
St. Georg ist ein alsternaher, von alter Architektur und dunkel vielgesichtigen Innenhöfen geprägter Hamburger Stadtteil. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs mischte sich hier die alteingesessene Bevölkerung, Handwerker, kleine Beamte, Ladenbesitzer, zwanglos mit Künstlern, Schauspielern vom Schauspielhaus, Intellektuellen, Studenten. Es entstand ein atmosphärisch interessantes Gemisch aus Arbeit, Alltag und Kreativität, ein Stadtteil mit Alsterblick.
Beginnend in den Nullerjahren wurde nun allerdings auch dieser Stadtteil, von der – -Vergebung – – dissozialen Seuche einer kulturbarbarischen Wirtschaftslogik namens „Neoliberalismus“ erfasst. Dessen „marktradikale Handlungsimpulse“ erwischten 2012 auch den Buchladen „Dr. Robert Wohlers“ in der Langen Reihe 68. Ein ganz gewöhnlicher Hausbesitzer hatte den für ganz gewöhnliche Hausbesitzer offensichtlich zwingenden Gedanken: dermaßen viele Quadratmeter, in bester Lage, mit repräsentativer Originalfassade, gusseiserne Löwenköpfe am Eingang inclusive – und das alles gefüllt mit ein Paar läppischen Büchern und etwas so prickelnd Neuem wie ein Antiquariat? Er trieb die Miete schlagartig in Höhen, bei denen er sicher sein konnte, sie würden für den armen Wohlers „nicht mehr darstellbar“ sein. Wir Bürgerinnen und Bücherfreunde gingen auf die Straße. Die Lange Reihe war für eine Stunde dicht, die Polizei stand friedlich dabei. Eine Welle der Sympathie und Solidarität schlug über Jürgen Wohlers zusammen. Wir marschierten zum Büro des geldgeilen Bücher-Verkenners und Kulturbarbaren, wir beschimpften ihn megaphonisch aus allen Rohren. Aber dieses Land und sein Rechtssystem, das muss man zugeben, wurden nicht fürs Volk erfunden, schon gar nicht für Buchladenbesitzer. Beide gelten ganz oben erkennbar eher als störend.
Es fand sich aber medientauglich ein „Immobilienmogul“, der dem armen Wohlers in letzter Minute einen wesentlich kleineren Eckladen am Ossietzky-Platz zuwies. Vonwegen, die Hausbesitzer sind alle einfach nur scharf auf Höchstrendite. Es gibt auch noch andere. Dagegen, dass diese, so sie das überhaupt wollten, irgend etwas an der für Schlechterverdienende katastrophalen Situation auf dem Wohnungsmarkt ändern, spricht allerdings die zunehmende Zahl reich ausgestatteter Allwetter-Rentner, die sich per Eigentum in St. Georg ein interessanteres Alter herbeizusehnen scheinen. Wohlers neue Adresse von 2014 bis 2026: Lange Reihe 38.
Auch dieser Laden, obgleich erheblich kleiner im Innern wie in der Fensterfront, hatte seinen Wohlerschen Charme und war wiederum architektonisch ein Hingucker. Ein Altbau. Im Glas der Fenster zum Platz hin spiegelte sich im Sommer das Grün der alten Bäume am Markt und an der Langen Reihe. Überm Eingang eine alte gelbe Laterne. Zufällig ist eine von mir gesundheitshalber für längere Zeit anzusteuernde Arztpraxis im vornehmen Westen Hamburgs platziert. Ich fuhr also öfter mit der S-Bahn nach Othmarschen. Es liegt auf der Strecke nach Blankenese. Dort wohnte Jürgen Wohlers, als er noch lebte, ich nehme an, eine vererbte Immobilie, die Miete bestand allein in der Bildung von Rücklagen für die Erhaltung des alten Hauses. Ich begegnete ihm also wiederholt in der Bahn, ohne dass er mich bemerkte. Er trug sommers wie winters seinen wie eine alte wärmende zweite Haut wirkenden mittelgrauen Tweed-Sakko, ein dunkleres Oberhemd drunter. Er zog den Kopf ein wenig zwischen die Schultern beim Gehen und schaute, schien mir, blicklos leicht nach unten vor sich hin. Auch auf seinem Weg vom Bahnhof zum Laden oder andersherum bin ich ihm öfter begegnet. Auch im Strom der Fußgänger war er einer, der lieber für sich zu sein schien, der mit seinen Gedanken und nicht so sehr mit der Welt beschäftigt sein wollte. Mit dem wichtigen Zusatz allerdings, dass er sein Fürsichsein an frischer Luft nach meiner Erinnerung eigentlich nie zelebrierte, ohne dass zwischen Zeige- und Mittelfinger der Rechten eine Filterzigarette qualmte.
Die für ihn charakteristische Insichgekehrtheit in der Öffentlichkeit könnte seine Methode gewesen sein, den psychischen Aufwand, die Kraft, welche die Arbeitszeit erforderte, nach innen hin auszubalancieren. Denn betrat man seinen Laden, wandte er sich vom Computer ab und nahm offen, sehr freundlich und aufmerksam alle Wünsche entgegen; er war für spitze Bemerkungen über diesen und jene Literatin empfänglich, er hielt sich mit eigenem zurück. Er bot lediglich ein Bühnenbild aus Bücherwänden und sein geneigtes Ohr.
Auf seine Art war er ein literarischer Seelsorger, ein geistiger Streetworker. So wird er uns bleiben noch in fernen Zeiten, wenn das Wort „Miethai“ wenn überhaupt mit Verachtung erinnert wird, das ist tröstlich. Mir bleibt das Bild, das er an Morgenden bot, an denen ich schlaftrunken, nach Überquerung der meist leeren, nur an Donnerstagen und Freitagen – und sonst nur am Nachmittag von vor der Schule wartenden Eltern – genutzten Marktfläche, auf dem Weg zum Bahnhof, auf der Ecke zur Langen Reihe an seinem Ladeneingang vorbeikam. Der kleine Mann im grauen Sakko, in zerschlisssener Jeans, die grauen Haare leicht zauselig, vor seiner Ladentür. Einer der letzten Mohikaner des untergegangenen Bildungsbürgertums. Er zündet sich die Pausen-Zigarette an, die er im Laden nicht rauchen darf, er pafft und schmunzelt, er ist im besten Sinn liebenswürdig. Obwohl wir uns, über unsere Rollen als Buchhändler und Kunde hinaus, überhaupt nicht kannten, werde ich den Eindruck nicht los, dass wir einander im Vorbeigehen an Morgenden wie dem erwähnten in der Gewissheit grüßten, wir wären zuverlässige Verbündete. Ich weiß nicht, wie es ihm mit mir gegangen ist. Mir ging es mit ihm so, dass sein Vorhandensein für mich immer irgendwie etwas Tröstliches hatte.
