Fußballer für Klopp-Fußball gesucht (Forts.)

Screenshot MOMA

Als ich die zitierten Zeilen am 9. Oktober verlinken wollte, waren sie nicht mehr zu finden. Stattdessen ein gutes Interview zum Thema Klopp mit dem Kenner Holger Dahl. Ich bleibe bei dem mir ins Auge gefallenen schlechten Beispiel für einen Journalismus, der mir nicht gefällt; sportschau.de hat, wenn ich nicht irre, das Stück inzwischen zurückgenommen (Ich finde es nicht mehr). Wer diese Text geschrieben hat, braucht für seinen Beruf offenbar keine, sich widersprüchlich entwickelnden Tatsachen, keine Abwägungen. Er braucht Fixsterne, ein gut geframtes Firmament; er findet sich in Hierarchien zurecht und hat gelernt, zwischen Wording und No go zu unterscheiden, kurz: er weiß, wie man vorwärts kommt. In summa haben wir in ihm den digitalen Monarchisten vor uns, den Untertan 2.0 in der Sparte Journalismus. Das Modell Klopp war diesem Typus von Anfang an suspekt. Das Einzige, was diese Leute an Klopp gut finden, ist dessen unbestreitbarer Riesenerfolg. Alles andere ist bei ihnen in Geltung nur, solange Klopp liefert.

Ihre Sonne, das war der „Kaiser“. Er lieferte, er wärmte, seine Zuneigung war folgsam und einträglich für beide Seiten. Er war 1974 Kopf der deutschen Weltmeister-Elf; er wurde 1990 ihr Weltmeister-Trainer. Er holte – 32 Jahre nach dem letzten deutschen WM-Ereignis – anno 2006 die nächste WM ins Land. Als herauskam, wie er das mit der WM eingefädelt hatte, fanden sie es nicht mehr so spannend. Sie können wenn es sein muss auch kleinlaut.

Aber blöd sind sie nicht. Ganz einfach, müssen sie sich gesagt haben: wir bauen den Heiland Klopp so megamäßig auf, dass selbst der Heiland selbst den von uns geweckten Erwartungen nicht gerecht werden könnte. Mal sehen, wie er damit klarkommt? Sollte Klopp es wider Erwarten schaffen, freuen wir uns natürlich lauthals mit, kein Problem; wir haben nichts zu verlieren in der Nummer.

Der Klopp-Hype war gigantisch. Einem normal Empfindenden konnte Angst und Bange werden für den armen Fußballlehrer aus Nordbaden. Was für ein verzehrend gleißender  Erwartungshorizont überstrahlte ihn! Wie ging Klopp damit um?

Er gab ihnen in der legendären ersten PK seiner Amtszeit als Bundestrainer die Spielregeln vor: Mit mir nicht so, wie in Deutschland mit Julian Nagelsmann, in Großbritannien mit Thomas Tuchel. Ich behandle euch fair, ihr behandelt mich fair. Haltet ihr euch nicht dran – „bin ich weg.“ Was sie zum Beispiel an ihm überhaupt nicht mögen, ist, dass er sowas mit Sicherheit ernst meint.

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Im Umgang mit ihnen ist er seitdem betont freundlicher. Während der Trainingsphasen zwischen den vier Spielen und vor und nach den Wettbewerben ging er verschwenderisch mit Interviewterminen um. Er hat seine ganz eigene Weise, ihnen die Zähne zu zeigen, sie ist sein USP. 

Aber die Meute lässt nicht locker. Die vier Spiele sind vorbei. Vier Punkte aus vier Begegnungen, das ist nicht viel, „wir“ sind Vorletzter in der Gruppe. Bastian Schweinsteigers fataler Satz vom „Mittelmaß“, in dem wir mittlerweile (nach dem verlorenen Griechenland Spiel) angekommen seien, schlug ein, wie eine Art Maso-Bombe. 

Da klingt die Sportschau-Überschrift „Fußballer für Klopp-Fussball gesucht“ doch nachgerade wie ein Hilferuf. Im eingangs zitierten Teaser heißt es dazu: 

Darauf muss man kommen: Nach dem Misserfolg in der Nations League, so kann man das lesen, muss man nach den Fußballern geradezu suchen, die noch Klopp-Fußball spielen wollen – aber halt. Ist Jürgen Klopp denn wohl mit der Ankündigung angetreten, er sei Bundestrainer geworden, um in der Nations League möglichst weit nach vorn zu kommen? 

Viels wäre mit Klopp in der Presse anders gelaufen wenn das Tor, das eines war, hätte auch eines sein dürfen.

Und was heißt denn wohl: „beginnt die Suche nach den Fußballern“. Klopp hat den Kollegen von der Sportpresse von Anfang an deutlich gesagt, sein Schwerpunkt liege zunächst auf der Suche nach dem Potenzial, nach vergrabenen Schätzen und Rohdiamanten im wenig gesichteten Nachwuchsfeld des deutschen Fußballs; wie wohl kein Bundestrainer vor ihm war er in den letzten Wochen in Stadien und auf Trainingsplätzen nicht nur der oberen Liga vor Ort, er sichtete, er lernte kennen – ein visionäres Trüffelschwein mit Basecap auf dem harten Schädel. 

Sein Blick geht in die Zukunft, sagt er. Mit kurzfristigen Erfolgen gewinnt man vielleicht – wenn es die Qualität überhaupt noch hergibt – ein Viertelfinale, Ende der Fahnenstange. Aber das Ende der Fahnenstange ist, was die Zukunftsgestaltung angeht, in Deutschland 2026 ohnehin längst erreicht, im Fußball vielleicht noch nicht ganz.

Bleibt der erste Satz:

Wo wollen sie das jetzt beobachtet haben? Und wer hat so etwas im Vorfeld und danach irgendwo je von Klopps werdender Mannschaft behauptet? Das sollten Redakteure sein, also Menschen, welche die Welt nicht vor-, sondern beschreiben und zwar so, dass jedes seine Schlüsse daraus ziehen kann. Aber das sind Leute, die unbedenklich ohne jeden Beleg jeden Quatsch in die Welt setzen, nur um aus ihm weiteren Quatsch zu folgern.

Weder in Dortmund noch in Liverpool hat Jürgen Klopp „seinen Fußball schnell eingeführt“. Das liegt einfach daran, dass man Fußball nicht einführen kann. Man muss ihn entwickeln und erarbeiten, sobald  man die Qualität beisammen hat, die in der Lage ist, Klopp-Fußball zu spielen.

Anstatt sich über das überraschend aus dem Hut gezauberte neue Mittelfeld–Trio Wirtz-Bischof-Pavlovic zu freuen, basteln und zischeln sie an der Legende vom ungerechterweise ausgebooteten „Platzhirsch“ Joshua Kimmich. Ihm hat der sichere Dauerauftrag eines seit Jahren gesetzten Spielführers bei den Bayern und in der Nationalelf nicht unbedingt nur gut getan. In der vergeigten letzten WM wurden ihm von einigen Gegenspielern deutlich Grenzen aufgezeigt.

Klopp wird auf Kimmichs Qualitäten nicht verzichten. Er demonstriert am Beispiel Kimmich nur, wie sich aus tatsächlicher Chancengleichheit interessante neue Konstellationen ergeben können.

Die am Schluss aufgestellte Behauptung, bei Klopps Suche nach passenden Spielern seien

schmeckt stark nach eingeschnappt. Der Politikbetrieb in Berlin liebt den Kompromiss über alles. Kompromissfähigkeit ist eine Hauptvoraussetzung für die bürgerliche Polit-Karriere. In der liberalen Form der Demokratie ist der Kompromiss der beliebteste Dreh, wichtigste Anliegen des politischen Gegners bis in die Unkenntlichkeit abzubiegen. Aber geht es ans Eingemachte, zum Beispiel aktuell um den Krieg gegen Russland, den sie als letzte Chance der Ablenkung von der unvermeidlich auf uns zukommenden großen Niedergangskrise Europas unbedingt schüren wollen, wollen Wesen wie Merz, Pistorius, von der Leyen und die anderen Stahlhelm-Demokraten von Kompromissen nichts mehr wissen.

Es sieht aus, als habe Klopp das Spiel durchschaut. Ob etwas richtig oder falsch ist, erkennt man nicht über Kompromisse. Man probiert es aus und wenn nötig korrigiert man es. Wir sind gespannt auf die nur noch 23 Namen des Kaders, der es im November weitertreiben wird mit dem Klopp-Fußball.

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