Hacks.Liebesgedichte.Steyer

Keine gute Idee, radikale Linke in Zeiten wie diesen nur immer mit der Finsternis herrschender Zustände zu behelligen. Bedrückt genug ist jede und jeder für sich. Lohnender, davon zu schreiben, zu tanzen, zu singen, zu bildnern, was alles denkbar, ja möglich wird, haben wir die globalen Blutsauger endlich vom Hals. 
Aber darum geht es in der neuen CD des Eulenspiegelverlags nun gerade nicht. Denn der Dichter Peter Hacks, um dessen Liebesgedichte es sich handelt, lebte in der DDR in einer keineswegs fehlerfreien, aber von Blutsaugern vorerst gründlich befreiten Gesellschaft. In ihr konnten sich Menschen freier lieben als im Westen, der sich das Gegenteil davon nur immer einbildete. So ist die Romantik des Romantikkillers Hacks eine des Sicheinlassens aufs ungeschönt Faktische. Noch sein hässlichster Teil hat der vollkommenen Schönheit des Westens gegenüber den ewigen Vorzug des Wirklichen.


Mit Heine, einem Großmeister humorgetriebenen Einspruchs gegen westliche Romantik, teilt Hacks die Kunst, den Dichterlorbeer in der Suppe zu kochen: Rechts vom Eingang in Hacks’ »Elysium« (im Gedicht »Die Himmelstür«) fleckt Pilz an der Wand, es reimt sich der Rost – realsozialistisch elysisch – auf »die Kästen von der Post«. Mit dem Liebreiz der Angebeteten, oben im knarrenden Dachgeschoss, wird unversehens ein Gebäude aus DDR-typisch auratischem Altbaubestand zum Göttinnenhimmel. Hacks scherzt der Liebsten die Kleider vom Leib, spottet des eigenen Schlüpfers durch Entledigung, schießt, stelle ich mir vor, im letzten Moment noch die Socken unters Bett – und blendet nicht ab, bevor es richtig losgeht. Fernab von neoliberalnaturalistisch beknackter Pornografie wird die Sünde des Fleisches zur auch erotisch realistischen Kunst eines kommunistischen Großliebhabers. Der Kopf, statt im Weg zu sein, bereitet hier zärtlichster Geschlechterliebe das Bett, ein durch und durch dialektischer Kopf. »Lustig«, das steckt in den Versmaßen und kommt von einer die Materie voll auskostenden Lust.


Hacks’ Verse spricht und musiziert der Vogtländer Schauspieler und Komponist Christian Steyer, ein zwischen Musik und Theater changierender Tausendsassa. Seine Kompositionen begleiten nicht, sie bereiten vor, kommentieren in schwebendem Nachklang. In sich gegenüber den Texten erstaunlich umstandslos behauptenden Intermezzi nehmen sie, gebremst modern, Ton und Stimmung der Texte sensibel, atmosphärisch und wohlklingend auf.  
Die Zauberformel in Steyers hintergründig raunender Art, Hacks zu sprechen und zu komponieren: »Leichtigkeit«. Dieselbe, aus der auch die sinnliche Magie Hacksscher Liebeslyrik entsteht. In »Frage nicht, ob Liebe lohnet« werden mit der Geliebten alle Trübsalgeschädigten dieser Welt in einer Philosophie getröstet, die den Moment als Fundort und Himmel der Liebe empfiehlt. Ratschluss fürs Leben findet sich in den Beschreibungen von Alltag und allnächtiger Allmacht der Liebe. Sie weint, nachdem »wir glücklich waren«, er raucht. Im grauen Streifen zwischen Jalousie und Fensterbord kommt im Hof der Tag herauf. Die Tränen rinnen, er dreht den Kopf und: »Seltsam war dein ursachloses Weinen / wollte mir nicht unbegründet scheinen.«
Die Zeit wird nicht lang beim Zuhören. Frau und man schmunzelt und fühlt sich erinnert, ertappt, gehoben. Ein ideales Weihnachtsgeschenk für vergangen, aktuell und künftig Geliebte. Denn: alles hat seinen Anfang, sein Inmitten, sein Ende. »Bis einst / aus freien Stücken / gesättigt mit Entzücken / wir unserer Füße Rücken / still voneinander tun.« Junge Welt, November 2019

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