Er ist der furiose Systeschimpfkopf der deutschen Literatur, der wortmächtigste Satiriker und der zarteste Idylliker. Außerdem ist er Rhapsodist der Frankfurter Eintracht und Kohl-Biograf. In seiner Heimat in Amberg haben wir ihn getroffen.

Wo um alles in der Welt liegt Amberg? Bamberg, ja, das kennen alle, da gibt’s den berühmten Dom mit dem Bamberger Reiter. Aber Amberg, was gibt’s in Amberg? „Da gibt’s zunächst mal Rudi Heßmann“, sagt Eckhard Henscheid, „den kennt zwar auch keiner“, Rudi Hessmann aus Amberg in der Oberpfalz wäre aber um ein Haar berühmter geworden als Franz Beckenbauer – „begabt war er, ein Gnade der Kopfballspezialist“ –, wenn da nur nicht das dunkle Weizen gewesen wäre. Dabei hatte Sepp Herberger, der einstige Bundestrainer, Rudi Hessmann bereits ins Trainingslager geholt, Rudi sollte Tore für Deutschland köpfen; aber Rudi mochte auf dunkles Weizen nicht verzichten, auch im Training nicht („dunkles Falk-Weizen ist unser Bestes in Amberg!“). Rudi Hessmann wurde also nach Amberg heimgeschickt, die große Karriere durfte nie beginnen. Bliebe noch Christoph Willibald Gluck, Mozarts, großer Vorläufer, „aber der ist aus Erasbach, dreißg Kilometer von hier“, sagt Henscheid, auch Gluck kommt ergo nicht so recht in Betracht.
Bliebe eigentlich nur Henscheid selbst. Der hat sich schließlich in den vergangenen zwanzig Jahren mit seinen Romanen, Erzählungen und Büchern über Lieblingsthemen, wie Oper, Fußball und Helmut Kohl, einen der vorderen Plätze in der deutschen Literatur erarbeitet. Kein geringerer als Marcel Reich-Ranicki selbst hat ihn angelegentlich einer Begegnung auf irgendeiner Frankfurter Parkbank denn auch wissen lassen, er, Reich-Ranicki, könne freilich etwas für ihn tun, „wenn sie nur endlich etwas liebevoller mit mir umgehen würden“. Da sei aber Henscheids fränkischer Dickschädel vor. Soeben hat ihn Vogue unter die 100 Tops der Republik eingestuft. Nicht, dass er die Zeitschrift Vogue als Kriterium für Berühmtheit akzeptierte – die Platzierung schmeichelt ihm gleichwohl ganz erheblich.
Eckhard Henscheid ist geborener Amberger seit 1940. Hier und in Frankfurt lebt er mit Frau Regina und einer wechselnden Anzahl Katzen in zwei sehr kommoden Wohnungen. Amberg, das ist für ihn die engere Heimat. Er lebt in und von ihr, ist gelegentlich Heimatdichter auf sehr eigene Art. Viele seiner poetischen, feuilletonistischen und satirischen Texte profitieren vom Kolorit und Tonfall der Oberpfalz. Da klingen Zärtlichkeiten öfter grob, und Schönheit wappnet sich mit Schrullen.
Der Weg in den Goldenen Löwen, den er für diesen Abend ausgesucht hat, führt mitten durch konzentrierte Heimat. Von Amberg nach Kallmünz geht es halbwegs nach Regensburg durchs Tal der Vilz, die sich jenseits der Straße im goldenen Abendschein durch Weiden und Matten schlängelt. In Kallmünz fliegen fließen Vilz und Naab zusammen. Im Goldenen Löwen hat der Dichter schon öfter gelesen; die Wirtsfamilie Luba liebt die literarischen Genüsse wie die leiblichen. Im Zuge einer Art Naturaltausch bekommt Henscheid in Kallmünz immer gut zu essen.
„Sie sehen und gut aus, waren sie krank?“, scherzt die Wirtin zur Begrüßung. Wiir nehmen unter gelben Rosen Platz an einem der Tisch im Hof. Auch in der Speisekarte des Löwen geht es – mit internationalen Abschweifungen – heimatlich zu. Auf einem Niveau freilich, das der Heimat ringsherum scheint’s mehrheitlich abhandengekommen ist.
„Lubers brauen das dunkle Weizen selbst“, schwärmt Herscheidt; es schmeckt entsprechend kräftig. Der Dichter fühlt sich zwischen all dem Braugerät bisweilen an die Kindheit erinnert: Großvater Henscheid arbeitete in der Amberger Malteser Brauerei. Essen interessiert Eckhard Henscheid, ganz anders als manchen seiner berühmten Kollegen, „eher kaum“; auch in seinen Büchern gäbe es wenige Essen-Stellen. Wie er dann aber – in Franken ein gleichsam religiöser Gegenstand – den Schweinebraten des Hauses lobt. („hinterher können Sie ihn in anderen Lokalen nicht mehr essen, weil der Unterschied einfach zu groß ist“) und dann der Tonfall, in dem er, ohne in die Speisekarte zu schauen, die „Bauchstechala mit abgeröstetem Speck“ empfiehlt – all das klingt eher nicht nach Desinteresse an Gaumenfreuden. „Die Bauchstechala hat’s in meiner Kindheit auch schon gegeben“, sagt er, „da hießen sie Sterz „– aber da ist die Wirtin am Tisch: „Sterz, die san mit Erdäpfelteig g’macht – die Stechala mit Mehlteig“.
Eckhard Henscheid gebietet, wenn es sich nicht gerade um den Unterschied zwischen Kartoffel- und Mehlteig handelt, über ein phänomenales Gedächtnis. Eine riesige Sammlung gediegener Wörter aus allen Zeiten und Gegenden befindet sich zum Segen seiner Texte in seinem Kopf. Dort sind alle Namen der Frankfurter Meistermannschaft von 1959 gespeichert; die Erinnerung ans legendäre 6:1 im Europa Cup-Halbfinale gegen Glasgow Rangers 1960 im Waldstadion („in Glasgow, in der Höhle des Löwen, dann noch mal 6:3“); ganze Textpartien aus Opern Mozarts oder Verdis (in Italienisch) lagern in seinem Hirn neben etwa 600 Gedichten, darunter seine Lieblinge Goethe und Eichendorff, er kann sie jederzeit aufsagen.

Dicke Regentropfen und ein Grollen am Himmel kündigen ein Gewitter an. Wir bestellen den Wein drinnen, einen Chateau la Tonelle 1989 Grand Cru. Henscheid erinnert sich einer Polemik gegen den Chef des Suhrkamp-Verlages, in der er auch über Grand Cru-Weine eine geschrieben habe, ohne zu wissen, was das sei. „Der Unseld hat – in einem Wahnsinns-Englisch – einen Joyce-Kongress in Zürich, mit einem Vortrag über Samuel Beckett bedient, und zwischenzeitlich ist er immer raus und hat sich um die Weinbestellungen gekümmert, dabei auch jede Menge Grand Cru“ – von Weinen, lautet die Pointe, verstünde Unseld viel, von Beckett weniger.
Von Weinen handelt auch „Die Panne“ des Schweizer Dichters Dürrenmatt, die Henscheid gerade liest. „Ein furchtbar dummes, völlig überschätztes Stück“, sagt er, in dem die Protagonisten dauernd wahnsinnig teure Weine tränken. „Dem Dürrenmatt seine damaligen Weinesehnsüchte sind direkt eingearbeitet, ich nehm‘ an, 1955 war er noch recht arm und konnte sich keine teuren Sorten leisten. Das hat sich später radikal geändert – wahrscheinlich wollte er nur weltberühmt werden wegen dem Weinkeller“.
Die „Schweinelendchen in der Wodka-Steinpilzsauce mit Fingernudeln“, die jetzt kommen, gehören für ihn schon zu den „Standardsituationen“ im Löwen. Mit behagen sieht er der Wirtin zu, wie sie den Wein, der sich zuvor schon in Ruhe an das Leben in der frischen Luft hat gewöhnen dürfen, einschenkt; er kostet, es schmeckt: „Ein bisschen verstehe ich den Dürrenmatt schon“.
Dürrenmatt hat es eigentlich noch ganz gut in Henscheids Weltbild. Die volle Ungerade des „Wahrnehmungs- Erotikers Henscheid“ (FAZ) haben Leute wie Heinrich Böll („pathologischer, zum Teil ganz harmloser Knallkopf“), Potho Strauß („tranige Edel-Schickeria Prosa“), die CDU Professorin Gertrud Höhler („vollkommen gaga“) oder Helmut Kohl („verheerende Zerebralschrundigkeitnebst paroxydierender Dampfschwurbelmächtigkeit“) erfahren. Henscheid pflegt seine Feindschaften, sie geben ihm Kraft; mithilfe des heimatlichen Idioms und leichter Tendenz zum Inflationären hat er den Schimpf zur literarischen Gattung erhoben.
Gemessen an der Achtung gebietenden Qualität der Speisen im Goldenen Löwen isst und trinkt er zu schnell. „Alles mache ich zu schnell“, sagt er, „auch das Schreiben wahrscheinlich“. Einzige Ausnahme ist das Klavierspiel: „da bin ich eine Idee langsamer, als die Stücke wohl gedacht sind. Sein Teller ist jedenfalls leer, als der Reporter – voller Neigung– noch einige im Beisein provenzalischer Kräuter zart in Olivenöl gebratene Lammkarbonaden von Rippen und Wirbelknochen löst.
in einer Zeit, da die Buchverlage kaum noch Bücher mit einer Verkaufserwartung von etlichen tausend Exemplaren drucken mögen, trifft der ganze Groll des Dichters Henscheid eine Institution wie das „Literarische Quartett“ des ZDF. „Reich-Ranicki ist nicht dran schuld, dass die Literatur derzeit den Bach runtergeht, er ist aber einer der Bedenken,loses Mitmacher“, klagt Henscheid und hält es, für angezeigt zu betonen, er sage dies nicht aus Neid, schließlich gehöre seine Romantrilogie („Trilogie des forlaufenden Schwachsinns“) zu den „größten literarischen Erfolgen der letzten 20 Jahre“.
Aber das Quartett? „Eine langweilige, blöde und sittenverderbende Riesenschweinerei“; sie gewinne der Literatur nur Freunde auf, die sie verzichten könne. Ja, wenn außer „dem Gequatsche dieser drei Gurken Abwechslung geboten würde, etwa in einer Besetzung mit von mir aus einem Clown wie Reich-Ranitzki, dazu einem echten Feingeist wie Dieter E. Zimmer und einem Praktikus wie Sigrid Unseld“, es könnte glatt was werden – aber so?
„Dreimal derselbe Wurschtl-Typ des mediokren Zeitgeistquatschers von krachlederner Banalität, der uns Literatur vorgaukelt, wo keine ist“. Und solch Wahrheit, spricht der vom vielen Vorknöpfen, deutlich erschöpfte Dichter, solle man sich weder vom persönlichen Charme eines alten Mannes ausreden lassen, noch vom berechtigten Mitleid mit demselben – „es ist nur“, stöhnt Henscheid, „ganz entschieden furchtbar das alles“.
Wie ein Trostgeschenk aus heitrem Dichterhimmel kommen just in diesem Moment die eingelegten Beeren mit Joghurt-Eis aus der Küche. Henscheid ist Eis-Freund. Mehrmals die Woche sitzt er in Amberg zu Füßen von St. Martin in der Eisdiele und schleckt seinen Joghurtbecher. Auf ähnlich vertrautem Fuß steht er sonst nur noch mit dem Espresso, in den er allenfalls einen Grappa gießt, Coretto heißt das Gemisch und Henscheid vergleicht es – weil es so anregend aufregend ist – gern mit dem Gesang seines Lieblingstenors, Carlo Bergonzi.
Gutes Essen weckt Erinnerungen, meistens an gutes Essen. Beim Espresso (ohne Grappa) erinnert sich Henscheid an die Blaubeeren und Zwetschgenkuchen der Kindheit. Frisch aus der Röhre kamen sie in den Altweibersommern der Kriegszeit und blieben im Gedächtnis bis heute. Und dann, vor kurzem, fuhr er mit sechs Freunden auf dem Urlauberschiff von Stralsund nach Hiddensee, und die Frage tauchte auf: Welches sollte, hätte man nur den einen Wunsch noch frei, das letzte Getränk sein auf dieser Erde? Vier wollten irgend etwas mit Alkohol, „natürlich die Männer“; von den zwei Frauen bat eine um Himbeersaft, „da bin ich zornig geworden“. Die andere aber wünschte sich Jasmin Tee, Henscheid kippt die Neige Espresso hinunter – „und dazu“, murmelt er, „sage ich absolut nichts mehr.“ (Essen und Trinken, Februar 1995)
