Ein Sommer in Schwalingen (1977)

Bleistift, 1977

Natürlich ist nicht überall Schwalingen. Man muss sich sein Schwalingen suchen, wenn man Schwalinger Ferien machen will. Man braucht dazu 1 kleines Dorf, viele Wiesen, Felder, Wälder, reichlich Himmel, 1 Wolldecke zum Draufsitzen oder -liegen, Hängematten zum Durchhängen, 1 Fernglas, gute Bücher, Appetit und liebe Gesellschaft, so ungefähr. Viel Geld kostet’s nicht. Denn Schwalingen liegt eine Autostunde vor unserer Stadt. (es liegt eine Autostunde, vor fast jeder Großstadt).

Die Straßen sind schmal und ziemlich schlecht asphaltiert. Sie führen durch gelbe Roggenfelder (das Korn stand voll auf dem Halm, als wir nach Schwalingen kamen), durch Kartoffelschläge, die selten geworden sind, vorbei an Birkenwäldchen, an Einzelhöfen, kleineren Dörfern. Unser Dorf ist unscheinbar. Es ist so klein, dass es irgendwann einmal vielleicht vergessen werden wird. Die Dorfschule ist seit langem zu vermieten. Läden findet man nicht mehr, die Bauern kaufen im Supermarkt ein, zehn Kilometer weiter.

Eier holen wir uns bei der Nachbarin. zwanzig Pfennig kostet das Ei frisch unter der Henne weg. Auch das Gemüse schenkt uns manchmal Frau Lünzmann. Sie holt es aus ihrem Garten, gleich hinter der Kuhweide zwischen den Obstbäumen. Er gehört zum Besitz der Bauern Lünzmann seit 200 Jahren. Auf dem Hof steht auch unser Ferienhäuschen, eine ehemalige Büdnerkate. Sie ist klein und gemütlich. Von der niedrigen Decke hängen überall die gelben, klebrigen Spiralen der Fliegenfänger voller schwarzer Fliegenleichen. Sie gehören dazu auf dem Land wie die quietschende Pumpe in der Küche, mit der wir das Wasser zum Kochen und waschen aus der Erde heraufholen oder wie das Klo von der Sorte, die noch ohne Wasser funktioniert.

Morgens fährt Frau Lünzmann auf dem Fahrrad vorbei. Am Lenker baumelt die große Blechkanne für Bohnen, Salat, Mohrrüben, Schnittlauch. Sie hat ein blaues Kopftuch um und sagt: „Heute gibt’s bei uns quer durch den Garten!“

Man kann die Tage lesend in der Hängematte verbringen, im Schatten zweier Birken, kann den Kühen,beim Grasrupfen und Kauen zuhören, man kann einschlafen. Man kann aufwachen, Hunger haben, etwas essen, weiterlesen oder weiterschlafen. Schön ist es auch, das blaue vom Himmel zu gucken und den weißen Wolken mit den Augen zu folgen. Man kann Buchfinken und Amseln zuhören oder den Mehlschwalben zusehen, wie sie Mücken jagend über die Wiese sausen. In meiner Hängematte, das Fernglas und einen Roman auf dem Bauch, wundere ich mich, was auf so einer Wiese alles los ist, wenn man genauer hinsieht.

Wir haben uns einen „Naturführer“ gekauft, bevor wir losfuhren. Kein wissenschaftliches Spezialwerk. Mehr etwas für Laien wie uns. Aber Schmetterlinge sind für uns seitdem nicht mehr einfach Schmetterlinge und Käfer sind nicht nur mehr Käfer: Auf unseren Spaziergängen lernen wir Kohlweißlinge, Zitronenfalter, Admirale kennen. Über den Weg kriechen geschäftig ein Waldbock und der Kartoffelkäfer. Lupinen zum Beispiel kannte ich zur Not. Jetzt interessiert mich auch das Aussehen der Wicken oder des Hirtentäschel. Wir schlagen alles nach.

Und dann die Vögel. Amsel, Drossel, Fink und Star, und die ganze Vogelschar waren mir noch aus den Volksliedern in der Schule bekannt. In schmal in Schwalingen weiß toll, sie durchs Fernglas zu beobachten. Oder die Bussarde und Weihen, wenn sie fremd und grau unterm Himmel kreisen oder schweben. Ihr gellender Schrei hallt weithin, und manchmal, wenn sie auf Jagd sind, fliegen sie dicht über unsere Köpfe hinweg.

Wenn wir so durch die Landschaft pirschen, in Gummistiefeln und olivgrünen Parkas, achten wir darauf, dass uns der Wind ins Gesicht bläst, nicht dass er uns von hinten wehend den feinen Nasen der Waldtiere verrät. Wir saßen oft lange Abende auf leeren Hochsitzen, tauchten ein in die Welt des Waldes, hörten der Stille zu, beobachteten Rehe, Hasen, Karnickel – und fanden das sehr aufregend! Dabei ist das sicherlich für viele Menschen überhaupt nichts Neues. Für uns Großstadtkinder war es ein Abenteuer. Wir entdeckten Selbstverständliches, Kleines, Vergessenes noch einmal neu.

Neues lernen, neugierig werden im Abenddämmer am Waldrand, Gefühle wiederfinden, sie ohne Scheu „erhaben“ nennen. Und gut essen, lange schlafen, süß arbeiten, hart faulenzen. So kann Urlaub sein, man muss nicht unbedingt weit wegfahren dazu. Fremde Länder zu entdecken, ist gewiss schön oder aufregend. Aber unsere Heimat hat auch viel zu bieten. (Sommer 1977, Unsere Zeit).

TIEF AUS DEM ARCHIV (Feuilleton, Politik)

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