
Nun aber dieser Newsletter, diese Anrede. Ein seltener Anfall woker Selbstironie? Keine Spur. Bevor das alles losging mit den Sternchen, den Doppelpunkten, den vielfältigen Maßnahmen zur ultimativen Stärkung echter Frauenidentität, fanden sich die Kunden als „Liebe LichtBlicker“ wieder. Im Hinblick auf den Durchblicker war das gelungen, im Hinblick auf das große B mitten im Wort wirkte es progressiv. Aber nun?
Entsteht eine Frage: Was bewegt Menschen, sich geradezu auf Kommando-von-oben auf einmal gegenseitig eilfertig und beflissen zu überbieten in immer neuen Varianten des Kratzfußes vor einem Geßlerhut: wer ihn nicht grüßt, hat was gegen Frauen; zu sowas wollte noch nie jeman*d gehören.
Fragt sich am Ende, wer die Kommandos gibt? Dass sie von oben kommen und seit einiger Zeit so viele „Generalmajor,innen“, „Werkzeugmacher,innen“, etc. durch die Medien geistern, deutet auf höhere Orte und massig Geld. Reichweiten kosten.
Einer wie etwa Ulf Poschardt aus der Führungsetage des Springerkonzerns macht sich lustig über Untertanen, die aber über auch noch jedes grammatikalische Stöckchen springen, das man ihnen hinhält, nur weil’s von oben kommt. Und spielt als Führungskraft und Popstar eines schon bedenklich rechtsextremen Denkens im selben Golfclub mit den shitbürgerlich gestrickten Managern und Designern, die sich das Stöckchen ausgedacht haben. Sie sind zwei Flügel derselben Elite.
Leute wie Poschardt lieben die Bewegungen der Frauen, die Frauenbewegung lieben sie nicht. Er würde nie auf den Gedanken kommen, ihretwegen die deutsche Grammatik durcheinanderzubringen. Allerdings, ginge es nur um ein Update der Frauenidentität, hätte Poschardt kein Problem – solange es bei der Identität bliebe. Mit Identitäten kennen sich die Eliten aus, auf der Insula Jeffrey Epstein, auf ihre Art auch in Margret Thatcher, hat sich das Patriarchat längst ja auch schon in Frauenkleidern bewährt.
Aber es geht eben im Kern nicht um Frauenkleider. Es geht um Tarifverträge. Den Teilnehmern des globalen Arbeitsmarkts kann es für längere Zeit egal sein, wie sie geschrieben werden; sie fordern ein gutes Leben für den Wert ihrer Arbeit. Wenn es den reichweitenstärksten deutschen Medien also wirklich um die seit Jahrtausenden ausstehende Befreiung der Frau ginge, könnten sie sich unsterblich machen. Sie müssten nur das für die Frauen vorab alles entscheidende Thema auf die Tagesordnung setzen, die Lohngleichheit, sie müssten es ähnlich durchsetzungsstark und langlebig tun wie beim Thema Gendergerechtigkeit.
Es sieht nicht so aus, als täten sie es jemals. Das Wort Geist ist männlich. Das Wort Seele (anima) weiblich. „Angst essen Seele auf“, wusste Rainer Werner Fassbinder. Angst ist, am Ende aller Analysen, Therapien und Selbstversuche, eine Systemfrage. Keine des Dudens. Ein wirkliches Problem.
