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WM-TAGEBUCH

Am 11. Juni fand das Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA statt. Die Vorfreude gemischt. Das Grundübel des modernen Fußballs – er ist zum Privatvergnügen globaler Milliardäre heruntergekommen – ist das Wirtschaftssystem. Es geht immer deutlicher nicht mehr um den Fußball. Die Spielreude fiel dem Marktwert zum Opfer. Die Fankurven sind ein Störfaktor. So unerträglich sichtbar war das noch nie wie zur Zeit des korrupten Glatzkopfs Infantino und seines Partners in Crime Donald Trump . Mondpreise noch für die Fahrt zum Stadion, astronomische Eintrittspreise, Show und Kommerz überall. Und: wann hätte wohl China – die angebliche „Überwachungsdiktatur“ – zu einem Fest der Völkerverständigung einzelne Sportler und ganze Mannschaften aus politischen Gründen geheimdienstlich vorsortiert, nicht zugelassen oder diskriminiert und behindert, wie die iranische Mannschaft, deren Spieler nach Mexiko ausquartiert wurden, die die USA nur für den Spieltag betreten dürfen und in 24 Stunden teils 2000 Kilometer anreisen und nach dem Spiel wieder zurückreisen müssen? Kommt für deutsche Fans hinzu die eigentlich mehr undurchsichtige Verfassung der deutschen Mannschaft. Alles Training, Freude, Eierkuchen? Man mag es nicht recht glauben. Ich bitte um Verständnis, dass dieses Tagebuch keinen Anspruch auf auch nur annähernde Vollständigkeit erhebt. Ich war noch nie Sportreporter und bin es derzeit schon gar nimmer, es ist mehr ein rhapsodischer persönlicher Spaß.

(Screenshot oben: Denis Undav nach seinem Testspiel-Tor gegen Finnland)

13. JUNI 2026, Nachmittag – Fragen über Fragen. Werden Wirtz und Musiala rechtzeitig in Form kommen? Wird Haverts halten können, was er in der Champions League zuletzt versprach? Wird das Dauerproblemkind Sané endlich zeigen, was in ihm steckt? Wird sich einer der Mittelfeld-Kandidaten Pavlovic, Kimmich, Goretzka und vielleicht auch Felix Nmecha in letzter Minute als der dringend benötigte Spielmacher herausstellen? Wird die quälende Torwartfrage am Ende irgendwie noch gut ausgehen, nachdem der anfangs so sympathisch energische Trainer Nagelsmann den zuverlässigen Torwart Oliver Baumann so empathiefrei auf die Ersatzbank zurückversetzte? Wird es sich auszahlen, dass Nagelsmann im Zweifel auf junge bis sehr junge Spieler setzt, statt (wie die Bundestrainer früherer Zeiten) auf bewährte aber inzwischen zu langsame (Rüdiger) Kräfte? Werden sich vielleicht gar Hoffnungsträger wie Denis Undav oder Asan Ouédraogo sensationell in die Startelf spielen und dort Furore machen? Auf dem Papier, so sieht es vor dem ersten Spiel gegen Curacao aus, hat die deutsche Elf keine Chance gegen die Qualität von Mannschaften, wie Frankreich, Spanien, England. Wie steht’s mit vermeintlichen Geheimtips wie Marokko, Türkei oder Algerien? Die ersten Spielergebnisse der Vorrunde brachten Überraschungen. Den Wettbüro-Favoriten werden in den Hitzekesseln der amerikanischen Riesenstadien von vermeintlichen „Fußballzwergen“ die Grenzen aufgezeigt. Die Schweiz verliert gegen Katar 0:2, die Brasilianer erreichen gegen Marokko nur ein Unentschieden. Mal sehen, wie es Deutschland morgen ergeht.

14. Juni 2026, 23 Uhr – Es erging ihnen fast durchgehend großartig. Nach Wirtz‘ trocken kurzem Zuspiel in der dichtbevölkerten Box Curacaos gelingt Nmecha (6.) das erste deutsche WM-Tor, der bislang wirkungsvolle aber eher unscheinbare offensive Mittelfeld-Mann entpuppt sich als Goalgetter. Man lehnte sich bequem zurück auf der Couch und freute sich auf ein lockeres Trainingsspiel. Da schießen, abgefälscht durch die Beine von Kimmich, die Blaugelben aus dem Lande Curacao (500.000 Einwohner) wie aus dem Nichts den Ausgleich. Deutschland (83,5 Millionen) wackelt. Und findet sich wieder. Einen Standard, getreten vom starken Nathaniel Brown, verwandelt Schlotterbek (38.) mit dem Kopf zum (er)lösenden Ausgleich, und erneut Nmecha holt einen Elfmeter heraus, den Haverts (43.) nach der Harry- Methode, mit getrappeltem Anlauf ungemein entspannt noch in der ersten Halbzeit verwandelt. Nach der Pause geht es so weiter. Von Kimmich steil rechts in die Box geschickt, gelingt Musiala (47.) aus engem Winkel, fast mit dem Rücken zum Tor (nach Art Gerd Müllers), von halbrechts mit dem rechten Fuß ein Treffer ins lange Eck, das wird ihn weiter aufbauen. Er wird danach schonend durch Undav ersetzt. Der führt sich stark als Vorbereiter ein. Sein kurzes Zuspiel per Hacke auf Brown macht auch den ungemein beweglichen Linksverteidiger (Bayern ist an ihm dran) zum Torschützen. Es ist Kimmich, der Undav (78.) in die eigentlich voll zugestellte Box schickt, Undav schießt in echter Mittelstürmer-Manier das 6:1 und vollendet (sich) im Rahmen eines Konters mit einem genialen Steilpass auf Haverts (88.), der den Ball, bis zum letzten Moment spannend, per Chip über den Torwart hinweg einnetzt. 7:1 – das kann sich für den Anfang sehen lassen. Das vorerst einzige Problem bleibt Sané. Wer Undav lobt, muss über Sané endgültig den Stab brechen, denn nur die rechte Außenposition steht derzeit zur Disposition. Bis auf eine weitere 100 Prozent-Chance, die er wieder nicht im Tor unterbringt, kam von Sané nicht viel. Mein Vorschlag: Sané raus, Haverts auf rechts, Undav in die Mitte. Er und Havertz haben beim letzten Treffer gezeigt, wie viel da noch möglich ist. Die Flanken von rechts in den Strafraum (die von Sané ohnehin selten kamen) können, wenn’s sein muss und passt, auch Leute wie Kimmich oder Musialla oder Havertz schlagen.

15. Juni, 21 Uhr – Die Sache mit den Underdogs wächst sich aus. Katar mit dem Unentschieden gegen die Schweiz ist der bisherige Star am Himmel des globalen Südens (vergessen der Irankrieg). Aber nun Cap Verde (530.000 Einwohner), der kleine Inselstaat an der nördlichen Westküste Afrikas schaffte, wie es hieß, „eine der größten Sensationen in der WM-Geschichte des Fußballs“. Die kapverdische Mannschaft spielte, nachdem die 10 Minuten Nachspielzeit der zweiten Halbzeit durchgestanden waren – 0:0 gegen den großen WM-Favoriten Spanien!

In einem echt lustigen kleinen Film auf Sportschau.de ist die pure Freude, das Fußballglück der Kapverdinnen und Kapverden mitzuerleben (man muss für die Doku-Perle, wie das so ist mit den Underdogs, ganz hinunter scrollen; ich hoffe, sie bleibt überhaupt verfügbar in dieser ansonsten doch mit viel Künstlichkeit aufgeladenen WM-Atmosphäre). Die Aufstockung der Teilnehmerzahl auf 48 Länder durch die FIFA hatte mit Sicherheit allein finanzielle Gründe. Doch es ist sicher kein Zufall, dass in der Zeit der sich anbahnenden großen Transformation, in der sich die Welt befindet, damit – ungewollt aber symbolhaft und erstmals in solcher Ballung – im Zusammenhang mit dem Weltfußball Ländernamen wie Jordanien, Katar, Iran, Kap Verde, Curacao, Panama, Senegal, Elfenbeinküste, Irak, Haiti et al. leibhaftig verschwitzt und unermüdlich und teils schon echt heroisch in Erscheinung treten.

16. Juni 2026, 00.30 Uhr – Die nächste Sensation. Belgien (mit de Bruyne, Lukaku) rettet sich nach 0:2 Rückstand in ein Unentschieden gegen Ägypten (Mo Salah, er verlässt den FC Liverpool nach neun glorreichen Jahren).

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