Schwarzer Kanal.Briegleb.

Eine scheint’s wachsende Zahl aufgeweckter Menschen bemerkt, in China tut sich was. Und siehe, die Welt, zumindest ein beachtlicher Teil, öffnet sich. So hat die Hamburger Elbphilharmonie ihr internationales, mit einem großartigen Programm aufwartendes Oster­festival 2020 dem »Osten« gewidmet, konkreter: den »alten Handelsrouten«. Im Innenteil des jüngsten Elbphilharmonie-Magazins beschreibt Stefan Weidner, wie die alte Seidenstraße – sie »steht auch für eine Utopie« – Kulturen und Völker verband. Sie wird damit zum Modell für die neue. Das einfach so stehenzulassen, war den Machern der in mehrfacher Hinsicht exquisiten Zeitschrift irgendwie nicht möglich. Es bedurfte der Korrektur.
Die besorgt der sich selbst als »moderner Marco Polo, also ein Reisereporter«, einführende Qualitätsautor Till Briegleb. Er hat die neue Seidenstraße offenbar in Augenschein genommen, Ergebnis: »Das größte Infrastrukturprojekt der Welt« wurde einzig erdacht, weil der Chinese, heimtückisch wie er nun einmal ist, über den Weltmarkt – sowas dürfen nur Google, amazon und Co – die Welt erobern will, ohne dass es alle dummen Westler mitkriegen. »Wie bei allen imperialen Bestrebungen, seien sie weich, also wirtschaftlich, oder hart, also kriegerisch, geht es auch bei der neuen Seidenstraße um Weltanschauung, um die Anerkennung von Größe«. Die Erfahrungen Griechenlands mit der deutschen EU, des globalen Südens und Ostens mit Weltbank und WTO, der weltweite Dauerkrieg des US-Imperiums oder eben Chinas Koexistenzstrategie – alles dasselbe. Hinter dem verlockenden Win-win-Zauber der »Belt and Road Initiative« (BRI) enthüllt Briegleb »Umerziehungslager für Uiguren und Regimegegner«, die brutale Unterdrückung der »Demokratiebewegung in Hongkong«, den stetig wachsenden »Druck gegenüber Taiwan, das neue Sozialkreditsystem«, kurz: »Xi Jinpings Norm- und Lagerdiktatur mit absoluter KI-Überwachung«.
Dank Brieglebs Bemühungen durchschauen allerdings immer mehr Menschen »die aggressiven Hegemoniebestrebungen« des natürlich von den »starren Normen der Partei« getriebenen chinesischen Präsidenten. Brieglebs Lesern macht man keine den Faschisten überlassene Ukraine, kein in die Steinzeit zurückgebombtes Syrien und Libyen, keinen vernichteten Irak oder Jemen für ein freiheitsliebendes Hongkong oder Xinjiang vor. Wikileaks oder die UN-Kommission zur Untersuchung zum Beispiel der globalen CIA-Foltergefängnisse oder der Haftbedingungen Julian Assanges im freiheitlichen London? Kennen wir nicht. Seine Beobachtungen über Chinesen als »die nächsten Räuber, die die reichen Naturschätze der Demokratischen Republik Kongo stehlen«, sind das in diesen Kreisen übliche »Haltet den Dieb!«. Seine Beobachtung »latenter militärischer Drohungen« des Reichs der Mitte im chinesischen Meer blendet angesichts des dortigen US-Aufmarsches die Evidenz allerdings schon recht dümmlich aus. Und die Denunziation der BRI als global zur Zeit schlimmster Wucherung ungehemmten Wirtschaftswachstums ist für einen Grünen wie Briegleb erwartbar. Wie er aber den durch die BRI verstärkten Weltschiffsverkehr mit der Verschmutzung der Ozeane durch Öl und Plastikmüll in Verbindung bringt, ist einfach perfide.
»Trotzdem«, dräut ihm, »haben bestimmte Aspekte des chinesischen Power­kapitalismus natürlich ihre unleugbare Faszination«. Er meint damit »natürlich« nicht die Tatsache, dass die chinesischen Kommunisten, weltgeschichtlich einmalig, neunhundert Millionen ihrer Landsleute typisch powerkapitalistisch von Hunger und Armut befreit haben, was allein sie schon äonenweit über alle verlogenen Menschenrechtsschwätzer erhebt. Briegleb meint nur den Geist, den er begreift. Schade um ihn. Ich habe vor langer Zeit richtig gut mit ihm zusammengearbeitet. Die Zeit, so scheint es, wundet Heile. Junge Welt, April 2020

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