Weltlage.

 “China schwächelt“, liest man erstaunt. Das hat sich Friederike Böge aus Pinneberg so gedacht. Sie ist Korrespondentin in Fernost. Ein Profi. Exzellent ausgebildet. Aber sie hat’s nun wirklich nicht leicht. Sie sitzt für die FAZ in Beijing. Und jetzt ist dort Parteitag. Die Welt schaut auf diese Stadt, die Menschheit spitzt die Ohren. Was hat der erste Mann des jahrtausendealten, seit 1949 sozialistischen Staatsgebildes im fernen Osten – es wurde im 19. Jahrhundert vom Westen in den Opiumkriegen vorläufig erledigt und steigt gerade wieder zu historischer Größe auf –, was hat Xi Jinping zur Weltlage zu sagen?

China schwächelt. Unter der Überschrift hatte Böge das Vorfeld des Parteitags bestellt. Sie hat offenbar ein Problem. Die Zahl der Menschen, die noch glauben, was Böge aus Beijing zu berichten weiß (und zu berichten hat), hält sich vorläufig im Deutschsprachigen zwar konstant auf beruhigendem Niveau. Aber die fleißige Fernost-Korrespondentin hat nach Feierabend möglicherweise einen etwas weiteren und freieren Blick auf die Welt, als sie ihn für ihre Leserschaft für richtig hält. Da könnte ihr aufgefallen sein, dass derzeit, auf die Menschheit hochgerechnet, die Zahl derjenigen statistisch relevant abnimmt, die noch für bare Münze halten, was da an Nachrichten und Geschichten, weltweit unisono und bögemäßig blubbernd und bollernd und ballernd aus dem Info-Pipelinenetz des freiheitlichen Westen quillt.

Machen wir’s kurz. Niemand wird leugnen, dass der Trikont – die drei so lange aus der Weltgeschichte verdrängten Kontinente Afrika, Südamerika und Asien – sich neu sortiert. Er tut das auf atemberaubend widersprüchliche Weise, aber es tut sich was. Der Westen stemmt sich konzentriert wie nie zuvor mit kriegerischen Interventionen dagegen, deren 469 waren es laut wissenschaftlichem Dienst des US-Kongresses seit 1978 (siehe Nachdenkseiten). Die letzte findet gerade in der Ukraine statt. Die nächste wird schon in Taiwan vorbereitet.

Unter den vielen Zitaten aus Ji Jinpings Parteitagsrede hat sie bedauerlicherweise das interessanteste weggelassen, jenes, in dem Xi von „globalen Veränderungen“ spricht, „wie sie in einem Jahrhundert nicht gesehen worden sind.“ Starker Tobak. Wenigstens nach der Arbeit könnte sich da doch möglicherweise die Frage stellen: Was meint er denn damit? Und hat es möglicherweise mit globalen Vorgängen zu tun, welche die so lange schon bestehende Weltordnung im Moment gerade so sehr verändern, dass dieselbe sich unter vielleicht apokalyptoiden Umständen am Ende in ihrer gewohnten kolonialistischen Gestalt nicht mehr wiederfindet?

Seit Untergang des Realsozialismus ordnet sich die Welt neu. Die USA drängen mit ihren annähernd 800 Militärstützpunktern in aller Welt auf alleinige Weltherrschaft. China und Russland haben sich dagegen für eine unilaterale Ordnung entschieden. Wie werden sich am Ende Indien, Pakistan, Brasilien, Arabien, der Senegal, der Kongo und andere entscheiden? Am Ende werden sich zwei große Lager gegenüberstehen. Von denen freilich das kleinere zurzeit immer noch etwas kleiner wird. Und sich aber treu bleibt. Nachdem die koloniale Ordnung für immer dahin ist, setzt es auf koloniales, blutiges Chaos, mag es kosten, was es wolle, es ist den Preis wert. Hauptsache billige Rohstoffe. Alles oder nichts. Das Problem dieser Losung des Westens: in dem „nichts“ steckt das Schicksal der Menschheit, unser aller Leben.

Dagegen stellt das Lager des Trikont – es repräsentiert, so zögerlich wie schwer durchschaubar zusammenwachsend, im Moment um die Dreiviertel der Weltbevölkerung – die Forderung nach einer veränderten, nämlich einer unilateralen Weltordnung. Nach den Regeln einer entsprechend den veränderten Kräfteverhältnissen neu gestalteten UNO werden sich in ihr die Völker vielleicht endlich darauf besinnen, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Es wird endlich das schöne Wort „fair“ nicht mehr den albernen Wortspielen des Marketing vorbehalten sein und niemand mehr wird hämisch und bösartig über China herfallen oder über sonst wen, der nicht spurt.

Soweit ist es vermutlich noch lange nicht. Aber es ist erkennbar soweit, das die Völker in einer, so weit wie vielleicht noch nie zugespitzten Lage des Planeten, beginnen, sich der Schlussfrage aus Brechts Solidaritätslied zu besinnen, die da, plötzlich wieder aktuell und frisch, immer noch lautet: Wessen Morgen ist das Morgen / wessen Welt ist die Welt? junge Welt, Oktober 2022

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