
Der Pranger richtet sich seit mehr als tausend Jahren an alle, die es wagen, sich den Mächtigen in den Weg zu stellen: So wie diesem hochgekommenen Busfahrer aus Venezuela wird es allen ergehen, sagt das Bild. Eine Kampfansage. Sie wendet sich in diesen Tagen drohend an alle Bewohner Südamerikas: damit ihr endlich wieder unter den Stiefel kommt, wo ihr nun mal hingehört, sagt es. Die für menschlich fühlende Leute eine bestimmte Sorte demoralisierende, niederschmetternde, erniedrigende Wirkung des Bilds wird ihr Ziel im dritten Jahrtausend auch in Europa nicht verfehlen. Die unfassbare Brutalität dieses grauen, urnächtlichen Schnappschusses macht namenlose Angst und Albträume, Maduro wird zur Identifikationsfigur. Nicht der Schande, aber der totalen Machtlosigkeit, der Ohnmacht. Wer solche Bilder postet, schreckt vor nichts zurück. Er kennt keine Grenzen mehr. Wo ist Rettung?
Die UNO steht seit der staatlichen Implosion ihrer Garantiemacht, der UdSSR, nur noch auf dem Papier. Und EU und Nato? Aus ihrer Ecke kommt nicht mal geheuchelte Empörung. Wie haben sich dieselben Leute im Fall jenes „brutalen, völkerrechtswidrigen Überfalls“ anno 2022 gebärdet. Und jetzt? Ein im Extremfall kritisch gemeintes „bedenklich“ (Klingbeil) auf den Lippen, verharren sie auf dem Trittbrett der globalen Völkermörder. Ein paar Scheine vom Tisch der Weltmacht des Dollars – und sie machen alles, was verlangt wird. Die Einheitsmedien implementieren diese Schande, indem sie auf Kurs bleiben. Noch auf den vom Pranger in den Elendsknast verschwundenen Maduro prügeln sie ein. Man kann nicht so viel essen…und so weiter.
Für informierte Menschen bleibt der Blick auf den globalen Süden. Vom Spanischen über das Britische Weltreich bis zum heutigen Dollar-Imperium – nie haben dominierende Weltmächte verhindern können, dass ihnen mächtigere Gegner erwuchsen. Bis zur staatlichen Implosion der Sowjetunion standen sich zwei ökonomisch-ideologisch konträre Weltsysteme gegenüber. Das überdeckte die kolonialistische versus antikolonialistische Ebene des Konflikts.
Ging es eben noch West gegen Ost, Kapitalismus gegen Kommunismus/Sozialismus und fand der Kampf Oben gegen Unten fortwährend in den einzelnen kapitalistischen Staaten statt – hat sich das Bild globalisiert: der Kampf Oben gegen Unten sortiert sich seit Beginn des chinesischen Aufstiegs zur – etwas anderen! – Weltmacht mehr und mehr nach den Interessen einzelner Länder. Die Welt demokratisiert sich. Am Ende immer schnellerer, auch geopolitischer Konzentrationsprozesse steht auf der einen Seite ein hyperautoritärer US-Riese mit Weltherrschaftsanspruch. Auf der anderen eine wachsende, auf Kooperation und gegenseitigen Nutzen ausgerichtete Staatengemeinschaft in Bündnissen wie BRICS und SCO (Shanghai Cooperation Organization).
So richteten sich, als der erste Schock des Überfalls auf den Politiker eines anderen Landes verklungen war, viele Augen und Ohren auf die Mitgliedsstaaten der BRICS, vor allem auf Russland und auf China. Beide protestierten scharf und blieben wie stets besonnen. „Wir waren nie der Meinung, irgendein Land sollte als Weltpolizist auftreten“, sagte der chinesische Außenminister Wang Ji unmittelbar nach der Maduro- Entführung. „Noch billigen wir es, wenn irgendein Land als internationaler Richter handelt“. Weil genau das aber der Fall ist, sind die Volksrepublik und Russland immer penetranter herausgefordert, irgendwann mit der Kritik der Waffen zu antworten.
Als russische Truppen im Februar 2022 ukrainischen Boden betraten, ging im Westen das Wort um: so wie es war, wird es nie wieder sein, eine von vielen Tatsachen widerlegte Zweckbehauptung. Diesmal trifft sie zu. Der demokratisch gewählte Staatschef eines souveränen Landes, mit verbundenen Augen in Handschellen von Verbrechern als Verbrecher präsentiert: damit ist die Welt aus den allerletzten Fugen und niemand vermag im kalten Januar 2026 zu sagen, wann sie in der Lage sein wird, sich unter welchen Umständen und ob überhaupt ein neues Gefüge zu geben.
