Sollten Infantinos FIFA-Pläne Wirklichkeit werden, würde sich Fußball-Europa an keinem einzigen mehr, der von der FIFA in Zukunft ausgerichteten Turniere beteiligen. Die CONCACAF, der Verband für Mittel- und Nordamerika und die Karibik (in ihm die drei WM-Veranstalter Kanada, Mexiko und USA) und der Asiatische Verband (AFC) schlossen sich an, drei Schwergewichte aus der Reihe der fußballerisch relevanten Kontinente – in summa sieht so etwas doch aus wie das Muster eines entschiedenen Die-Stirn-Bietens, wie der mutige Versuch einer kämpferischen Einheitsfront.
Was erreichten sie damit? Alles. Am 30. Juli, einem Dienstag, der Putsch. Am unmittelbar folgenden Samstag das Aus der Pläne Infantinos. Die wichtigste Karte seines House of Cards war gekippt. Sie brachte die Putschpläne ins Wanken. Sein zum Nutzen der mächtigen Dynastien Kushner und Trump sowie anderer Teile des Epstein-Orbit erdachter letzter großer Coup, er war an einem Generalstreik zerschellt. Aber wie sich bis zum 10. August feststellen ließ, ist Gianni Infantino keiner, der so leicht aufgibt, er weiß sich des Dollar zu bedienen. Etliche FIFA-Millionen dürften kurz mal Richtung Golf, Afrika, Mexiko und Argentinien verschwunden sein, kein Kontoauszug wird sich davon jemals sehen lassen. Der ehrenwerte Arsene Wenger, einst als Arsenal-Trainer ein Muster an Integrität, heute FIFA-Verantwortlicher für die globale Entwicklung des Fußballs, reichte nach anfänglichen Zweifeln am Chef Infantino helfend die – offene – rechte Hand. Und schon droht Infantino wieder. Sich von ihm befreien wird die FIFA nicht können, sie ist dafür zu gut von ihm aufgestellt. Sie müsste von außen befreit werden. Ob das aber der UEFA und mit ihr dem zumindest im Verbandsfußball plötzlich erstarkten Europa und seinen Kontinentalverbündeten gelingt, wird sich schlussendlich erst auf dem nächsten FIFA-Kongress im März 2027 in Marokko zeigen (siehe Screenshot oben). Der Weltfußball, soweit ist klar, ist tief gespalten.
Immerhin sieht es so aus, als habe sich im Hochsommer 2026 in Gestalt der UEFA historisch erstmals seit langer Zeit ein Teil jenes globalen Bürgertums wieder zu Wort gemeldet, der mit den alttestamentarisch-elitären Vorstellungen der radikal-konservativen Eliten der USA nicht einverstanden ist. Es mag vermessen sein, als Gegenmodell den umstrittenen Schöpfer eines stabil erfolgreichen bayrischen Fußballkonzerns aufzurufen. Aber Uli Hoeneß, so trickreich, aggressiv und CSU-lastig er ist, scheint einer der letzten Aufrechten eines auf der Liste der bedrohten Arten ziemlich weit oben stehenden deutschen Mittelstands zu sein. Schon dass Hoeness seinen Steuerbetrug im Knast, wegen guter Führung verkürzt, tatsächlich abgebüßt hat, hebt ihn aus der Phalanx deutscher Cum Ex-Räuber heraus, er gehört nicht zu ihnen. Nach meinem Eindruck versucht er gegen ein nahezu systemisch anders aufgestelltes Umfeld, am Gedanken festzuhalten, es sei auch mit bejahrten Methoden wie etwa der Devise „Treu und Glauben“ immer noch möglich, extrem viel Geld zu verdienen.
Das globale Bürgertum war schon immer gespalten in einen aggressiv expansiven und einen moderat friedlicheren Teil. Jetzt spaltet es sich an der Frage: Soll wirklich ausnahmslos alles auf der Welt käuflich sein? Und selbst Fußballgeneigte sind überrascht, dass ausgerechnet an diesem Punkt anscheinend auch konservativere Mitbürger und Mitbürgerinnen zu ahnen beginnen, dass man Geld nicht essen kann. Oder wie Max Eberl, der Sportdirektor des FC Bayern es auf den Punkt brachte: „Ich schäme mich dafür, dass wir im Fußball über solche Gedanken reden. Der Fußball gehört uns nicht. Das ist ein Spiel. Die FIFA ist dazu da, um das Spiel zu begleiten, es in Formen und Regeln zu bringen und Weltmeisterschaften auszurichten. Momentan habe ich das Gefühl, die FIFA ist dazu da, nur Profit zu machen.“
Unvergesslich der Tag in meiner Jugend, als die in Sachen Papsttum und Fußball unerreichte Bildzeitung zur Europapokalbegegnung FC Barcelona gegen den HSV anno 1961 ihren Sportteil mit einer mir damals schon stark einleuchtenden Schlagzeile aufmachte. Der FC Barcelona, die große Welt des Fußballs, war im damals fußballerisch eher provinziellen Hamburg zu Gast. Der Hamburger Linksverteidiger (im damaligen 2 – 3 – 5 System) hieß Erwin Pichowiak. Ein stämmiges kleines Kraftpaket aus der Unterschicht. Rote Hose, weißes Trikot, roter Haarschopf mit roten Koteletten, blaue Stutzen mit der HSV-typischen, am oberen Rand im horizontalen Wechsel weiß-schwarzen Blende. Ausgebildet im Metallhandwerk, war Pichowiak das Muster eines Amateurfußballers. Sein Gegenspieler Zoltan Czibor, der Linksaußen der Spanier, war bis zum Volksaufstand 1956 Mitglied der im WM-Finale 1954 gegen die BRD unterlegenen Nationalelf der gewesenen Volksrepublik Ungarn. Deren Fußballer galten noch in den 1960er Jahren als die besten der Welt. Auch Zoltan Czibor verdiente Summen, die für hamburger Amateurkicker wie unseren Picho damals astronomisch gewirkt haben müssen.
Wie packte Bild die Sache 1961 an? „Schlosser gegen Millionär“ stand halbfett oben auf der Sportseite. Karl Marx hätte die Bildzeitung ans Herz gedrückt, so begeistert wäre er von so viel Klassenbewusstsein in so packend kurzem Zugriff gewesen. Er wäre auch bei Gelegenheit der UEFA-Entschließung gegen FIFA und Trump hocheinverstanden gewesen mit so viel Vertrauen in die Kraft des einheitlich organisierten Widerstands gegen die Fußball-Machthaber marktradikaler Demokratie. Schlosser gegen Millionär. Das ist wie Straßenkicker gegen Dressurreiter. Den Unterschied macht die sogenannte Masse, das sind am Ende wir da unten. Schaltet man sie aus, erledigt man nicht nur den Fußball.
