WEIHNACHTSLIEDER.

Musik ist viel. Nicht zum unwichtigsten Harmonie und Melodie. Experten sprechen von „Vertikale“ – das sind die vielen, rechts am Notenhals übereinander stehenden schwarzen Notenköpfe eines Akkords – und von „Horizontale“ – das ist die Note für Note nebeneinander geschriebene Melodie. Sie war zuerst da.

Das Fest der Liebe ist ein Fest der Melodien. Klar. Aber Weihnachtslieder haben, wie Lieder überhaupt, auch einen Text. Der handelt von den Idyllen, die es früher zu Weihnachten gab, von der heiligen Langsamkeit fallender Flocken und vom klaren Frost der Winternacht, deren Geräusche der Schnee in selige Stille verwandelt, in der die Sterne glitzern am Himmelszelt, vom Schnee, der die Tannenzweige nach unten biegt und von der Stimmung, die der Glanz in den Herzen der Menschen herauf rief, als es ihn noch gab.

“Die Weihnachtskrippe in der Stiftskirche in Laufen im Rupertwinkel, Berchtesgadener Land, die Figuren sind als Gliederpuppen voll beweglich hergestellt mit einer Größe bis zu 80 cm, Bayern, Deutschland” (Originalbildunterschrieft des BR) – heute begegnen uns die Bilder solcher Köpfe, ohne goldene Turbane, auf Fotos der Geretteten im Mittelmeer.

Die Texte in den Weihnachtsliedern sprechen auch vom Christkind, vom Stall und von der Krippe, in der es als armer Leute Kind gelegen hat, wieder eine Idylle. Dass es armer Leute Kind war, macht das Christkind sympathisch, ein Propagandatrick. Denn es ist ja, glaubt man den Worten seiner Erfinder, zugleich ein Herrscherkind, der Sohn eines Allmächtigen, der reine Absolutismus. Aber das haben sich Leute ausgedacht, die, um auf die Liebe zurückzukommen, im Fall der Entstehung dieses Christkinds von „unbefleckter Empfängnis“ sprechen. Was für ein abseitiger Gedanke. Auch viele Christen teilen ihn nicht. So sprechen heute noch Kinderschänder. Ohne die Flecken, die von den wunderbaren Flüssigkeiten herrühren, zu deren Wirken die Liebe führt und welche all das körperlich und emotional so Schöne erst ermöglichen, aus dem wir entstehen, gäbe es uns ja gar nicht.

Darum sollte man die Texte, wenn sie von Schiffen handeln, die bis an den Rand beladen sind oder von auserkornen Jungfrauen und dergleichen, nicht so eng nehmen. In ihnen ist von Freude die Rede über ein befreiendes Geschehen. So etwas kennen auch Menschen, die sich nicht mehr unter so etwas wie die „Christenheit“ summieren lassen. Denn auch die Freude, von der die Texte der Weihnachtslieder sprechen, die aber vor allem, nur von Musikinstrumenten intoniert, aus ihren Melodien jubelt, ist ja durch und durch irdisch und dem Himmel nur zugeschoben; sie wurde, wie so vieles andere, von den Kinderschändern vereinnahmt.

Melodien vor allem rufen den Zauber von Musik hervor. Pfeift oder summt man die Melodien von Weihnachtsliedern vor sich hin und lauscht, ohne an den Text zu denken, nur den Gefühlen, die sie hervorrufen, lassen sich diese Gefühle wohl ziemlich gut der irdischen Liebe zuordnen, der Liebe – auch der erotischen – zu einzelnen Menschen und zu den Menschen allgemein, eine Art Liebe, welche die Kommunisten „Internationalismus“ nennen.

Was die vergangenheitstrunkene Romantik des 19. Jahrhunderts an Weihnachts-Texten hervorgebracht hat, ist der Rede nicht weiter wert. Der, zumindest was den Umgang mit der Sprache angeht, vielleicht noch etwas unschuldigere Barock aber hat anlässlich der dunklen, kalten Jahreszeit Worte gehabt für Menschen, die nicht, wenn die Temperaturen einstellig werden, gleich nach Teneriffa abzwitschern. Zumindest jede Gartenfreundin und (!) jeder Gartenfreund kann sie mit Leichtigkeit ins Weltliche übersetzen. Denn wen hat nicht schon ein im Schnee oder wenigstens zwischen gefrorenem Laub blühendes Röslein gerührt, an das man denkt bei den schönen Zeilen

Es ist ein Ros’ entsprungen

aus einer Wurzel zart

Und steigt bei in knappste Form gebrachten Versen wie

mitten im kalten Winter

wohl zu der halben Nacht

nicht vieles von dem herauf, was oben im Zusammenhang mit dem Winter poetisch etwas breiter ausgeführt wurde? Was das Lied aus einer Zeit, die die furchtbaren Verwüstungen eines dreißigjährigen Krieges immerhin auch schon kannte, uns bis heute mitteilt, nämlich Hoffnung, spricht aus seinen Schlusswendungen. Manche Leute lesen das Blümelein als Metapher für ihren Heiland, warum nicht? Die Hoffnung erscheint in vielerlei Gestalt. Hauptsache, sie erscheint. Und hat irgendwo auf der Welt einen Anhaltspunkt.

Das Blümelein so kleine,

das duftet uns so süß,

mit seinem hellen Scheine

vertreibt’s die Finsternis.

In diesem Sinn: Frohe Weihnachten!

                                                 Junge Welt, Weihnachten 2017

 

 

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